Das Fernsehen wird digital und wir alle sind dabei. Bis 2010 ist die Umstellung von analog auf digital abgeschlossen. Was das bringt, steht noch strobowolkig im Raum. Niemand weiß Genaues. Einige Vermutungen.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 69

Adieu, ade – analog
Das Fernsehen wird digital

50 Jahre Fernsehen. 50 Jahre Tagesschau. 8 Uhr. Ginggong-Tremolo, Posaunen, die nach vorne gehen. Die Beats der Tagesschau-Melodie haben sich über die Jahre gewandelt, das Fernsehverhalten nicht. 8 Uhr ist Nachrichtenzeit. Die Nachrichten des Tages werden verlesen und krampfhaft bebildert auf den Zuschauer losgelassen. Das wird sich ändern. Nicht der Inhalt, sondern das Flitzen, um das Ausgangsgerät um 8 Uhr zu starten. Ende März endet die analoge Ausstrahlung des TV-Programms. Fortan kann man mit der digitalen Ausstrahlung bei entsprechender Programmierung des Decoders sich die Zeit aussuchen, um die Tagesschau zu sehen.

Äh, ich brauche ein neues Gerät?
Zunächst heißt es Decoder besorgen. Set-Top-Box-Kauf, so hat es die Bundesregierung beschlossen. Der TV-User hat die Wahl zwischen Geräten von 200 Euro bis 800 Euro, Sozialschwache dürfen sich für ein Leasingmodell für 10 Euro im Monat entscheiden. Henk Erik Meier von der Universität Potsdam betont: Der Ausstieg aus dem analogen Fernsehen bis zum Jahre 2010 ist beschlossene Sache. Eine Geräteumstellung ist daher für jeden Fernsehteilnehmer zwingend erforderlich – bis dahin – bis 2010 – werden die heute laufenden TV-Geräte mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso ersetzt werden müssen, da ihre Lebensdauer beendet ist. Höchstwahrscheinlich werden bald auch TV-Geräte auf den Markt kommen, in die eine Set-Top-Box integriert ist.
Aber man hat nicht unbedingt nur die Konsumankurbelung unserer brachliegenden Ökonomie im Blick. Sascha Bakarinow von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg argumentiert verfassungsrechtlich: Die Länder erfüllen mit der Umstellung eine an sie gerichtete verfassungsrechtliche Forderung nach der Verbesserung der technischen Infrastruktur. Es mag sein, dass Einzelne der Meinung sind, das bisherige Programmangebot reiche ihnen völlig. Das ist aber nicht der Orientierungsmaßstab. Der Maßstab für die Länder ist, auch über die Antenne die Vielfalt der Meinungen wiederzuspiegeln. Und das können sie bei der Fülle des Angebotes nur, wenn sie die Antenne modernisieren. Technologie rult. Wer aber hat seine Wahlentscheidung oder Nichtentscheidung für oder gegen die Bundesregierung von der Entscheidung für oder gegen digitales Fernsehen abhängig gemacht? Die Frage kann nicht hinreichend beantwortet werden, aber breitgesellschaftlich trifft man bei Nachforschungen auf Unwissenheit und Überraschung. Digi-TV?

Speichern statt wiederholt senden
Immerhin: Interessant ist das Modernisierungsargument bezüglich des Fernsehens. Zweifelsohne bietet digitales Fernsehen eine ganze Palette von Anwendungen, die ein analoges Gerät nie hatte. Das Programm kann auf einer Festplatte von bis 200 Stunden Speicher aufgenommen werden – solange sich die Gerätehersteller durchsetzen und die Kopierbarkeit gewährleistet bleibt. Zuschauen ist damit nicht mehr vom Programm abhängig. Frei nach dem Motto: Ich gucke wann und was ich will. Die Anzahl der Kanäle wird aufgrund von Kompressionsverfahren zunehmen, Sparte und Specialinterest sind damit Tür und Tor geöffnet. Zusatzdienste wie Rechneranwendungen, Internet, Email, (Netzwerk-)Spiele und die Home-Flanke von -Banking bis -Shopping sollen künftig über das TV laufen. Und das Ganze soll auch noch portabel möglich sein. Fein. Dann kann ich also bei jeder Dienstnutzung erstmal knobeln, ob jetzt Laptop, Handy oder doch TV-Gerät mein Favorit des Tages ist.
Ein Punkt am Modernisierungsargument ist aber noch interessanter. Jährlich gibt es schon jetzt mehr als 250 000 Stunden TV-Programm. Ein großer Teil davon sind Wiederholungen. Die Klassiker auf Kabel1 oder die ARD-Anstalten, die in den vergangenen Monaten etwa fünf Mal den Georg-Lazenby-James-Bond ausgestrahlt haben. Wenn der Zuschauer sein Lieblingsprogramm privat speichert, gehen Wiederholungen somit am Markt und an der Quote vorbei. Gleichzeitig werden Film- und Fernsehklassiker natürlich auch auf DVD vermarktet. Überdies sind die Kosten für das Programm gestiegen. Von 1960 bis 1999 steigerten sich die Kosten für die Lizenzierung pro Film von 15 000 Euro auf 450 000 Euro. Kosten steigen, billige Wiederholungen funktionieren nicht mehr. Was nun?

Erobert Special-Interest endlich deinen Fernseher?

Hermann-Dieter Schröder vom Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung sieht es locker: Das Konzept der Wiederholungen wird an seine Grenzen stoßen. Wenn die meisten Haushalte in der Lage sind, die Sendezeit und die Nutzungszeit durch die Aufzeichnung per Festplatte zu entkoppeln, dann werden die kurzfristigen Wiederholungen weit gehend sinnlos. Und das Prinzip “jetzt oder nie”, mit dem das Fernsehen groß geworden ist, verliert weiter an Bedeutung. Er fügt hinzu: Je mehr Nachfrager es gibt, desto höhere Preise kann man durchsetzen. Dies ist eine Chance besonders für jene, deren Inhalte bisher niemand kaufen will. Je spezialisierter die Kanäle, desto besser die Chance, Inhalte zu finden, die ganz spezielle Minderheitsinteressen aus dem Publikum befriedigen. Für die heute führenden Programme wird dadurch ihr Marktanteil geringer, so dass die Programme nicht mehr ein so großes Publikum erreichen. Und deswegen sind auch die Ertragschancen und die Zahlungsbereitschaft der Veranstalter begrenzt. Henk Erik Meier differenziert an diesem Punkt: Je kleiner die Nutzungsgruppen spezialisierter Digitalangebote sind, umso kleiner wird die Finanzierungsbasis der Programme, wenn die Zielgruppen nicht eine außerordentliche Zahlungsbereitschaft für Pay-Angebote zeigen, was auf dem deutschen Markt bislang eher unwahrscheinlich ist. Eine Alternative wären verbesserte Refinanzierungsmöglichkeiten durch neue Zusatzangebote. Allerdings hat die bisherige Entwicklung gezeigt, dass auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das heißt: Bei einer Ausweitung der Kanäle reduziert sich für jeden Sender die Finanzierungsbasis. Das heißt wiederum, dass die einzelnen Programme kostengünstiger arbeiten müssen. Das wird bedeuten, dass die neuen Fernsehangebote wohl unter Unterschreitung bisheriger Produktionsstandards produziert werden müssen.
Das digitale Fernsehen bietet also Chancen, Formate zu entwickeln, die bislang nicht in den Rahmen der Meinungsvielfalt passten. Wie wäre es also mit De:Bug:TV, dem Brand-Eins-Channel oder der Klubradio-Welle? Alles im Rahmen des Möglichen. Aber die bisherigen Standards müssten hierzu unterschritten werden. Sascha Bakarinow: Die Kosten für einen digitalisierten Kanal im Verhältnis zu den Kosten eines analogen betragen etwa 150 % – aber auf einem digitalisierten Kanal werden vier Programme ausgestrahlt. Real sinken damit die Kosten für die Ausstrahlung eines Programms auf etwa ein Drittel. Für die Veranstalter wird es also billiger. Na immerhin.

Was ist denn hier wirklich wichtig?

Das Problem ist jedoch auch die Endlichkeit der Bilder. Um den Zuschauer für etwas zu interessieren, bedarf es immer auch einer Relevanz und Qualität der zu transportieren den Informationen, die im Falle des Fernsehens natürlich auch bildlich transportiert werden müssen. Bei der Tagesschau als TV-Format zeigt sich trotz aller hohen journalistischen Standards beispielsweise diese Endlichkeit der Bilder. Wie oft sieht man einen Politiker aus irgendeiner Tür kommen und ein Statement abgeben. Was sagt uns dieses Bild? Die Tür ist uninteressant, der Gang meistens auch. Ob der Anzug schwarz oder grau meliert oder anthrazit ist ebenfalls. Wichtig ist die Information der Rede. Die Bilder sind einzig eine Bildmatte, die das Medium Fernsehen fordert. Will man also Special-Interest-Formate entwickeln, die wirklich Sinn machen, einen Anspruch erheben und nicht allein der new-economynösen Geldvernichtung dienen, muss man sich intensiv mit der visuellen Ästhetik auseinandersetzen. Darüber hinaus auch Strategien entwickeln, Ressourcen so zu nutzen, dass die niederen Produktionsstandards einen Einfluss auf die Rechnung haben. Die Entwicklung hat gerade bei den Nachrichten schon begonnen: Ein TV-Reporter ist gleichzeitig Kameramann, Kameraassistent, Cutter und Redakteur. Dass dies aber keine Lösung ist, hat Viva Plus eindeutig demonstriert. Die Grottigkeit des Genres und der gelieferten Ware, war kaum zu unterbieten und verursachte nicht zuletzt den frühen Abgang des Gorny-Hoffnungsträgers.
Was also ist die Lösung? Verwertungsketten erweitern, wie Meier vorschlägt? Sicherlich, beim Spiegel beispielsweise arbeitet man bereits daran: Magazin, Buch, TV, etc. Grenzen hat das natürlich auch. Fakt ist und bleibt aber, dass der hohe journalistische Standard einer Tagesschau beispielsweise mit hohen Kosten verbunden ist, die für ein Special-Interestpaket kaum zusammenzukratzen sind. Hier also ist die individuelle Entscheidung zur Bestimmung eines inhaltlichen und formalen Schwerpunktes unerlässlich. Die Chancen des digitalen Fernsehens sind auch seine Grenzen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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