In seinem neuen Film versucht sich Guy Ritchie als standhafter Gesellschaftskritiker. Doch von der ohnehin plakativen Kurzparabel auf die Gesetze des Kapitalismus bleibt lediglich ein gelbes Versace-Kleid, das nun Goldene Himbeeren zieren. An Madonna hat's nicht gelegen.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 72

Oberflächlich weggespült

Drei Goldene Himbeeren lassen einen nicht unbeeinflusst – zumal beim Film eines britischen Regiedarlings, der in Großbritannien aber bislang keinen Kinostart bekam. Der deutsche Verleih geht da schon eher in die Offensive: Zur Pressevorführung gab’s Gelee-Himbeeren, schwarz und pink allerdings. Und Columbia TriStar hat “Stürmische Liebe – Swept Away” so schlecht synchronisiert, dass man denkt, man sähe eine 70er-Jahre-Fernsehserie. Das muss einfach Absicht gewesen sein. Ungern möchte ich dagegen in die Litanei einfallen, dass Guy Ritchie ja mal so begabt war und nun, wegen seiner Frau wahrscheinlich, alle kreative Energie verloren zu haben scheint, so dass man den Regisseur von “Bube, Dame, König, Gras” und “Snatch – Schweine und Diamanten” kaum wiedererkennt. Offen gesagt konnte ich sein lautes, jungsnerviges und selbstgefälliges Frühwerk sowieso nicht leiden.
Guy Ritchies erster Film, der nicht auf seiner eigenen Idee beruht, ist zunächst gar nicht so schlimm wie befürchtet. Hauptdarstellerin Madonna – ex aequo mit Britney Spears “Worst Actress” bei den Golden Raspberry Awards – schlägt sich tapfer und mit Anflügen von Selbstironie. Für unfreiwillige Komik sorgt in “Swept Away” mehr ihr hübsch-tumber Partner Adriano Giannini – Sohn des großartigen Giancarlo Giannini, der im 1974er-Original von Lina Wertmüller die Hauptrolle spielte. “Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’Agosto” (“Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August”) war so etwas wie der Anarcho-Vorgänger von “Salz auf unserer Haut”. Bei “Swept Away” handelt es sich um ein waschechtes Remake. Und genau das ist sein Problem.

Wegfahren….
Drei wohlsituierte Pärchen wollen mit einer Yacht von Griechenland nach Italien cruisen. Vor allem Amber (Madonna), verwöhnt und urlaubsgelangweilt, macht dem Steward Guiseppe (Giannini) – stolzer Muster-Italiener in einer ansonsten griechischen Crew – mit ihren Marotten das Leben zur Hölle. Eines Tages will sie, trotz seiner Warnung, mit dem Beiboot hinausfahren. Prompt versagt der Motor, kentern die beiden im anschließenden Sturm und landen auf einer einsamen Insel.
War der Film bis zu diesem Punkt eine mäßig lustige Satire auf reiche, verwöhnte (amerikanische) Touristen, die mutwillig aufrechte (europäische) Ureinwohner quälen, so schlägt die Erzählstimmung nun um: in eine plakative Kurzparabel auf die Gesetze des Kapitalismus, die auf der Insel angeblich mit aller Härte in Kraft treten. Denn auf einmal kann Amber “Pepes” Dienste und Gehorsam nicht mehr mit Geld kaufen und findet sich ausgeliefert wieder – an einen (im Original deutlicher kommunistischen) rachedürstenden Macho, den sie forthin “Master” nennen und vorne und hinten bedienen muss.

…um abzustürzen
Und jetzt geht es leider schnell und endgültig bergab. Im Original funktioniert die oberflächliche Zähmung der widerspenstigen Frau nur über fortwährende Schläge (und ihren deutlichen, im Remake ausgesparten Seufzer “Sodomizzami!”). Madonna dagegen spielt die “eigentlich nette” und sorgende Amber viel zu ernsthaft. Ritchie verstärkt früh die Chancenlosigkeit Pepes gegen diese Prachtfrau mit einer beeindruckenden Tagtraumsequenz der tanzenden Madonna im gelben Versace-Kleid. Es ist ihr Film. Wie sollen bei einem derart schwachen “Pepe” die Brüche im Selbstbild eines italienischen Mannes sichtbar werden, die er in der – ohnehin historisch reichlich späten – Konfrontation mit weiblichem Selbstbewusstsein erfährt?
Dass es den beiden Hauptdarstellern dann nicht gelingt, die auf einmal todernst und tränendrüsig behauptete große Liebe darzustellen, ist kein Wunder. Die Geschichte war nie als Melodram gedacht, sondern als pessimistische Parabel auf Machtverhältnisse. Ritchies Film dagegen behauptet das nur und erzählt brav und an der Oberfläche einen anderen Film nach. Nach der Rückkehr in die “Zivilisation” vereitelt Ritchie das ohnehin von niemandem ersehnte Happy End mit einer beknackten Drehbuchwendung, die endgültig beweist, dass er seine “eigene” Geschichte wohl nicht ganz verstanden hat: Er nimmt Amber die Entscheidung über den Ausgang aus der Hand und damit die Macht in der Geschichte.
Auch Lina Wertmüllers Film war auf den ersten Blick eine politisch vollkommen unkorrekte, vermeintlich Frauen verachtende Groteske. Doch die Meisterin der langen Filmtitel hielt für die zur glücklich Liebenden gewendete Frustzicke ein selbstbestimmtes Ende bereit. Wertmüllers gesellschaftskritischer Film war klar ein Produkt seiner Zeit – “Swept Away” hat daraus eine halbe Komödie mit lachhaft melodramatischem Ende gemacht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.