Wenn sich zwei nicht loswerden
Text: Christian Blumberg aus De:Bug 173

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Der junge Regisseur Xavier Dolan dreht Filme über gut aussehende, junge Menschen, die die richtigen Klamotten tragen, die richtige Musik hören und die richtigen Partys besuchen. Doch dabei bleibt es nicht: In Zeiten, in denen alle Welt versucht, die Liebe neu zu denken, dreht er eine nostalgische Hommage an die ultimative Liebesgeschichte. Sie überwältigt in jeder Hinsicht.

Text: Christian Blumberg

Im Kino ist es schöne Tradition, die entscheidende Wendung einer Story mit dem Aufziehen eines Sturms zusammenfallen zu lassen. Auch in Xavier Dolans drittem Film begleitet ein Sturm jene Szene, in der Laurence seiner Geliebten Fred nach zwei fulminanten Beziehungsjahren eröffnet, er wolle sein Leben von nun an als Frau leben. Doch der Sturm ist kein üblicher: Laurence und Fred sitzen im Auto, im Radio tobt Tschaikowski, draußen das Programm einer Waschstraße. Erst schießt die Hochdruckwäsche, dann schlagen rotierende Bürsten gegen die Scheiben. Es ist nur ein Detail in einem von Details besessenen Film, aber man erkennt in ihm schon das zärtliche Verhältnis des Xavier Dolan zum Kino. Besagte einst irgendein ungeschriebener Vertrag der kulturellen Erneuerung, dass junge Filmemacher das Kino eben zu erneuern hätten, offenbart sich beim tatsächlich jungen Filmemacher Dolan (er ist gerade einmal Mitte 20) eine Lust an der Jonglage mit inszenatorischen Konventionen. Im 21. Jahrhundert ist das Kino ohnehin längst zu einem Ort der Nostalgie geworden. Die formalen Revolutionäre des Bewegtbildes haben andere, postkinematografische Kontexte gefunden: Galerien, Ausstellungen, das Netz. Schon deshalb ist der Begriff “Hipsterkino”, den man Dolan regelmäßig anheftet, etwas schief. Es ist wohl nur eine despektierlich gemeinte Beschreibung für den Umstand, dass Dolans Filme sich gelegentlich mehr für die Wollpullover ihrer Protagonisten interessieren als etwa für narrative Stringenz oder besonders deepe Dialoge. Andere wiederum haben Dolan als Wunderkind der Regie gefeiert. Fest steht, dass das Gegenwartskino seinem unbändigen Ästhetizismus zwei wundervolle Filme verdankt. Mit “Laurence Anyways” kommt nun ein drittes dieser Wunder hinzu.

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Kein kulturelles Konstrukt
1989: Laurence eröffnet Fred seine Transsexualität also in einer Waschanlage in Montreal, die “Love Auto” heißt. Er empfinde sein Leben nicht, er warte bloß, sagt der 35-jährige Laurence (Literaturdozent, Marcel Proust ist ihm zu langatmig), und Fred (Regisseurin, exzentrisch, laut) muss lachen über so einen Satz. Aber sie will Laurence nicht verlassen – “The Sky is the Limit!”, ruft Fred einmal in bestem Prä-Eurodance-Slang und meint damit, dass Zeit, Gesellschaft und sie selbst bereit seien, reif für den Umgang mit Geschlechter-Metamorphosen. Natürlich irrt sie, doch Dolan interessiert sich nur am Rande für die Widerstände des sozialen Umfelds. Laurence, nun auch äußerlich eine Frau, trägt ihre neue Perücke (“mein Anna-Karenina-Look”), als Freds Schwester fragt, ob sie sich nun epiliere. “Elektrolysebehandlung und ein paar Hormone” antwortet Laurence. Darauf die Schwester: “Oh Mann, ist das geil!”

Ja, Dolans Film trägt nur selten die Züge eines kämpferischen Plädoyers für Gender Diversity. Der Nostalgiker Dolan will lieber die Geschichte einer großen Liebe erzählen. Und auch unter Liebe versteht Dolan kein kulturelles Konstrukt, das es neu auszuhandeln gelte. Er beschwört sie in ihrer romantischsten Form, wie es sie immer schon (und immer nur?) im Kino gegeben hat. Eine Liebe, die einfach nicht aufhört; eine, die sich noch unter den widrigsten Umständen weigert, die Protagonist_innen zu verlassen. Dieser ahistorische Entwurf eines Gefühls verrät Dolan als Nostalgiker des Kinos und seiner Sujets. Abbrechen wird seine Sentimental Journey zehn Jahre und fast 160 Filmminuten später. Der Ästhet Dolan will diese Liebe in Bilder tunken, in Metaphern kleiden, will sie sanft weichzeichnen und in ewigen Zeitlupen von ihr berichten. Die Handlung ist voller Auslassungen und Sprünge. Was über den Zustand der Figuren zu sagen ist, das findet der Film in den Texturen dauergewellter Haare, in den Motiven auf Blusen und Halstüchern, in den Formen der Brillengestelle und den Blicken, die durch sie hindurch geworfen werden. Das Ausstellen solcher Accessoires als bloße Hipness abzutun, hieße die Strategien eines Autors zu verkennen.

Im Überwältigungsmodus
Mode, Inneneinrichtung, Frisuren, Musik und sogar Kuchen (nämlich Dattelkuchen mit Kardamom) – über solche Parameter wird “Laurence Anyways” auch zu einer Historiographie einer Dekade, beziehungsweise ihrer schönen Oberflächen. Die Gesichter von Laurence und Fred sind alterslos. Die ästhetischen Möglichkeiten ihrer Existenz in den Neunzigern sind es nicht. Vom Vergehen der Zeit berichten die Farben ihrer Trenchcoats oder die wechselnden Modelle ihrer Mikrowellen. Wobei Dolan es da historisch nicht zu genau nimmt: Statt den Fundus zu konsultieren, hat Dolan einen Großteil der Kleider selbst entworfen, und ihnen Motive wie Blätter oder Schmetterlinge eingearbeitet, die hier fast eigenständige Protagonisten sind. Der Musik (Brahms, Duran Duran, The Cure, Celine Dion, Moderat) widmet er ganze Szenen, mitunter aufwändig choreografierte, fast wehmütige Erinnerungen an die Grandezza der großen Tage des Musikvideos. Und dazwischen umkreisen sich Laurence und Fred, verlassen sich, kriegen sich wieder, werden einander nicht los.

Wenn sich zwei nicht loswerden, dann müssen sie bekanntlich einiges über sich ergehen lassen – und Dolan ist sich nicht zu schade, das bildmetaphorisch in Szene zu setzen. Ständig lässt er Schnee, Laub, Wasserschwälle oder – na klar – Kleidungsstücke auf Laurence und Fred herniedergehen. Dolan will eben alle überwältigen, nicht nur seine Zuschauer, auch seine Figuren. Und Mann, sieht das alles gut aus! Man kauft Dolan den existenziellen Moment seines Films trotzdem ab, auch weil er seine Darsteller (Melvil Poupaud und Suzanne Clément) hin und wieder in stillen, kammerspielartigen Settings ihre schauspielerische Klasse ausspielen lässt. Und weil er gelegentlich das Tempo drosselt und seinen Charakteren in ihrem kraftraubenden Spiel auch Regenerationsphasen gönnt. Der Film hat dann vermeintliche Längen; man kann sie ihm aber kaum zum Vorwurf machen, da sie aus einer inneren Logik heraus entstehen, immer dann, wenn Laurence und Fred sich im Wartezustand belauern. Beide müssen raus: Raus aus der Beziehung, raus dem Umfeld, das ihr Verhältnis nicht versteht, Transsexualität schon gar nicht! Fred versucht sich an einem etwas bürgerlicheren Entwurf von Leben. Laurence steht diese Option nicht mehr zur Verfügung. Sie wird Schriftstellerin und findet – very Fellini – eine Art Ersatzfamilie in den “Five Roses” – einer generationen- wie genderübergreifenden, etwas abgehalfterten Chansontruppe. Fast nüchtern entwickelt Dolan dagegen das Verhältnis zwischen Laurence und seiner leiblichen Mutter. Ein gewisser Leerlauf stellt sich ein. “We fade to grey” singen Visage in der Mitte des Films, es klingt wie ein Warnung. Doch Farben, Musik und Überwältigungsmodus kehren stets zurück. Weil diese Liebe eben kein Ende hat. Und deshalb hat auch der Film keines, er bricht inmitten der Geschichte ab. Natürlich in einem Moment der Hoffnung.

Laurence Anyways (Kanada, 2012)
Regie: Xavier Dolan
Dt. Kinostart: 21. Juni

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Elektronische Lebensaspekte.