Manchmal ist es verdammt knapp. Dann fehlt nicht viel, und ein paar Zeilen Code könnten die Welt des Internets auf den Kopf stellen. Zu dumm, wenn es dann am Ende doch nicht klappt, wie bei Rebol und seinem verpatzten Versuch, Betriebssysteme mit Peer to Peer zu kreuzen.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 65

Carl Sassenrath wollte es noch einmal wissen. Es der Welt noch einmal zeigen. Noch einmal eine Revolution auslösen. Der Plan: Seine Firma Rebol würde die lange angekündigte Version 2.0 des Filesharing-Programms Morpheus entwickeln, dadurch auf Millionen von Desktops schlüpfen und dann per default ständig im Hintergrund laufen. Sassenrath wusste: Filesharing-Nutzer sind immer online. Heute tummeln sich mehr Teilnehmer gleichzeitig in den diversen Tauschbörsen als AOL jemals an hilflosen Rentnern binden konnte. Wer Filesharing revolutioniert, revolutioniert folglich das Netz. Und mit ein bisschen Geschick die Welt der Betriebssysteme gleich noch dazu.

Letzteres war Sassenrath schon in den Achtzigern gelungen. Er entwickelte mit dem Amiga-OS einen Meilenstein. Multitasking, Multimedia, grafische Benutzer-Schnittstellen – alles aus unserer bunten Windows-Welt nicht mehr wegzudenken. Doch als 1985 der erste Amiga mit diesen Features erschien waren PCs noch grau und zwangen ihre Benutzer zur Eingabe kryptischer Kommandos. Der Amiga dagegen zauberte bewegte Animationen mit ganzen 4096 Farben auf den Monitor. Keine Frage, das war die Zukunft.

Das Internet Operating System

Nur fand die Zukunft aufgrund von Markt-Fehleinschätzungen und Misswirtschaft dann doch ohne den Amiga statt. Stattdessen wurde der PC zur Multimedia-Plattform und Sassenrath verschwand von der Bildfläche. Seit zwei, drei Jahren ist er wieder da. Will noch einmal eine Revolution starten. Sein neuestes Kind, Rebol, wird nicht zufällig wie Rebell ausgesprochen. Aber was ist Rebol? 1999, als Napster noch in den Kinderschuhen steckte, erklärte Sassenrath in einem Interview: “Mir geht es um ein neues Modell für Distributed Computing, nicht um eine weitere Programmiersprache.” Konsequenterweise schuf er mit Rebol trotzdem eine weitere Programmiersprache – aber eben eine für dezentrales Internet.

Das Netz, so wird Sassenrath nicht müde zu betonen, sei zu mehr fähig als nur zum Vermitteln statischer Inhalte. Seiner Vision nach wird das Internet der Zukunft aus ausführbaren Programmen bestehen, aus kleinen Modulen, interaktionsfähig und unabhängig von statischen Server-Client-Modellen, wie wir sie täglich im World Wide Web erleben. Programme, die alle Endgeräte miteinander verknüpfen – egal, was für ein Betriebssystem auf ihnen läuft – und mithin Betriebssysteme praktisch überflüssig machen. Sassenraths Firma hat ihre Groupware-Lösung zum Firmeneinsatz deswegen gleich auch vollmundig “Internet Operation System” genannt.

In einigen Punkten ähnelt Sassenraths Vision der von Bill Gates, der mit seiner .NET-Strategie das Netz um dezentrale Programme und Services erweitern will. Auch Suns Java hat Ähnlichkeiten mit Rebol. Doch im Unterschied zu Sun und Microsoft setzt Sassenrath auf radikale Reduktion. Auf einfache Lösungen, auf maximale Effizienz. Wie in alten Amiga-Zeiten, als man mit billiger Hardware realisierte, was die Konkurrenz mit ihren teuren Bürocomputern erst Jahre später schaffen sollte.

Rebol verzichtet deshalb auf jeden unnötigen Ballast. Die Basis-Dienste des Internets werden schon von Haus aus unterstützt, um die aus dem Netz ladbaren Skript-Programme – im Firmenjargon heißen sie Reblets – nicht unnötig aufzublähen. Deshalb bedarf es nur magerer 8 Kilobyte Code, um mit Rebol ein komplettes Instant-Messaging Programm zu schreiben. Ein einfacher Client zum Versenden von Mails begnügt sich mit schmalen zwei Kilobyte, die grafische Benutzerschnittstelle eingeschlossen. Der zum Ausführen dieser Programme nötige Rebol-Desktop ist knapp kalkulierte 500 Kilobyte groß. Zum Vergleich: Die aktuelle Version des vergleichbaren Java Runtime Environments umfasst beim Download mehr als 12 Megabyte. Bisher hat Rebol jedoch ein Problem: Niemand kennt es.

„Das könnte .NET vom Markt fegen.”

Das kann man von Morpheus nicht unbedingt behaupten. Als Napster seinen Betrieb einstellen musste, wurde Morpheus zu seinem heimlichen Nachfolger. Zu dem Programm, das man einfach haben musste. Mehr als 100 Millionen Nutzer haben es mittlerweile aus dem Netz geladen, pro Woche kommen ein paar hunderttausend neue dazu. Doch auch Morpheus hatte lange Zeit ein Problem. Das Programm war lediglich lizensiert, die Lizenzgeber aber mit ihrem eigenen Client Kazaa gleichzeitig auch größter Konkurrent. Im Herbst 2001 entschied Morpheus-Betreiber Streamcast deshalb, sich von Kazaa zu trennen und auf das offene Peer to Peer-Netzwerk Gnutella umzusteigen. Die Technologie dafür sollte Rebol liefern.

Mit Rebol im Rücken wollte Morpheus Bereiche erobern, von denen Konkurrent Kazaa nicht einmal träumte. Rebol ist heute bereits auf 42 Betriebssystem-Plattformen verfügbar. Die Portierung auf mobile Endgeräte ist zum Greifen nahe. Filesharing für PDAs, Mobiltelefone, Spielkonsolen? Für ein Rebol-basiertes Morpheus alles kein Problem. Doch was würde die Zusammenarbeit erst für Sassenraths alten Traum bedeuten? Welche Folgen hätte es, wenn auf Millionen von Desktops Rebol installiert wäre? “Das könnte .NET und seinesgleichen vom Markt fegen”, meint der freie Rebol-Programmierer Maarten Koopmans. Wenn die Nutzer einmal mit Rebol vertraut seien, dann würden sie es auch in ihre Arbeitsumgebungen integrieren und diese kollaborativ vernetzen wollen. “E-Working und E-Learning werden damit endlich zu dem, was sie immer sein sollten.”

Kein Wunder, dass die Rebol-Gemeinde feierte, als die beiden Firmen vor einem Jahr ihre Zusammenarbeit verkündeten. Der Streamcast-CTO erklärte anlässlich der Vorstellung: “Wir werden es mit einer komplett neuen Welt von Netzwerk-Applikationen zu tun haben. Die Programme werden in Echtzeit durch das Netzwerk morphen – sich erweitern und verbessern.” Klang das nicht schon sehr nach der lange ersehnten Revolution?

Und die Revolution?

Dann vergingen einige lange Monate .Morpheus 2 ließ auf sich warten. Ende Februar 2002 hatte Streamcast plötzlich ein sehr unangenehmes Problem: Morpheus funktionierte nicht mehr. Millionen von Nutzern des Tauschprogramms wurden nach dem Start aufgefordert, sich ein Update zu besorgen, schade nur, dass dieses gar nicht existierte. Grund für den Ausfall war eine Streitigkeit mit Morpheus-Lizenzgeber Fasttrack, dem Macher des Kazaa-Programms. Innerhalb von wenigen Tagen zimmerten die Streamcast-Programmierer eine neue Version ihres Programms zusammen, für die sie sich großzügig bei einem populären Open Source Gnutella-Projekt bedienten. All das bescherte Morpheus jede Menge schlechte Presse und die Rebol-Gemeinde war verwirrt: Was war denn nun mit der Revolution?

Einige waren sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob diese etwas chaotisch auftretende Firma Rebol den großen Durchbruch bringen könnte. Andere suchten nach Indizien, um ihren Optimismus zu füttern. Hatte Streamcast nicht gerade eine neue Domain für sein Programm aufgemacht, die vielversprechend Morpheus-OS.com hieß? Klang das nicht schon nach Betriebssystem meets Peer to Peer, also eigentlich nach Rebol? Sassenrath und seine Mitstreiter selbst hielten sich äußerst bedeckt. Nach zahllosen Versuchen ließen sie sich entlocken: Ja, man arbeite noch mit Streamcast zusammen. Aber so richtig optimistisch klang das nicht.

Im August erschien dann schließlich Morpheus 2.0 – ohne Rebol. Statt dessen hatte sich Streamcast für das Programm abermals bei einem Open Source Gnutella-Client bedient. Was war geschehen? Hatte Streamcast die Revolution verraten? Carl Sassenrath dazu gegenüber DeBug: “Das sind sehr nette Leute. Leider wurden sie von der Musikindustrie verklagt, und das hat schwerwiegende Folgen auf ihren Geschäftsbetrieb gehabt.” Mit anderen Worten: Streamcast hatte so viel für seine Anwälte ausgeben müssen, dass es sich eine Zusammenarbeit mit Rebol nicht mehr leisten konnte. Manchmal scheitern Revolutionen eben einfach am nötigen Kleingeld. Resignation will bei Sassenrath dennoch nicht aufkommen. In den nächsten Monaten könne man jede Menge neue Produkte von seiner Firma erwarten. “Viele davon werden für die P2P-Welt ziemlich interessant sein.”

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Elektronische Lebensaspekte.