Text: Janko Roettgers aus De:Bug 39

Pirates go to Hollywood
Filme im Netz

Amerikanische College-Studenten haben ein neues Hobby: Nachdem ihre Unis wegen Napster & Co. die Netzanbindungen ausbauen mussten, tauschen sie nun ganze Filme. Denn was der Musikindustrie Napster, ist Hollywood das Filesharing-Programm ‘Scour Exchange’. Ob X-Men oder Perfect Storm, alle aktuellen US-Kassenschlager lassen sich damit finden und mit genügend Bandbreite beziehungsweise Geduld auch downloaden. Pünktlich zum Napster-Showdown wollte es sich die Motion Picture Alliance of America dann auch nicht nehmen lassen, Scour.com wegen Copyrightverletzungen zu verklagen. Ob sie damit letztendlich Erfolg haben wird, ist allerdings fraglich. Auch der Napster-Prozess hat bisher nichts weiter bewirkt, als dass sich noch mehr User auf Filesharing-Applications stürzen. Und sollten Scour und Napster geschlossen werden, gibt es ja immer noch dezentrale Services wie Freenet oder Gnutella.
Damit das fröhliche Filmtauschen aber auch richtig funktioniert, mussten erst zwei Hindernisse ausgehebelt werden: Der Kopierschutz und die Bandbreite, die man zum Übertragen eines digitalen Videos braucht. Seit ein paar Monaten hat sich das nun beides erledigt, DeCSS und DivX 😉 sei dank.

DVDs für Pinguin-Freunde

Bisher waren DVDs die einzig halbwegs erfolgreiche digitale Video-Distributionsform. Um das System vor Raubkopien zu schützen und so Hollywoods Filmfirmen schmackhaft zu machen, wurden sie mit einem speziellen Verschlüsselungssystem namens Content Scrambling System ausgestattet.

Weiter auf Seite 29

COVERSEITE ENDE

Durch das Verschlüsselungssystem ‘Content Scrambling System’ (CSS) können DVDs nur mit lizensierter Hard- und Software abgespielt werden, die mit den entsprechenden Schlüsseln ausgestattet ist. Ein direkter Zugriff auf die Videodaten ohne diese Schlüssel ist erst einmal nicht möglich. Der einzige Schönheitsfehler dieses Systems ist: Solche Player gibt es nicht für Linux. Echte Linux-Freaks nehmen aber jede Anstrengung auf sich, nicht so etwas profanes wie MAC OS oder gar Windows installieren zu müssen. Ein 40 Bit-Schlüssel ist für sie dabei nicht wirklich ein ernsthaftes Hindernis. Eigentlich hätte es also niemanden wundern sollen, als im Oktober letzten Jahres DeCSS im Netz auftauchte – ein Programm zum Entschlüsseln von DVDs. Hollywood fiel trotzdem aus allen Wolken.
Wie bei jedem spektakulär geknackten Code hat auch DeCSS seine Legende: Angeblich hat der Norweger Jon Johannsen im zarten Alter von 15 Jahren die wichtigste Rückversicherung der Filmindustrie ausgehebelt. Tatsächlich war Johannson aber nur an der Programmierung des Dekodierungstools DeCSS beteiligt, das eigentliche Reverse Engineering des Verschlüsselungsalgorhythmus leistete ein bisher anonymer deutscher Hacker.

Sourcecode als freie Meinungsäusserung

Lange liess die Reaktion Hollywoods nicht auf sich warten: Im Dezember verklagte der Interessenverband “DVD Copyright Control Assotiation” etliche Website-Betreiber wegen der Verbreitung des DeCSS-Tools. Obwohl einige nur einen Link auf das entsprechende Programm veröffentlicht hatten, warf man ihnen Copyrightverletzungen vor. In einer Art Musterprozess versucht nun in New York die Electronic Frontier Foundation für Eric Corley einen Freispruch im DeCSS-Verfahren zu erwirken. Corley ist Herausgeber des Hacker-Magazins 2600 und hatte auf dessen Website den Sourcecode des Programms veröffentlicht. Die EFF versucht nun, die Veröffentlichung des Source Codes als freie Meinungsäusserung zu verteidigen. Ausserdem hat sie das derzeitige Buzz-Word der US-Rechtssprechung erkannt: Linux entstünden ohne DVD-Software Wettbewerbsnachteile. Somit sei die Pinguin-Community geradezu gezwungen gewesen, den DVD-Kopierschutz zu knacken, um DVDs nicht dem bösen Microsoft-Monopol zu überlassen. Geht es nach der EFF, ist DeCSS eben kein Pirateriewerkzeug, sondern nur eine legitime Portierung des DVD-Systems auf Linux.

Der Codec mit dem Smiley

Was auch gar nicht so falsch ist. Auch mit DeCSS sind DVD-Videofilme immer noch einige GigaByte groß, und DVD-Recorder bleiben wohl noch eine Weile unerschwinglich. Netztauglich wurden die digitalen Videos erst durch DivX ;-). Mit DivX 😉 lassen sich DVD-Videos auf 15% der Originalgröße komprimieren, so dass ein ganzer Spielfilm plötzlich auf einer normalen CD-ROM Platz hat. Ursprünglich sollte unter dem Namen DIVX mal ein System zur Pay per View-Videodistribution aufgebaut werden, das aber im Sommer letzten Jahres scheiterte.
Nun haben sich ein paar Hacker den Namen geschnappt, ihn mit einem Smiley versehen und daraus ein beliebtes Tool zum kostenlosen Verbreiten von Videos gemacht. Allerdings ist nicht nur der Name geklaut: DivX 😉 basiert komplett auf Microsofts MPEG 4-Umsetzung, das man sich einfach per Reverse Engineering angeeignet hat. Selbst die Audiodaten werden in der Regel mit Microsofts WMA kodiert. Im Netz gibt es mittlerweile einen ganzen Haufen von Anleitungen zum Umwandeln einer DVD ins DivX-Format. Weil dabei jedoch einige Zusatzinformationen der DVD verloren gehen, kann man sich online auch die Einzelteile besorgen und dann selbst eine Wuschversion zusammenbasteln. Blair Witch Project mit griechischen Untertiteln? Kein Problem für die DivX-Community.
Ganze Filme finden sich auch im Web, liegen allerdings meistens zerstückelt bei Personal Webspace-Anbietern wie Freedrive.com oder Juston.com – Download und Zusammenpuzzeln dauern dann in der Regel eine Ewigkeit. Erfolgversprechender ist immer noch die Suche mit Scour Exchange oder Gnutella, und auch Hotline hat einiges an DivX-Filmen zu bieten. Das einzige Problem bleiben dann nur noch die Datenmengen. Auch superkleingeschrumpfte DivX-Filme bringen es noch auf ein paar hundert MegaByte. Wer nicht gerade DSL oder noch was Schnelleres zu Hause liegen hat, darf sich also auf ziemlich lange Downloads einstellen – oder eben doch auf einen Gang in die Videothek.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.