Sein neues Album hinter der Wall Of Sound
Text: Eike Kühl aus De:Bug 129


Gitarre, Effekte, Rechner, Fennesz. Ob düster körnig oder fast schon lieblich mit oder ohne Vocals von David Sylvian, für oder gegen das Piano von Ryuichi Sakamoto … Fennesz hat mit seinen dronigen Sounds nicht nur anderen Musikern seinen Stempel aufgedrückt, sondern die Wall Of Sound in der Elektronika-Welt populär gemacht. Sein neues Album “Black Sea” ist der erste graue Monolith des neuen Jahres.

Wenig dunkel, mehr rot

Musik lebt von Gegensätzen. Schon seit jeher war es die Verbindung, die Symbiose des scheinbar Gegensätzlichen, die gleichermaßen fasziniert und aufreibt und die ihren Schöpfern, zu ihrer Zeit meist als Querdenker belächelt, später häufig den Titel des Vorreiters bescherte.

So erging es Satie und später Stockhausen, die die bis dato pompöse Klassik in einen Minimalismus packten, ebenso wie Dylan und Miles Davis, die mit der Verwendung von E-Gitarren ihre jeweiligen Genre-Restriktionen sprengten.

Auch Christian Fennesz, der seit knapp 15 Jahren wie kaum ein anderer an der Schnittstelle von digitalem Noise und klassischer Instrumentierung arbeitet und gerade mit “Black Sea” sein erstes Soloalbum seit vier Jahren veröffentlicht, wusste schon immer um die Anziehungskraft der Gegensätze.

fennesz_black-sea

Als My Bloody Valentine Mitte der 80er Jahre ihre Melodien hinter einer epochalen Wall-of-Sound versteckten, damit den Anfang von Shoegaze markierten und auf der anderen Seite des Atlantiks Sonic Youth ihre eigene Definition von Noise-Rock etablierten, spielte der junge Fennesz noch in diversen Punkbands, nicht ohne von der Energie dieser Bands beeindruckt zu sein.

Ich war fasziniert davon, wenn es laut wurde, wenn dieser Noise überhand nahm. Ich mag einfach diese Energie, diese Ästhetik. Viele haben das früher versucht, und viele sind danach auch zur elektronischen Musik übergegangen. Die Vision war eine völlig neue Klangwelt, die ihren Ursprung in der Gitarrenmusik hatte und die Durchführung in der Elektronik fand.

Es dauerte allerdings bis 1994, bis Fennesz als Solokünstler seine eigene Vision von Gitarren, Noise und Elektronika ausdefiniert hatte und auf dem für seine avantgardistischen Clicks&Cuts-Releases bekannten Wiener Label Mego seine ersten Produktionen veröffentlichte. Der Rest ist Geschichte.

fennesz_face-close

Sein Album “Endless Summer” aus dem Jahr 2001 gilt inzwischen als unangefochtener Klassiker des Genres, der Fennesz, zu seiner eigenen Überraschung, vor allem in den USA auch im Indie-Bereich eine ungeahnte Popularität verschaffte, die sich viele Experimental-Elektroniker nur wünschen können.

Von Ankern und Instrumenten

Der Noise, das ständige Hintergrundrauschen, die Statik im Sound gehörte dabei schon immer zu den zentralen Elementen von Fennesz’ Musik, doch ist es weniger der reine Noise als Ausdrucksform, sondern vielmehr die Verschmelzung organischer Elemente mit digitalen Produktionstechniken, die sich mit jedem Album ändern und auch auf dem aktuellen Werk “Black Sea” einer besonderen Soundidee entspringen.

Die letzten Jahre habe ich mich sehr mit akustischen Aufnahmen beschäftigt, mit Mikrofonpositionen im Raum, mit dem Raum an sich. Ich habe sehr viel mit Faltungshall und der Physical-Modeling-Synthese gearbeitet. Es war interessant zu sehen, wie man das reale, das analoge Instrument mit dem künstlichen, dem digitalen Raum vermischen kann.

Das reale Instrument der Wahl war bei Fennesz schon immer die Gitarre, die das Grundgerüst von vielen seiner Kompositionen bildet, mal dekonstruiert und verzerrt, mal überraschend klar und voller kleiner Harmonien, die sich aus dem dichten, rauschenden Wald des digitalen Noise erheben.

Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Technologien und PlugIns, aber die Gitarre ist der Anker, der mich immer wieder zurückholt. Anfang und Mitte der 90er hat mich z.B. auch Techno sehr fasziniert, aber mir ist relativ schnell klar geworden, dass ich bei meinen Produktionen zu dem zurück muss, was ich am besten kann, und das ist eben die Gitarre. Es kommt aber letztendlich nicht auf die Mittel oder den Produktionsprozess an, sondern darauf, ob man eine gewisse Magie entwickeln kann, die darüber steht, eine Meta-Ebene.

fennesz_full

Im Hintergrund

Möglicherweise liegt hierin das Geheimnis von Fennesz, der sich bei aller Soundtüftelei stets eine häufig versteckte, nicht immer leicht erschließbare, aber doch immer vorhandene Romantik in seinen Stücken vorbehält, die der Aura des Akademischen und Kalten, die experimentelle elektronische Musik gemeinhin umgibt, immer wieder zu entweichen weiß.

Es sind Spuren von Sound, die verstreut werden, Erinnerungen an Melodien und verlorene Soundfragmente, die wieder rekonstruiert und vom Hörer interpretiert werden müssen. Kurzum, eine fast schon programmatische “Wärme im Digitalen”, über deren Ursprung sich Fennesz allerdings selbst nicht sicher ist:

Ich tue mich immer sehr schwer mit diesen Kalt-warm-Bezügen, ich verwende da lieber Farben und sehe meine Musik oft in Braun- oder Rottönen. Ich bin sehr verhaftet mit der Popmusik der 70er und 80er Jahre, was immer noch ein großer Einfluss und auch an einigen Harmonien erkennbar ist.

Vielleicht kommt es aber auch dadurch, dass ich ein sehr eigenartiges Gefühl für Timing und Rhythmus habe, dass ich Dinge dehne und an zeitlichen Punkten einbringe, die unerwartet sind. Überhaupt mag ich es, wenn etwas nicht zu perfekt klingt. Die Unregelmäßigkeit interessiert mich, das Schöne im Chaos zu finden ist die Herausforderung. Noise kann beides sein, Chaos und Schönheit.

Aus blau wird schwarz

In Farben gesprochen, scheint das neue Album “Black Sea” seine Stimmung schon im Titel und Cover Artwork zu tragen. Denn wo sich auf dem vor vier Jahren erschienenen “Venice” noch blaues Wasser im Sonnenschein spiegelte, provoziert “Black Sea” eine herbstlich-graue Stimmung, die sich auch in den acht Songs widerspiegelt, auch wenn das nicht geplant war.

Es scheint offensichtlich wirklich düsterer zu klingen, als ich vorher gedacht habe. Auch sind die Tracks länger als früher, was von Grund auf immer sehr E-Musik mäßig wirkt, sehr schwer, auch wenn es durchaus erhellende Momente gibt. Aber gut, wenn es denn als mein ‘düsteres Album’ verstanden wird, dann ist das in Ordnung.

Dass dabei die letzten vier Jahre alles andere als düster waren, beweist ein kurzer Blick auf die Diskografie des Österreichers, die eine beeindruckende Anzahl an Soundtracks, Live-Aufnahmen und Kollaborationen aufweist, darunter Namen durchaus unterschiedlicher Charaktere wie Mike Patton, Jim O’Rourke und Ryuichi Sakamoto, dessen Pianokompositionen Fennesz erst letztes Jahr in sein schon archetypisches Soundgewand steckte.

fennesz_titel

Auch auf “Black Sea” fließen sowohl Liverecordings als auch Kollaborationen ein, Ersteres in Form einer Aufnahme mit dem neuseeländischen Künstler Rosy Parlane in Paris, Letzteres mit dem präparierten Piano von Anthony Pateras, den Fennesz schon vor einigen Jahren in Wien traf.

Dennoch behält sich Fennesz für seine Soloarbeit stets eine ganz eigene Message vor, die in der Auswahl der verwendeten Hard- und Software beginnt – für Fennesz schon ein eigener Kompositionsprozess, ähnlich der Zusammenstellung eines Orchesters – und nur langsam heranreift, was die Zeitspanne zwischen zwei Alben erklärt.

Die Kollaborationen beeinflussen mich stark und ich lerne natürlich auch von den Leuten, gerade weil alle so verschieden sind. Aber bei meinen Solosachen kann ich mehr ausprobieren, da traue ich mich mehr. Meine ganze Arbeit ist eine Entwicklung, die 1995 angefangen hat und jetzt eben bei ‘Black Sea’ angekommen ist.
Alben müssen immer ein Statement haben, und das war in den letzten Jahren einfach nicht so. Ich gehe immer wieder durch den gleichen Prozess, verwerfe Tracks komplett und fange neue an. Am Schluss bleibt dann die Essenz der Arbeit der letzten Jahre übrig.

Die Essenz der aufreibenden Arbeit wirkt inzwischen weniger radikal als ausformuliert im Vergleich zu früher, ist das Ergebnis eines Reifeprozesses und durchaus auch eine Annäherung an klassische Songstrukturen, von denen sich Fennesz nie abgegrenzt hatte.

Und überhaupt, wie auch bei den zu Beginn genannten Größen, war die Verwendung augenscheinlicher Gegensätze nie bloß Mittel zum Zweck, sondern vielmehr eine natürliche Ausdrucksform. Doch dass Fennesz’ Sound nach 15 Jahren populärer denn je ist, scheint die anhaltende Faszination an der Verbindung des Glatten und Ungeschliffenen zu bestätigen, was Fennesz im Übrigen sehr entspannt sieht.

Ich habe im Laufe der vielen Jahre, die ich jetzt Musik mache, nicht mehr diesen Druck, etwas schnell releasen zu müssen. Damit komme ich besser zurecht, damit wächst man auch.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.