Eine Waffe gegen vertrottelte Clubbetreiber
Text: Kerstin Brett aus De:Bug 39

Female Pressure
Eine Waffe gegen vertrottelte Clubbetreiber

Infrastruktur
Vier Frauen rockten letztlich das Wiener Flex. FEMALE PRESSURE [FP] nannte sich der Abend. Das sollte eigentlich nichts aussergewöhnliches sein. ABER anscheinend “gibt es ja kaum weibliche DJs und Producer”, und deshalb kann man sie auch nicht buchen oder für den nächsten Remix anheuern. Electric Indigo hing diese Weisheit schon gründlich zu ihrem schönen Halse heraus, als sie vor eineinhalb Jahren beschloss, zur pragmatischen Aktion überzugehen. Daraufhin startete sie zusammen mit Designerin Lucia Possas und der quintessenz im Juli letzten Jahres “Female Pressure”.
FP ist zunächst eine Datenbank im Netz für weibliche Djs und Producer. Wer weiblichen Geschlechtes ist und Musik macht, kann dazugehören. Entweder man wird Electric Indigo durch Dritte empfohlen, was ja ein einfaches ist, da es “ja kaum weibl. DJs und Producer gibt”, oder man meldet sich über das Feedbackformular der Indigo-Inc-Site: “FP dient zur Information anderer und Kommunikation untereinander.” Die Entwicklung dieser grundlegenden Infrastruktur war offensichtlich überfällig, denn inzwischen brummen die Daten: etwa 150 Sound-Frauen aus derzeit 17 Ländern finden sich in der Datenbank, auf der angeschlossenen Mailingliste immer noch rund 80, die Wachstumstendenz ist dynamisch. Aus diesen Grundlagen entstehen zunehmend Folgeaktivitäten, Diskussionen kommen in Fahrt, Projekte gruppieren sich. Demnächst werden zusätzlich zu den Kategorien DJ und Producer auch Vocals und Visuals eingeführt und vernetzt. Indigo: “Es war schon verdammt auffällig, dass ich mit den meisten Typen in Kontakt blieb und mit den meisten Frauen eben nicht. Dagegen wollte ich endlich etwas unternehmen.”

Wahrnehmungsprobleme
In Zukunft sollte FP zunächst der verbreiteten Ignoranz von Clubbetreibern und Bookern Abhilfe verschaffen. Vielleicht gelingt es dann ja auch Groove-Herausgeber Thomas Koch bei der 20-Jahre-Groove-Party zumindest eine Frau zu buchen. Anlässlich der 10 Jahre Groove Party waren dort tatsächlich ca. 20 DJs und Acts am Start. Darunter befand sich keine einzige Frau. Auf die Frage, warum denn kein einziger weiblicher DJ dabei sei, antwortete Koch alias Dj T: “Monika hat leider schon einen anderen Gig.” Super nachgedacht, aber kein Einzelfall. Beim “Musik und Maschine”-Kongress in Berlin am 5. und 6. Juli [“Musik und Maschine” ist ungefähr so etwas wie Female Pressure nur für Jungs] trafen wir eine einzige Frau an. Mo von EMD [elektro music department], und die musste sich selbst einladen. Jeff Mills hätte ja eine Dame geladen, aber die konnte nicht, weil… Passenderweise hat Mills sich und anderen schon im Januar auf axisrecords.com die Frage gestellt, warum immer weniger Frauen in der Club- und Partylandschaft anzutreffen seien, vor wie hinter den Decks: “Why are there so few females?” Wenn man nicht gerade gegessen hatte, konnte man sich in der Folge abenteuerliche Antworten zu Gemüte führen. Dan [daniel_feltham@hotmail.com]: “Women just don’t seem to understand.” Lars aus Finnland [alkemist@x-rust.org]: “Women are not exactly the type of people who would FIRST rush out and buy a couple of turntables and then fill up their makeup bag – and I feel I’m not being a chauvinist, because in true world, the majority of girls who spend their time in venues, are more interested in taking drugs, making up for hours and dancing to the latest Binary Finary 2001.” Zur Gesichtswahrung seiner Geschlechtsgenossen trug lediglich Claude Young bei, der anmerkte, dass er eigentlich ziemlich vielen Frauen, seien sie nun aus Europa oder den Staaten, Gigs und Kontakte zu verdanken hätte. Gleichzeitig zeigte sein Beitrag, dass die Millsche Frage eine dumme war: Nicht die Abwesenheit von Frauen in der elektronischen Musiklandschaft ist das Problem, sondern die fehlende Wahrnehmung ihrer Anwesenheit.

Angewandter Femalismus
Durch FP sollte diese Wahrnehmungsleistung auch für unterbelichtete Veranstalter möglich sein und in der Folge die Plug-and-Play-Buchung weiblicher Acts für die eigene Veranstaltung. Darüber hinaus wird gemunkelt, dass es 2001 zu einer ersten grösseren FP-Party kommen soll, mit Aktiven aus aller Welt. Und zusätzlich sollen Awards verliehen werden. Bislang könnten diese allerdings nur als Aushilfspreise für Funken des guten Willens vergeben werden [Gigolo oder sogar das Siegessäulen-Event], aber schon nächstes Jahr wird mit echten Nominees gerechnet. Dazu sollen Preise für praktische Leistungen wie der Award für “Innovativste Menstruationsbeschwerdensbekämpfung während einer DJ-Session” kommen. Vielleicht für Olivia Who aus London?

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Elektronische Lebensaspekte.