Andy Lau gehört zu den Veteranen in Hong Kong. Über hundert Martial Arts Filme, Action-Knaller oder Romantic Comedies hat er gedreht und sieht dank Gurkenmaske und Grünem Tee fünfzehn Jahre jünger aus.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 65

Andy Lau setzt ein meisterhaft lausbubenhaft schüchternes Lächeln auf, als ob er erst gestern unbekümmert mit der Filmerei angefangen hätte. Dabei hat er mit Leuten wie Wong Kar-Wei (“Days of being wild” und “As tears go by”) gedreht und gerade für Johnnie To (“Running out of time” und “Needing you”) einen cinephilen Berufskiller gespielt. “Fulltime Killer” ist das genretypische Pürée aus anmutig ballettös ausgeführten Kampfchoreografien mit Brutalo-Gewalt, durchzogen mit den sentimentalen Kitschelementen einer Story, die, ganz oder gar nicht, wie immer von Verrat, Ehre, Liebe, Hass angetrieben wird. Wir führen stotternd ein business-orientiertes Gespräch, Lau übt sich in asiatischer Zurückhaltung und Höflichkeit, die leider durch mühselig geradebrechtes Englisch um so größer wird.

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Interessant ist bei ”Fulltime Killer”, die Kampf- und Schießszenen mit klassischer Musik zu untermalen.
Lau:
In den letzten zehn Jahren wurden so viele Filme dieser Art produziert, also mussten wir uns was überlegen. Ich hatte lange Diskussionen mit Johnnie To und Wai Ka Fei. Der Ansatz war, dass meine Figur Filme über alles mag. Eigentlich will er ein Star sein und zieht bei jedem Auftritt eine Show ab. Dazu braucht es eben auch Entertainment wie Tanzen oder Opernmusik.

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Die Stunts haben Sie sicher wieder alle selber gemacht?
Lau:
Die meisten. Ich frage mich vorher immer: Kann ich das tun? Wenn nicht, versuche ich die Szene zu verändern, weil ein Double sich nicht richtig in den Film einfühlen und der Story nicht wirklich folgen könnte. Bei meinen eigenen Produktionen mache ich alle, bei anderen kann ich nicht kontrollieren, ob die Vorbereitung gut genug ist. Aber wenn, kann jeder die Stunts machen. Bei eigenen Produktionen gebe ich jedem Künstler vorher ein spezielles Training.

Debug:
Sie arbeiten schon lange als Schauspieler und seit einer Weile auch als Produzent.
Lau:
Nach 21 Jahren in der Branche weiß ich, was das Publikum will: Wenn es den Künstler wirklich akzeptieren soll, geht es nicht ohne kommerzielle Elemente. Die anderen Produzenten wollen den Spirit des Regisseurs erhalten. Ich diskutiere immer mit ihm, denn wenn er das Thema nicht an das Publikum heranbringen kann, wird er es nicht berühren können. Filme macht man in erster Linie nicht nur für sich selbst.

Debug:
Ihre erste Produktion war 1991 der geniale Fantasy Martial Arts “Saviour of the Soul”. Wie kamen Sie dazu?
Lau:
Er wurde Vorreiter für ein neues Konzept, denn ich wollte den Filmstil in Hong Kong verändern. Weg von diesem actiongeladenen Zeug. Wenn man seine Karriere für zehn, zwanzig oder dreißig Jahre verlängern möchte, muss man sich was Neues einfallen lassen. Man kann ja auch nicht immer mit demselben Gesichtsausdruck rumlaufen. Bei Saviour of the Soul habe ich zum ersten Mal Animationen verwendet. 1991 war sowas noch kaum bekannt. Innerhalb von drei Jahren habe ich deshalb mit diesem Film ungefähr 40 Millionen Hong Kong Dollars verloren. Viel mehr, als man in einen Film mit Jacky Chan investieren müsste. Daher habe ich in vielen Filmen mitgespielt, weil ich so viel Geld beim Filmemachen verloren hatte. Niemand hat mir geglaubt, dass ich produzieren könnte. Heute freue ich mich, wenn Leute aus anderen Ländern mir erzählen, dass sie den Film mögen. Auch wenn das zehn Jahre später ist.

Debug:
Sie haben wirklich 110 Filme gedreht?
Lau:
Es sind mehr. Pro Jahr drehe ich vielleicht drei. In Hong Kong ist es üblich, drei bis sechs Filme abzudrehen. Vor fünf oder zehn Jahren ging ich von einem Set zum nächsten. Im Filmgeschäft ist nicht mehr so viel los. In den 60ern machten wir in Hong Kong um die 200 bis 250 Filme im Jahr. Heute sind es 100.

Debug:
Wie lief die Zusammenarbeit mit Wong Kar Wei?
Lau:
Bei unserem ersten gemeinsamen, “As tears go by”, kannten wir uns schon sehr gut. Ich finde, dass ich seine Filme, in denen ich mitspiele, beeinflusst habe. Das weiß er und besetzt mich deshalb nicht so häufig. Wenn man bei seinem Projekt mitarbeitet, wird man zu einem Teil und weiß sonst gar nichts vorher. Sogar während des Drehs kennt man manchmal noch nicht die Story, erst wenn der Film schließlich startet. Wenn man einmal akzeptiert hat, dass das eine Kunstform ist, macht man sich keine Gedanken mehr. Man muss ihm einfach vertrauen.

Debug:
Wollen Sie mal nach Hollywood?
Lau:
Keine Ahnung. Hollywood ist auch nur ein Ort, ich habe meine Orte in Hong Kong, China, Taiwan, Korea. Erstmal muss ich mir eine Basis schaffen. Ich hoffe, dass man mich eines Tages in einer ausländischen Produktion haben will.

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Elektronische Lebensaspekte.