Miguel Gomes und das neue portugiesische Kino
Text: Sulgi Lie aus De:Bug 143

Der Film-Hybrid des portugiesischen Regie-Wunderknaben Miguel Gomes pendelt gekonnt zwischen Musik-Doku, inszeniertem Making-Of und einer bittersüßen Teenie-Love-Story. “Our Beloved Month of August“ setzt aber noch eins drauf, und erschließt popkulturelles Neuland, indem er gerade Folkloristisches neu ins Bild setzt.

Es gehört zu den verlässlichen Routinen des internationalen Festivalbetriebs, neue Wunderkinder des Weltkinos heraufzubeschwören. So geschehen mit dem Portugiesen Miguel Gomes (geb. 1972), dessen zweiter Langfilm “Our Beloved Month of August“ vor zwei Jahren in Cannes euphorisch von der Kritik gefeiert wurde und der nun im neu gegründeten Verleih des Berliner Arsenal-Kinos auch mit einigen wenigen Kopien in die deutschen Kinos kommt. Das Interesse an Gomes ist Teil einer Wiederentdeckung Portugals als Filmland, die aktuell zu beobachten ist: war lange Zeit der mittlerweile über hundertjährige Manoel de Oliveira der einzige prominente portugiesische Regisseur, rückt mittlerweile eine jüngere Generation nach. Unter ihnen auch Pedro Costa, momentan die zentrale Figur des portugiesischen Kinos.

Costa dreht seine äußerst formstrengen Filme bevorzugt in den von kapverdischen Immigranten bewohnten Slumvierteln von Lissabon, unterzieht dabei aber im Gegensatz zu den Standardverfahren des sozialen Realismus das gezeigte Elend einer starken Überhöhung: Die Armen und Junkies spielen sich selbst, deklamieren aber ihre Texte in einem solch poetischen Duktus, als agierten sie in einer Tragödien-Verfilmung von Straub/Huillet. Mit dieser eigensinnigen Mischung aus dokumentarischer Präzision einerseits und Ästhetisierung anderseits ist Costa in gewissen Zirkeln zur Leitfigur eines politisch reflektierten Kinos avanciert. So zählt etwa der französische Theoretiker Jacques Rancière Costa zu seinen Lieblingsregisseuren. Costas Filme stellen damit auch einen deutlichen Gegenentwurf zu den Lissaboner Upper-Class-Milieus dar, in denen De Oliveira seine surrealistischen Vignetten so gerne ansiedelt.

Weniger Voll-das-Leben
Rein topographisch stehen nun die Filme von Miguel Gomes den Arbeiten seiner beiden Kollegen denkbar fern: Sein filmisches Terrain ist die portugiesische Provinz rund um die Kleinstadt Arganil, mitsamt ihren alteingesessenen Bewohnern, den Camping-Urlaubern und vor allem mit ihren nicht enden wollenden Sommerfesten, bei denen zahllose Amateurbands ihre Cover-Versionen kitschiger portugiesischer Schlager zum Besten geben. Es ist also ein sehr spezielles Lokalkolorit, das in “Our Beloved Month of August“ in seiner unbändigen Vitalität zelebriert wird. Im Gegensatz zu den präzise durchgestalteten Filmen von Costa und De Oliveira kann man also Gomes mit gutem Grund als filmischen Folkloristen bezeichnen.

Das klingt erst einmal unsexier, als es tatsächlich ist, denn “Our Beloved Month of August“ hat mit einem ländlichen “Voll-das-Leben“-Folklorismus etwa eines Emir Kusturica zum Glück nicht so viel am Hut. Denn für derlei karnevaleske Geschmacklosigkeiten ist Gomes viel zu smart: Das Folkloristische wird nämlich in dem Film durch verschiedene Strategien eingerahmt, zu denen besonders die im aktuellen Weltkino sehr modisch gewordene Verwischung zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem beiträgt. Hier zeigt sich dann doch eine gewisse Nähe zu Costa, bei dem diese traditionelle Unterscheidung auch längst nicht mehr greift.

“Our Beloved Month of August“ ist ein Hybrid aus mindestens drei verschiedenen Filmen: zum einen einer dokumentarischen Aneinanderreihung verschiedener Bandauftritte und Interviews mit Dorfbewohnern, zum anderen eines Meta-Films, bei dem die Hindernisse während der Produktion von “Our Beloved Month of August“ von Gomes eigener Crew “gespielt“ werden. Nicht zuletzt schält sich aus diesem Durcheinander verschiedener Realitätsebenen eine durchaus konventionell inszenierte, bittersüße Teenie-Love-Story zwischen Tania (Sonia Bandeira) und ihrem Cousin Helder (Fabio Oliveira) hervor.

Ausschweifende Liebesduette
Durch die ausschweifende Länge, in der der Film die Bandeinlagen darbietet, kann man “Our Beloved Month of August“ durchaus auch als Musikdoku goutieren. Hier erschließt der Film tatsächlich popkulturelles Neuland: Welcher Nicht-Portugiese hat schon vorher etwas von dem anscheinend extrem reichhaltigen nationalen Schlager-Repertoire gewusst? Mit ihren Herzschmerz-Lyrics klingen die Songs wie eine ländliche 80ies-Variante von Julio-Iglesias-Schmonzetten. Es gehört zu den sympathischen Eigenschaften von Gomes, dass er gerade nicht aus einer überlegenen Hipster-Haltung heraus die Uncoolness dieser Musik denunziert, sondern die Leidenschaft und Hingabe ihrer Interpreten ernst nimmt.

Weniger gelungen ist die selbstreflexive Ebene des Films, bei dem Gomes dem alten modernistischen Topos des “Filmens des Filmemachens“ keine neuen Facetten abzugewinnen vermag. Das wirkt dann oft unangenehm selbstgefällig, wenn etwa der reichlich versoffen wirkende Gomes selbst bei einem Glas Rotwein mit seinem Produzenten über verschiedenste Engpässe beim Casten lamentiert. Das hat man gerade in jüngster Zeit bei Regisseuren wie Hong Sang-Soo oder Nuri Bilge Ceylan wahrlich schon raffinierter konstruiert gesehen, so dass einem Gomes vorgetragene Larmoyanz, über die Unmöglichkeit, einen Film zu drehen, einem da doch reichlich abgeschmackt vorkommt.

Umso schöner entfaltet sich dann allerdings die Teenie-Liebesgeschichte zwischen Tania und Helder, bei der ein fast schon inzestuös eifersüchtiger Vater und eine beste Freundin das Beziehungsgeflecht verkomplizieren. Die gemeinsamen Auftritte der singenden Tania und des Gitarre spielenden Helder verwandeln sich so zu heimlichen Liebesduetten einer schüchternen Annäherung. Die vorangegangene Einbettung in dokumentarische und selbst-reflexive Formen raubt dieser Coming-of-Age-Story nichts von ihrer Sweetness. Wie immer in diesem Genre mischen sich am Ende Liebe und Leid, was Gomes in einer schönen Großaufnahme von Tania auf den Punkt bringt: Lacht sie nun oder weint sie nun? Man kann es nicht wissen, und diese gemischte Emotion scheint in diesem Sinne auch das Hybride des ganzen Films in einem Bild zu verdichten.

Leider kann es sich Gomes nach diesem zugleich humoristischen als auch melodramatischen Höhepunkt nicht verkneifen, doch noch einen prätentiösen Epilog zu platzieren, in dem er wiederum selbst mit seinem Tonmann über reale und imaginierte Sounds schwadroniert. Aber egal: Gerade vor dem Hintergrund einer schon schematisch gewordenen Weltkino-Tendenz zu Minimalismus und Askese erfrischt “Our Beloved Month of August” durch seinen unorthodoxen Folklorismus.

Miguel Gomes, Our Beloved Month of August, ist seit Juni im Kino zu sehen