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Text: Christian Blumberg aus De:Bug 170

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Mit Selena Gomez und ihren Freundinnen zum Springbreak? Klingt nach einer gut überlegten Win-Win-Situation: Die Ex-Disney-Girlies werden flügge – und das heißt im Mainstream nicht erst seit Britney und Christina: dirty. Im Gegenzug bekommt Harmony Korine (“Gummo”) endlich auch als Regisseur Aufmerksamkeit bei einem größeren Publikum. Doch wer Korine kennt, ahnt: Ganz so einfach macht er es ihm nicht.
Von Christian Blumberg

Korines letzter Langfilm “Trash Humpers” zeigte eine Horde grotesk maskierter Greise, die völlig dekontextualisiert in der Suburbia von Nashville randalierten und kopulierten. Ganz so, als hätte Paul McCarthy eine Folge “Jackass” auf VHS gedreht. Und jetzt das: Hochglanz, James Franco und die drei It-Girls Selena Gomez, Vanessa Hudgens und Ashley Benson. Die Vierte im Bunde spielt Korines Ehefrau Rachel, und es beschleicht einen das Gefühl, dass sie die Szenen übernehmen musste, die die Managements der Teenie-Stars abgelehnt hatten. Denn natürlich ist “Spring Breakers” nicht einfach der Party-Film für Adoleszierende, als der er angepriesen wird. Auch wenn seine erste Sequenz als unzensierte Version einer Langnese-Kinowerbung durchginge – feiernde Teenager am Strand, viel Nacktheit, viel Zeitlupe, dazu bollert EDM von Skrillex -: Die Strandparty ist eine falsche Fährte.

Aber der Reihe nach: Vier Mädchen träumen davon, ihrem Alltag (Schule, Bibelstunde, Eltern) zu entrinnen. Zum Stillen solcher Sehnsüchte schlägt Amerika den Spring Break vor: eine Woche feiern, Drogen, Sex mit Rückfahrkarte. Doch die Mädchen – es sind wirklich noch Mädchen, sie tragen Plüschtier-Rucksäcke und malen sich ihr kommendes Dasein als “Spring Break Bitches” unterm Justin-Bieber-Poster(!) aus – können den Bus nach Florida nicht bezahlen. Also überfallen sie – reichlich unbeholfen – ein Diner. Mit der Unschuld ist es demnach schon vorbei, bevor die Party überhaupt losgeht. Und selbst wenn sie das endlich tut, währt sie nicht lange. So wie das Effekt-Maximierungskalkül des Skrillex-Soundtracks stets von Cliff Martinez musikgewordenen Wattepads ausgebremst wird (die schon “Drive” in einen seltsamen Zustand der Dauerhemmung versetzt hatten), landen die Protagonistinnen nach wenigen Gramm Kokain vor dem Gericht von St. Petersburg, Florida.
Jetzt endlich darf James Franco auftreten, dessen Figur sich nicht nur Alien nennt, sondern auch genau jenes Andere verkörpert, das Hudgens, Gomes & Co beim Springbreak zu finden hofften. Alien stellt die Kaution und präsentiert sich den Freigekauften als Universalkrimineller & Freigeist. Als die endgültige Verkörperung also des, hier freilich gut verdrehten, amerikanischen Traums: Baby, I’m a Hustla. Von hier an geht es in “Spring Breakers” glücklicherweise weniger um das Ringen der good girls mit der eigenen Moral und ihrer anschließenden Rückkehr als Geläuterte. Stattdessen erkennen Teile der Reisegruppe in Alien einen Seelenverwandten. Folgerichtig wird das zuvor gejubelte Partymantra “more magic, more colours, more booties!” ergänzt mit harten Drogen, echtem Sex und Waffen. Deren Gebrauch ist hier vor allem auch: Selbstermächtigung. Dann erst kann das erträumte neue Leben so richtig losgehen. Und auch der Film, der an dieser Stelle inzwischen mindestens genauso exploitativer Juvenile Delinquency wie Teen Film ist.

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Pop-Strategie der Überaffirmation
“Spring Breakers” verzichtet weitgehend darauf, sich selbst eindeutig als Satire oder finsteres Sittenbild einer Generation auszuweisen – obwohl beides zutrifft. Die Party muss schließlich weitergehen … und so wählt Korine lieber die Pop-Strategie der Überaffirmation. Sein Film suhlt sich nicht nur in ästhetischen Codes und Verhaltensmustern der von ihm portraitierten Milieus, er überzeichnet sie. Die Sprache: ein Dauerfeuer improvisierter Belanglosigkeiten, an der die deutsche Synchronfassung wohl scheitern wird. Das Verhalten: Woo-Girls hier, überpotente Proll-Gangster dort. Und hinsichtlich der Klamotten ist “Spring Breakers” ein wahrer Color-Blocking-Porno. Diese Oberfläche macht Spaß, der Film hat gute Tempowechsel, er ist lustig, aber nicht zu sehr. James Francos Slang und Schauspiel bescheren “Spring Breakers” mitunter denkwürdige Sequenzen. Etwa die Performance der immer noch schönsten Britney-Spears-Ballade: Alien sitzt an einem weißen Flügel, hinter ihm die in Abenddämmerungs-Magenta getauchte Tampa Bay, von unten strahlt die neonblaue Pool-Beleuchtung. Er singt (krächzt) Spears “Everytime”, jene Klage über die eigene Hilflosigkeit, während seine neuen Seelenverwandten einen schwer bewaffneten und mit pinken Strumpfmasken vermummten Chor bilden: “Everytime I try to fly, I fall.” Nur: Wer fliegt hier eigentlich? Und wer fällt?

Solche Szenen stechen auch deshalb hervor, weil hier der vor Männlichkeit fast explodierende Alien die eigene Machtlosigkeit besingt. In einer anderen Szene wird er sogar quasi-vergewaltigt: Vanessa Hudgens und Rachel Benson penetrieren ihn oral mit ihren Revolverläufen. In diesen Sequenzen werden die Begehrensstrukturen verkehrt, die “Spring Breakers” sonst ziemlich konsequent durchhält. Und das nicht nur im narrativen Gefüge: Korine inszeniert die Körper der Ex-Disney-Starlets hemmungslos als Schaustücke. Das dezidiert voyeuristische und also männliche Blickregime des Films wird vor allem von der Kameraarbeit von Benoît Debie geschaffen, der seit “Enter The Void” (Gaspar Noé, 2009) als ein Star seines Fachs gehandelt wird. Debies Kamera umkreist die weiblichen Körper, versucht immer wieder einen kurzen Blick auf Brüste oder Schritt zu erhaschen; sie folgt diesen Körpern sogar noch unter Wasser. Sollte “Spring Breakers” überhaupt Kontroversen auslösen (das Potential ist da, auch wenn der Film ein bisschen schmutziger sein will als er ist), ginge das vor allem auf Debies Kappe. Erst in den letzten Filmsekunden, am Ende einer sagenhaften Schlusssequenz, in der trotz tiefster Nacht alles zu fluoreszieren scheint, verknüpft sich der Blick der Kamera mit dem Blick Aliens. Und kollabiert.

Spring Breakers
USA, 2012
Regie: Harmony Korine
Mit: James Franco, Vanessa Hudgens, Selena Gomez, Ashley Benson, Rachel Korine
Musik: Cliff Martinez, Skrillex

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Elektronische Lebensaspekte.