Das Geschäft mit dem Kopfkino
Text: Florian Leitner aus De:Bug 156

Was wäre, wenn Filmkameras auch aufzeichnen könnten, was in unserem Bewusstsein abläuft? Im Grunde der utopische Letzthorizont der Bewegtbild-Technologie. Sleep Dealer lässt die Utopie Wirklichkeit werden – und denkt dabei nicht nur die Kinematografie, sondern auch die Globalisierung zu Ende.

Für einige Neurowissenschaftler vollzieht sich Bewusstsein als Prozess, in dem unser Gehirn fortwährend Bilder generiert und miteinander verknüpft. Die Cineasten unter uns haben es schon immer gewusst: Was in unserem Kopf abläuft, ist nichts anderes als ein Film. Oder kommt uns das nur so vor, weil uns die Kindheit vor dem Fernseher daran gewöhnt hat, das Denken mit der Mattscheibe zu synchronisieren? Wohl nicht. Schließlich spricht Hugo Münsterberg schon 1916 – im ersten filmtheoretischen Werk überhaupt – davon, dass die Schnitte und Großaufnahmen im Kino quasi Eins-zu-eins-Übersetzungen mentaler Vorgänge seien. Da liegt der Gedanke nahe, dass es doch möglich sein müsste, den Bilderstrom in unserem Kopf als Filmclip abzuspeichern.

Spätestens seit Cyberpunk in den 1980ern spekuliert das Kino gern über Medienapparate, die direkt an das zentrale Nervensystem oder gleich ans Gehirn angeschlossen werden – auch um damit die internen Bilder zu externalisieren: so spielt Robin Williams in Omar Naims The Final Cut (2004) einen Cutter, der die Lebenserinnerungen von Verstorbenen schneidet, die aus einem Chip in deren Gehirn ausgelesen wird. Und in Kathryn Bigelows Strange Days (1995) dealt Ralph Fiennes mit Filmclips, die von einem Gerät aufgezeichnet werden, das Sinneseindrücke direkt vom Neocortex abzapft. Dadurch werden nicht zuletzt ausgefallene Sexspielchen möglich, die in einer der verstörendsten Vergewaltigungen der Filmgeschichte kulminieren.

Erinnerungen per Steckkontakt
In Sleep Dealer – dem ersten Langfilm Alex Riveras, der nun in Deutschland auf DVD erschienen ist – gibt es eine Bildtechnologie, die der aus Strange Days ähnelt. Die “Nodes”, die zu ihrem Gebrauch benötigt werden, erinnern allerdings mehr an die Schnittstellen, mit denen sich die Figuren in David Cronenbergs eXistenZ in die virtuelle Realität einstöpseln: Steckkontakte, die in Wirbelsäule und Unterarme implantiert werden. Mit deren Hilfe schließt man sich an einen Rechner an und berichtet von einem beliebigen Erlebnis. Der Film, der dabei vor dem geistigen Auge abläuft, wird als Clip gespeichert. Luz (Leonor Varela) versucht auf diese Weise an Geld zu kommen. Sie bietet ihre Filmchen zum Kauf im Netz an und nennt sich Schriftstellerin. Das klingt auch deswegen ein bisschen großkotzig, weil das Geschäft nicht wirklich läuft – zumindest nicht, bis sie Memo (Luis Fernando Peña) trifft. Er ist gerade aus der mexikanischen Provinz nach Tijuana gekommen, nachdem der familiäre Wohnsitz mitsamt des Vaters von der US Air Force in die Luft gejagt worden ist. Die Amis haben dort fälschlicherweise einen Terrorstützpunkt vermutet. Den Kampfpiloten, der den Einsatz geflogen hat, plagt nun ein schlechtes Gewissen, und er will mehr über Memos Schicksal erfahren. Deshalb bezahlt er Luz dafür, Zeit mit Memo zu verbringen und ihm ihre Erinnerungen daran als Film zu schicken. Logisch, dass es zwischen Luz und Memo funkt. Und natürlich mündet das Ganze in einem Geschlechtsakt, in dem die futuristische Technologie eine entscheidende Rolle spielt. Anders als in Strange Days gibt es hier aber nicht Brutalo-, sondern ausgesprochenen Blümchen-Sex. Zu allem Überfluss sind die Liebenden dabei auch noch in quietschrotes Licht getaucht – der Teufel weiß, wo das plötzlich herkommt. Es ist nicht die einzige Szene, in der visuell ein bisschen zu dick aufgetragen wird.

Die mexikanische Mauer
Trotzdem ist Sleep Dealer ein faszinierender Film. Das liegt daran, dass er nicht nur über den Letzthorizont der Kinematografie fantasiert. Er denkt außerdem auch die Globalisierung zu Ende. Dabei greift er auf eine Idee zurück, die Rivera – ein in New Jersey aufgewachsener Sohn einer US-Amerikanerin und eines peruanischen Immigranten – bereits 1997 in einer Kurzfilm-Mockumentary verbraten hat. Sie handelt von Arbeitsrobotern in den USA, die von Mexiko aus bedient werden. Wie im letzten Jahr auch der britische Low-Budget-Streifen Monsters, siedelt Rivera seinen Plot in einer nicht allzu fernen Zukunft an, in der die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten dicht gemacht und mit einer gigantischen Mauer versiegelt worden ist. Der Cyberspace sorgt dafür, dass die US-Wirtschaft trotzdem an die billigen Arbeitskräfte kommt, auf deren Ausbeutung sie angewiesen ist. Sie kommen nun nicht mehr als “Wetbacks” über den Rio Grande geschwommen. Stattdessen bleiben sie in Mexiko und ackern in digitalen Sweatshops. Dort werden sie mit ihren Nodes an eine Virtuelle Realität angeschlossen und steuern auf diese Weise Roboter, die in Florida Orangen ernten oder in Iowa im Schlachthof malochen. Manche wissen nicht einmal, ob die Baustelle, auf der sie aus der Distanz schuften, in New York oder in Los Angeles liegt. Umgekehrt sitzen nördlich der Grenze Piloten und steuern per Telepräsenz unbemannte Kampfdrohnen. Sie führen einen “war on terror” und sind zu weit vom Geschehen entfernt, um sich ernsthaft Gedanken zu machen, wenn es mal wieder Unschuldige wie Memos Vater trifft. Auch hier denkt Rivera aktuelle politische Entwicklungen zu Ende. Ach nein, das ist ja schon Realität.

Sleep Dealer, Regie: Alex Rivera, Mexiko/USA 2008
DVD & Blu-ray sind bei Donau Film/Alive erschienen.

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