Apples kommerzielle Downloadplattform hat innerhalb von zwei Wochen die Jammerwelt der Musikindustrie auf den Kopf gestellt. Jetzt wird es spannend: Entwickelt sich die iTunes-Story zum Job-Wunder oder zum Apple-Alb?
Text: Anton Waldt aus De:Bug 72

Shopping mit I-Tunes

Der in gewohnter Apple-Manier gut durch Raunen und einen Schuss Glamour vorbereitete Start des iTunes-Music-Stores hat bereits kurz nach dem Start einen wahren Verdienstberg angehäuft: Zunächst im Wortsinn, denn nachdem in zwei Wochen rund zwei Millionen Songs à 99 US-Cent verkauft wurden, dürften rund 700.000 Extra-Dollar auf Apples Girokonto lachen und wenn die Geschäfte in diesem Tempo weiterlaufen, freundliche 17 Millionen in der Jahresbilanz. Und das soll erst der Keks sein, den die rund drei Millionen Mac-Nutzer in den USA backen, der Kuchen soll dann von den Heerscharen der PC-Nutzer weltweit kommen. Aber das ist noch nicht alles! Der bisherige Erfolg des E-Kommerz-Ladens hat jetzt schon weltweit die Nerven interessierter Zeitgenossen aus der Endlosrille befreit, in der in den letzten drei Jahren die Musikindustrie die Erfolglosigkeit ihrer eigenen Online-Projekte beklagte. Das tut gut und die Manager der großen Fünf krähen “Oh mein Gott” (Warner) und “Wollen wir auch machen!” (EMI) und andere originelle Sachen. Derweil lachen sich die notorischen Kritiker der dunklen Seite der Musikmacht in ihre schwieligen Fäustchen und krakelen: “Siehste! Geht doch! Wer wirklich arbeiten will, der findet auch einen Job!” Und sogar notorische Filesharer, die sonst an allem Kostenpflichtigen kein gutes Nasenhärchen lassen, murmeln noch was von “Respekt”, aber natürlich nicht zu laut, damit es die Kumpels nicht hören. So weit, so schön kann sich alles zum Besten wenden. Da die Welt und insbesondere die Debug allerdings von notorischen Nörglern bewohnt wird, kommt’s jetzt ganz düster: Es ist weder klar, ob sich der bisherige Erfolg auch nur bei europäischen Apple-Usern fortsetzen lässt, geschweige denn im wirklich lukrativen Markt mit den bedauernswerten PC-Nutzern. Außerdem könnte Apple mit dem iTunes-Store mehr Renommee einbüßen, als Herr Jobs in schwarzen Rollkragenpullies aufwiegen kann.

Wenn aus Sympathie Fiesematenten werden
Beim “iTunes Music Store” können Kunden einzelne Musikstücke für 99 US-Cent oder ganze Alben für 9,99 Dollar zur privaten Nutzung herunterladen. Die Stücke kommen im AAC-Format (auch bekannt unter Mpeg4) mit 128 KBit pro Sekunde und dem bereits integrierten DRM-System (Digital Rights Management). Dies erlaubt es, einen Song beliebig oft für die eigene Nutzung zu brennen. Zudem darf er beliebig auf den iPod und auf bis zu drei Rechner geladen werden. Und diese drei Rechner müssen auch nicht sofort und einmalig festgelegt werden: Will man beispielsweise seine redlich erworbene Songsammlung vom alten auf das Dernier-Crie-Angebernotebook rüberschubsen, regelt das das freundliche DRM-System mit dem Apples-Music-Store-Server. Auf dem liegen dann schon längst auch die Kreditkartendetails des Kunden, denn diese jedesmal neu anzugeben, wenn es einen nach dem letzten Bro‘Sis -Kracher gelüstet, wäre ja auch irgendwie unpraktisch. Nun gibt es jetzt schon Eckensteher (verdächtig oft solche mit speckigen Linux-T-Shirts), die mokieren, dass Mac-User in Wirklichkeit noch dämlicher als Microsoft-Abhängige seien, weil sie Hard- und Software von einem Unternehmen beziehen, was nur durch die ökonomische Niedlichkeit Apples kein vollendeter Monopol-Albtraum wäre. Wir Apple-User (Achtung: Geständniszwang) können uns diesem Einwand in der Regel nur durch versonnenes Streicheln über Designerplastik entziehen. Aber ob das noch ausreicht, wenn das gleiche Unternehmen unsere Kreditkartennummern hat und unsere Festplatten überblickt? Außerdem gibt es ja noch das “M” im DRM und das bedeutet, dass hier jederzeit an den Nutzungsbedingungen geschraubt werden kann und diese so sehr schnell inakzeptabel restriktiv werden können. Logisch wird das Apple nicht freiwillig machen, aber sogar die Verträge mit der Musikindustrie für die jetzige Nutzergruppe sind auf ein Jahr befristet und die für die Ausweitung des Service auf Europa oder PCs sind noch nicht mal unterschrieben und nicht mal die knufte Lieblingsacts des Herrn Jobs – Stones, Beatles und Dylan – sind bislang für den US-Markt lizenziert. Und weil alle Augen auf der kurzen Erfolgsstory ruhen, wird auch bei BMG und Sony eilfertig registriert, dass es jetzt schon Filesharing-Erweiterungen für die iTunes-Software gibt und die passenden Sites gleich dazu.

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Elektronische Lebensaspekte.