Ganz schön hässlich
Text: Sulgi Lie aus De:Bug 142

Tieferer Sinn und echte Gesellschaftskritik in einer romantischen Komödie? Regisseur Jim Field Smith beweist in seinem neuen Film, dass das möglich ist. Von schrecklichen Freaks und schönen Normalos.

Das Schönheits- und Körperregime Hollywoods ist gnadenlos: Wer nicht gerade mit blendendem Aussehen und einen makellosen Hard Body gesegnet ist, hat vor allem als aufstrebender Jungschauspieler in der Regel keine Chance. Dass dieser Druck nicht nur auf weiblichen Starlets, sondern immer mehr auch auf dem männlichen Schauspielnachwuchs lastet, war zuletzt in Filmen wie der “Twilight”-Serie zu beobachten, bei denen sich die Boys ständig ausziehen müssen, während Kristen Stewart artig verhüllt bleibt. Im zweiten Twilight-Film “New Moon” zeigte sich der erst 17-jährige Jungstar Taylor Lautner in einem derart aufgepumpten Muskelkostüm, dass einem Angst und Bange werden konnte. Derselbe Taylor Lautner fügte sich jüngst in dem bescheuerten “Valentine’s Day” von “Pretty Woman”-Regisseur Garry Marshall in einen ganzen Reigen entblößter Männerkörper – und das in einem Film, der mit Schönheiten wie Jessica Biel und Jessica Alba bestückt ist.

Als einziges Hollywood-Genre setzt sich momentan allein die Komödie dieser grassierenden visuellen Körpernormierung entgegen. Gerade im Umfeld des omnipräsenten Comedy-Regisseurs- und Produzenten Judd Apatows sind in letzter Zeit Schauspieler zu Stars geworden, die denkbar weit weg vom Look eines Brad Pitt sind: So etwa der pummelige Seth Rogen aus “Observe and Report” und “Funny People”, der nerdige Michael Sera aus “Year One” oder Jonah Hill, von dem dieses Jahr noch einige Highlights zu erwarten sind, und der von Film zu Film an Körpermasse zuzulegen scheint. Jay Baruchel gehört eher dem entgegengesetzten Körperspektrum an: ein magerer Typ mit schmalen Schultern und ungelenk schüchternen Gesten, mehr pubertierender Junge als Mann, Virilität gleich Null.

In “She’out of my league” des britischen Regisseurs Jim Field Smith – der tolle Titel des Films ist Programm – spielt Baruchel den liebenswerten Loser Kirk, der als Sicherheitsbeamter am Flughafen in Pittsburgh arbeitet. Gerade von seiner white-trashigen Freundin verlassen, suhlt er sich im Selbstmitleid und verbringt seine Zeit mit seinen nicht minder uncoolen Freunden vom Flughafen: dem dicken Devon und dem geschwätzigen Stainer, der nebenbei in einer Hall&Oates-Coverband singt. Kirk ist das Gegenteil eines Womanizers, doch ausgerechnet die Superblondine und Karrierefrau Molly (Alice Eve) verliebt sich in ihn. Der Film variiert geschickt das beliebte Comedy-Thema der unerreichbaren Traumfrau, denn hier hat sich die Frau längst für den Mann entschieden. Nur er zaudert wegen seines mangelnden Selbstbewusstseins. Molly ist außerhalb Kirks Liga, weil er es sich selbst so einredet. Wenn eine Top-Frau wie Molly auf einen Durchschnittstypen wie ihn steht, muss irgendwas faul sein.

“She’s of my League” bezieht sich jedoch nicht nur auf die Diskrepanz der körperlichen Erscheinung zwischen Kirk und Molly, sondern auch auf die Barrieren zwischen verschiedenen Milieus. Überhaupt ist die Komödie auch eines der wenigen Genres, das Klassenunterschiede verhandelt. Bei Kirk und Mollys gegenseitigen Familienbesuchen trifft Proll-Kultur auf Upper-Class-Chic: Ihr gemeinsames Glück ist nicht nur Sache der Körperoberfläche. Das Gespür für soziale Markierungen unterscheidet eine Mainstream-Komödie wie “She’s out of my League” von verlogenen Independent-Arthaus-Filmen wie jüngst Noah Baummbachs “Greenberg”, in dem ein post-depressiver Ben Stiller als gescheiterter Musiker gegen das seelenlose Establishment wettert. Gerade solche Indie-Filme, die vorgeben, irgendwie näher am so genannten “wahren Leben” zu sein, zelebrieren ein selbstgefälliges Befindlichkeitsgejammer, das ganz auf die kleinen Problemchen einer saturierten Mittelklasse hin zugeschnitten ist: Im Pool lässt es sich halt besser leiden.

Von einem solchen falschen Indie-Sentiment ist Field Smiths Film zum Glück ligaweit entfernt. Souverän hält er die Balance zwischen sweeter Romantic Comedy, sprücheklopfendem Buddy Movie und einigen “Gross-Out”-Momenten in bester Farelly- Brüder-Tradition: Insbesondere ein vorzeitiger Samenerguss und eine prekäre Intimrasur sorgen für einige grandios witzige Szenen. Und ganz nebenbei erschließt der Film mit Pittsburgh einen neuen Schauplatz, der nicht den Glamour von New York oder Los Angeles hat, aber dadurch umso unverbrauchter wirkt. Kirk muss nach und nach lernen, sein selbstgewähltes Loser-Tum zu überwinden und Molly ihre Upper-Class-Arroganz ablegen.

Die Welt der Komödie entwirft eine demokratischere Welt, in der sich die Freaks und die Normalos, die Dünnen und die Dicken, die Schönen und die Hässlichen vermischen. Es ist egal, ob man “in shape” oder “out of shape” ist. Man braucht mehr von Typen wie Jay Baruchel, damit die Taylor Lautners nicht die Leinwand beherrschen.

She’s out of my league
(Dt.: Zu scharf, um wahr zu sein)
seit 29.04. im Kino

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Elektronische Lebensaspekte.

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