Regisseur Danny Boyle schmeißt für "28 Days Later" alle Versatzstücke des Zombie-Genres im fahlblauen Morgenlicht zusammen. Schafft er damit mehr als die Erfindung des Indie-Popkornkinos? Verena Dauerer hat nachgeforscht und führt durch bemerkenswerte Details bis zum gruseligen Ende.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 72

28 DAYS LATER
“A Life Less Ordinary” trifft auf “The Doom”

Eine Truppe Ökoterroristen befreit in einem Labor Versuchsaffen, die Gewaltszenen über Fernseher ausgesetzt werden. Die Affen sind infiziert mit RAGE, Wut, und metzeln die Eindringlinge, die infiziert sofortigst zu kollektiv Rasenden werden. Schnitt zu Fahrradkurier Jim (Cilian Murphy), der nach 28 Tagen Koma aufwacht und im Endzeittrauma landet. Er wandelt durch die völlig verlassenen Straßen Londons, durchsetzt mit herumtaumelnden, toll- und beißwütigen Zombies. Mit einem Häuflein übrig gebliebener Menschen macht er sich auf die beschwerliche Reise zu einem Militärcamp in der Pampa, wo es noch Rettung geben soll.
Wer oder was dieses Virus ist, ist ziemlich wurscht. Man bekommt zumindest mit, dass ähnliche Symptome wie bei Ebola auftreten und dass er bei den Erkrankten nichts mehr zulässt außer Wut. Lebenserhaltendes Verhalten wie essen wird ausgeschaltet und die Zombies verhungern irgendwann. Danny Boyle, der leichtfüßig bei “Trainspotting” (1996), “Shallow Grave” (1994) oder “A Life Less Ordinary” (1997) seinen Brithumor ausspielt, gibt dem Zombie-Genre einen Schubs. “28 Days Later” ist seine zweite Zusammenarbeit mit Autor Alex Garland nach dem anderweitig gruseligen “The Beach” (2000), der Kitschgeschichte vom Haiplanschen mit Leonardo DiCaprio. Der Horrorfilm ist eine Low Budget-Produktion auf Digitalkamera, und man sieht es an den Schauerfarben, wie schön mal das digitale Medium rauskommen darf. Gedreht wurde zusätzlich fast nur im Morgengrauen, um das Fahllicht auszunutzen. Verweise gibt es wie immer fröhlich viele, zum Beispiel David Cronenbergs epidemisch Durchgeknallte in “Rabid” (1977). Oder natürlich George Romeros hilflose Zombies, die aus der Shopping Mall in “Dawn Of The Dead” (1978) zurückwinken.
Das Shoppen des Konsumenten nach Zivilisationsende ist auch hier eine dankbare Facette, der sich Boyle mit Freude widmet. Lebendkadaver kennen kein Markenbewusstsein, die letzten Menschen aber um so mehr. Und die gestatten es sich, noch in der höchsten Not wählerisch zu sein: Sie wollen, während sie gerade verfolgt werden, doch lieber Tango statt Pepsi trinken. Und ein aufrechter Happy Shopper freut sich, dass die bestrahlten Äpfel nach einem Monat im verwaisten Supermarkt noch immer frisch sind. Was von der gecrashten Zivilisation letztendlich übrig bleibt, ist dekorativ auf ehemals belebte Plätze gesetztes Productplacement für Benetton, Pepsi oder Benz. Die nachapokalyptische Stadt ist nur noch ein lebloser Moloch, von der Metropole bleibt nur das gemäurige Skelett, ausgezehrt, mit blutrot-orangem Himmel samt Abendsonne am Horizont. Es kann eine der Möglichkeiten sein, wenn man einen Post-Genrefilm mit neuem Drive drehen möchte. Dafür verzeiht man Boyle Irritationen wie den Spruch, den eine der letzten Frauen bringt, als sie auf den aus dem Koma-Erwachten trifft: “Do we find a cure and save the world or just fall in love and fuck?”. “28 Days Later” ist sehr vergnüglich, kackt aber leider im zweiten Teil ab. Das liegt auch an der Dreigeteiltheit des Films: erst der Start in der Stadt mit wahrlich imposanten Endzeitaufnahmen, dann die Fahrt aufs Land in giftgrüner Natur samt malerischem Picknick vor Ruinen und zum Schluss das doch sehr abfallende Militärcamp . Egal, Hauptsache schockig genug.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.