Hollywood drängt ins Internet, Streaming legt es nahe. Aber selbst Steven Spielberg fällt zum neuen Format nichts anderes ein, als 50 Millionen Dollar in den Glasfaserweiten zu verballern. Die Dinosaurier sind müde.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 40

ACHTUNG DAVON IST WAS LINKS OBEN AUF DEM COVER…

It’s only a Stream
Willkommen in der Fernsehfalle: Hollywood scheitert am Netz

Was für eine verrückte Welt. Off-Filme werden dank Web-Kampagne zu Kassenschlagern, Blockbuster-Produzenten scheitern kläglich im Netz. Jüngstes Opfer: Steven Spielberg, der sich gerade mit Pop.com die Finger am Web sowie einen ganzen Haufen Venture Capital verbrannt hat.

Was mag Steven Spielberg träumen? Und wie sieht es wohl aus, wenn einer seiner Träume plötzlich Wirklichkeit wird? Antwort darauf hätte uns eigentlich ein Flash-Film der Entertainment-Site Pop.com geben sollen. Doch zu seiner Ausstrahlung in der Reihe “It’s only a dream” wird es nicht mehr kommen – Pop.com blieb selbst nur ein Traum. Noch vor dem offiziellen Launch wurde die Site jetzt beerdigt.
Pop.com sollte Spielbergs Internet-Offensive werden. Im Oktober letzten Jahres kündigte Dreamworks an, dass man das Netz mit exklusiven Inhalten und großen Namen erobern werde: Julia Roberts, Eddie Murphy und Jodie Foster wollte Hollywood uns damit auf den Desktop bringen. Microsoft-Mitbegründer Paul Allen investierte 50 Millionen Dollar in das Projekt, John Howard und Steven Spielberg setzten sich an den Schreibtisch und entwickelten eigene Formate für Pop.com. Alles klang großartig.

Schuld war nur die böse Börse

Doch in den folgenden Monaten wird der Launch-Termin mehrmals verschoben. Immer wieder gelangen verwirrende Meldungen darüber nach draußen, was Pop.com denn nun eigentlich werden soll. Mal ist von einem “MTV fürs Netz” die Rede. Dann soll mit “Popfest” eine Plattform für Kurzfilme unbekannter Filmemacher geschaffen werden, eine Art mp3.com für Flash-Designer. Ein andermal wird gemeldet, man arbeite fieberhaft an interaktiven Inhalten. Im August erklärt dann Jeffrey Katzenberg von Pop.com, die ganze Sache sei doch sehr viel schwieriger, als man sich das vorgestellt habe.
Anfang September soll die Site plötzlich verkauft werden, doch die Verhandlungen scheitern. Einen Tag später wird bekannt, dass die Pop.com-Mitarbeiter ihre Sachen packen dürfen. Noch vor dem Launch gibt man auf. In einem dazu verbreiteten Statement heißt es: “Auch wenn das Internet eine aufregend kreative Möglichkeit für uns bleibt, hat sich der Markt seit unserer ersten Ankündigung dramatisch verändert.” Weiter auf Seite 04

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Deshalb sei das Geschäft mit Pop.com vorerst nicht mehr so interessant. Punkt.
So ein Statement passt wunderbar in die derzeitige Dotcom-Skepsis, in das Gerede von der geplatzten Blase und dem schwachen Börsenkurs der Internet-Wirtschaft. Und es lenkt wunderbar davon ab, dass man auch selbst Fehler gemacht haben könnte. Schuld war nur die böse Börse, was kann ich dafür?

Höhepunkte der Hollywood-Unterhaltung

Schaut man sich einmal die geplanten Inhalte für Pop.com an, könnte man auch auf eine andere Idee kommen: Da hat jemand zwar einen ganzen Haufen Geld gehabt, aber einfach das Medium nicht verstanden. Zum Beispiel diese “It’s just a dream”-Serie. Prominente träumen, und John Howard lässt ihre Wünsche wahr werden. Neben Spielbergs eigenen Schlummerfantasien waren unter anderem Folgen mit Alanis Morissette und Jodie Foster geplant. Aber wer will so etwas sehen? Wahrscheinlich haben die Macher nur einfach nie die gähnend langweilige “Ich habe einen Traum”-Seite der ZEIT gelesen …
In der Serie “Improv Sketch” wollte man “eine Comedy-Truppe in ein Auto packen und gucken, was passiert”. Steve Martin sollte in einer anderen Serie einen Magier spielen, der in jeder Folge seinen Assistenten umbringt. Außerdem sollte Martin dem Publikum über mehrere Folgen berichten, warum er ein Baby mit Gwyneth Paltrow haben will. Und schließlich gab es noch eine Sendung mit dem glorreichen Titel “How to get laid in College.” Höhepunkte der Hollywood-Unterhaltung, ganz gewiss. Aber Web-spezifisch? Interaktiv? Abgesehen von einem von Spielberg entwickelten Adventure-Spiel namens “Shadowland” – Fehlanzeige.

Geht das Den.net anders?

Eine ähnliche Fantasielosigkeit im Umgang mit dem neuen Medium hatte im Sommer schon das Digital Entertainment Network (Den.net) dahingerafft. Mit 33 Millionen Dollar im Rücken hatte man sich dort auf die “Generation Y” eingeschossen. Wer das ist? Na, natürlich gut betuchte Kids zwischen 14 und 24 mit Interesse an Musik, Reisen, Fashion. Ihnen servierte man in der Show “Hip Hop Massive” Videofeatures über die Grafitti-Szene Miamis oder in “Direct Drive” eine kleine Geschichte der Dance-Kultur.
Alles ganz nett, aber nicht besonders Netz-spezifisch. Die Interaktion beschränkte sich bei Den.net vor allen Dingen aufs Konsumieren: Alles, was in den Sendungen vorgestellt wurde, konnte auch online bestellt werden. “Unsere Nutzer akzeptieren massiven Kommerz, vorausgesetzt man versucht ihnen nicht vorzumachen, dass es irgend etwas anderes ist”, erklärte DEN-Chef David Neumann dazu der Presse. Irgend etwas anderes hätte der Site aber sicher gut getan. Irgend etwas, was es noch nicht auf MTV gibt zum Beispiel.

Alte Konzepte für ein neues Medium

Willkommen in der Fernsehfalle: Hollywood scheitert mit alten Konzepten am neuen Streaming Medium. Mittlerweile wird man auch bei Entertaindom.com langsam nervös, und bei Shockwave.com soll es bereits Entlassungen gegeben haben. Das wird hier in Europa einige Firmen sicher nicht davon abhalten, die gleichen Fehler noch mal zu machen – schließlich versteht man sich in dieser Branche auf Wiederholungen. Vielleicht setzt sich aber auch bei einigen Produzenten irgendwann die Erkenntnis durch, dass man fürs Netz nicht unbedingt große Namen und große Budgets braucht. Sondern einfach nur ein bisschen Kreativität.

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Elektronische Lebensaspekte.