Das junge japanische Kino nimmt sich mit "Go" gekonnt dem Thema des Rassismus an. Ein junger Japaner mit südkoreanischem Hintergrund stolpert über die Probleme der Staatsangehörigkeit, die erste große Liebe, das Verhältnis zum Vater - und doch ist dieser Film viel mehr und sortiert seine Details viel gekonnter als ein simpler Coming-of-Age-Film.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 67

Staatsangehörigkeit als Mietvertrag
Go

Japan ist kein Einwanderungsland. Trotz imperialistischer Geschichte leben aber nicht nur Japaner “auf dem Festland”, also in China oder Korea, sondern umgekehrt auch Koreaner in Japan. Viele von ihnnen kehrten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – der Befreiung von der japanischen Fremdherrschaft und zugleich der Teilung Koreas – auch nicht mehr zurück in die alte Heimat. Doch zu Japanern können sie nie wirklich werden, selbst wenn sie in Japan geboren sind: Koreaner haben einfach das “falsche Blut”. “Zanichi” werden die “in Japan Ansässigen” abwertend genannt. Deren Heimatlosigkeit und der japanische Rassismus sind die zentralen Themen von “Go”, der Verfilmung des gleichnamigen Naoki-Preis-gekrönten Romans von Kazuki Kaneshiro – eines in dritter Generation in Japan lebenden Koreaners.

Es fängt an mit diesem Wutausbruch. Und erst weiß man gar nicht, warum die Wut bei dem Korea-Japaner Sugihara so groß ist. Man denkt: Ein Coming-of-Age-Film mit den üblichen Problemen. Schule, Eltern, erste Liebe. Doch schon das furiose “Super Great Chicken Race” zu Beginn ist vielleicht etwas verzweifelter als gewohnte Mutproben. Und wer hätte gedacht, dass es ein fast zärtlicher Moment sein kann, wenn der Vater seinen Sohn anschließend auf der Polizeiwache brutal zusammenschlägt. Denn was anderes als eine Liebeserklärung ist es, dass der Vater, ein “nordkoreanischer Marxist” in Japan, nach diesem letzten Vorfall die südkoreanische Staatsangehörigkeit annimmt – offiziell, um problemloser in Hawaii urlauben zu können, tatsächlich, um dem Sohn das Leben zu erleichtern.

“Go” ist schönes junges japanisches Kino, nicht so Tarantino-Comic-bunt wie Katsuhito Ishii, nicht so überspannt brutal wie Takashi Miike. Auch nicht so reif wie Takeshi Kitano, aber nicht weniger virtuos im Einsatz seiner Mittel: So rasant der Einsteig ist, so vergleichsweise konventionell erzählt der Film nach dem Vorspann weiter. Doch erst dann zeigt er seine Schätze: vielschichtige Anspielungen, Wiederaufnahmen und Verweissysteme; puzzleartige Zeitsprünge, die überraschenderweise immer Sinn machen.

Dazu passt gut, dass ein “Romeo und Julia”-Zitat nicht benutzt wird, um die Unmöglichkeit der jungen Liebe zu beschreiben, sondern die Bedeutung von Nationalität in Frage zu stellen: “Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften”. Trotzdem überlässt der Film die Lösung des Problems Rassismus ganz seinem Protagonisten: Sugihara wendet sich klar gegen nostalgisch-ethnische Positionen, aber auch Staatsangehörigkeit ist für ihn “so etwas wie ein Mietvertrag für eine Wohnung”: Man kann sie kündigen und ausziehen. Spiel mit Nationalitäten: Auch der Vater posiert erst vor Fotostudiohintergründen als Hawaiianer – um später zu gestehen, er hätte schon immer Spanier werden wollen.

So wie sich der multikulturelle Hintergrund Sugiharas, der eigentlich Lee heißt, – “Koreaner, Süd-, bis vor kurzem Nord-” – am Ende zu einer Persönlichkeit festigt, schieben sich auch die Ebenen des Films zu einem runden Bild übereinander. Dass seine Flamme Sakurai, die eigentlich Tsubaki heißt, ihn schon bei seinem ersten Ausrasten in der Sporthalle gesehen und sich in ihn verliebt hat, ist nur eines von vielen Details, die sich erst im Lauf des Films auflösen und im Nachhinein jeder Szene eine weitere Perspektive und Bedeutung hinzufügen. Deshalb überrascht dann auch das Happy End ein bisschen. Alles halb so schlimm? Aber “Go” ist ja auch ein japanischer und kein koreanischer Film.

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Elektronische Lebensaspekte.