Das Label aus Manchester hat sich auf Reissues verschollener Raritäten spezialisiert
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 149

Finders Keepers 2

Im Norden Englands scheint es eine besondere Vorliebe dafür zu geben, auch die entlegensten, längst vergessenen Winkel der Popkultur zu erforschen und zu kartographieren. Das Label Finders Keepers Recordings aus Manchester veröffentlicht seit fünf Jahren liebevoll aufbereitete Platten, deren Musik immer wieder unbekannte musikalische Parallelwelten aufblitzen lässt. Wir haben uns über die Schwierigkeiten und die Freuden des Suchens und die andere Seite der Ethno- und Weltmusik unterhalten.

Ihr Spektrum reicht von psychedelischem Funk über obskuren Jazz, Folk, Prog-Rock, frühe Synthie-Experimente und Library Music bis zu obskuren Soundtracks. Die Herkunftsländer der Musikerinnen und Musiker sind nicht selten popkulturell eher unbefleckte Länder wie Pakistan, Iran, Thailand oder Sri Lanka. Aber anstatt Exotismus geht es den drei Betreibern von Finders Keepers darum, dem klassischen Kanon eine alternative Popgeschichte gegenüberzustellen. Und dieser Mission gehen die Finder-Bewahrer mit dem unerschütterlichen Enthusiasmus leidenschaftlicher Sammler und Musikarchäologen nach. Doug Shipton von den Finders Keepers hat uns die Hintergründe erklärt.

Debug: Woher kam die Idee, sich auf das Wiederveröffentlichen von obskuren Platten zu spezialisieren?

Doug Shipton: Andy Votel, Dom Thomas und ich haben das Label 2005 gestartet, nachdem Andy und ich die Compilation “Folk Is Not A Foul Letter Word” für Delay 68 Records zusammengestellt hatten. Der Name Finders Keepers kommt von einer weiteren Compilation, die Andy ein paar Jahre vorher für das Manchester Label Fat City Recordings gemacht hat. Seitdem hatte er mit dem Gedanken gespielt ein Reissue-Label zu starten, und nach dem Erfolg von “Folk Is Not A Foul Letter Word” war die Zeit einfach reif.

Debug: Die Musik, die ihr veröffentlicht, ist fast durchweg obskurer Natur. Oft aus der Peripherie der Popkultur. Auf eurer Website beschreibt ihr die bunte Mischung so: “Japanese choreography records, space-age Turkish protest songs, Czechoslovakian vampire soundtracks, Welsh rare-beats, bubblegum folk, drugsploitation operatics, banned British crime thrillers and celebrity Gallic Martini adverts.” Was fasziniert euch an den Bands, Künstlern und Sounds, die ihr ausgrabt, am meisten: dass sie vergessen wurden oder dass es sie überhaupt gibt?

Shipton: Von Andy kommen die beiden Bezeichnungen “B-Music” und “Second Class Sound”, die auf Musik anspielen, die auf dem Papier nicht unbedingt den Anschein macht, dass sie gut sein könnte, aber eben doch mindestens gleichwertig ist mit Platten, die konventionell als gut betrachtet werden. Zum Beispiel kann eine türkische, französische, polnische oder pakistanische Platte all die richtigen Elemente für eine tolle Platte aufweisen (was auch immer das im Einzelnen ist), aber aufgrund der Tatsache, dass auf ihr in einer anderen Sprache gesungen wird oder es “ethnische” Einflüsse gibt, verfehlt sie den klassischen Kanon und wird ignoriert. Es ist der Geist oben erwähnter Bezeichnungen, der den Unterbau für das Label ausmacht und unsere Auswahl bestimmt.

Debug: Neben der Musik scheint mir oft auch der Kontext interessant zu sein, in dem sie entstanden ist.

Shipton: Für mich ist das ein wichtiger Teil. Ich liebe es, etwas über die sozialen und politischen Klimata, in denen die Platten produziert und aufgenommen wurden, zu lernen. Und wie die Musik dadurch beeinflusst wurde. Ich denke auch, dass es ein wichtiges Element ist, das die Platten so besonders macht. Wir veröffentlichen keine türkischen oder pakistanischen Platten, weil wir türkische und pakistanische Musikliebhaber und Sammler im Hinterkopf haben. Deswegen ist es wichtig, dass wir einen Kontext mitliefern, der den Leuten hilft, die Relevanz und die Geschichte der Platte und der involvierten Künstler nachvollziehen zu können.

Debug: Gibt es Anekdoten und Hintergründe, auf die ihr im Zuge eurer Suchen gestoßen seid, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Shipton: Die Detektivarbeit, die wir für den Re-Release der Platten von Selda Bagcan aufwenden mussten, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Andy jagte eine ganze Weile einem Tipp in der Türkei nach, ohne zu merken, dass er mit Selda persönlich in E-Mail-Kontakt stand, die ihm jedoch die ganze Zeit über mit Beteuerungen, dass Selda Bagcan tot sei, von der Fährte abbringen wollte. Christine Harwood hatte auch eine interessante Geschichte. Als junge Frau verbrannte sie alle Kopien, die sie und ihre Familie von ihrer Platte “Nice To Mee You Miss Chrissy” besaßen, weil sie sich für ihre Darbietung auf ihr schämte! Jetzt ist die Platte natürlich eine ziemliche Rarität.

Debug: Wie findet ihr neue Musik?

Shipton: Die B-Music Crew besteht mittlerweile aus einer ganzen Reihe von über die Welt verteilten Musikern und Cratediggern. Zusammen ergibt das eine ziemliche Ansammlung von Wissen. Jedes Mitglied bringt etwas Anderes mit ein. Ich finde meine Platten über viele verschiedene Quellen: lokale Suche, durch Austausch mit Plattenhändlern auf der ganzen Welt, Tauschen, das Internet, manchmal sind Auktionsseiten ein notwendiges Übel. Ich bin sehr glücklich, dass ich durch meinen Job viel reise. Ich nehme mir vor Ort immer Zeit, um mich umzuschauen. Nichts übertrifft lokales Wissen.

Debug: Ist es mittlerweile schwieriger geworden, rare und obskure Platten zu finden?

Shipton: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es schwieriger wird, Platten zu finden, aber die Latte wird auf jeden Fall ständig verschoben. Es gibt momentan eine ausgeprägte Reissue-Szene mit vielen Sammlern, die nach Platten suchen. Jeder muss eine Schippe drauflegen, wenn es darum geht, neue Platten zu entdecken. Ich versuche mich nie zu lange mit “Want Lists” aufzuhalten, irgendetwas Neues kommt immer um die Ecke. Aber ich habe immer ein offenes Auge.

Debug: Ähnlich aufwendig wie das Aufspüren der Musiker und ehemaligen Label-Besitzer, stelle ich mir den Lizenzierungsprozess vor. Wie handhabt ihr das?

Shipton: Wir sind sehr stolz auf die Anstrengungen, die wir für jeden Release unternehmen, damit gewährleistet ist, dass die Rechteinhaber (nicht selten die Musiker selbst) involviert sind und ihr Geld bekommen. Dafür ist teilweise eine Menge an Detektivarbeit nötig, für die wir unsere über die Jahre angewachsene Liste mit Kontakten nutzen. Außerdem reisen wir viel und haben zahlreiche Freunde und ähnliche Enthusiasten, die uns mit Kontakten zu Musikern und alten Label-Bossen versorgen und nach ihnen Ausschau halten. Für manche Platten reichen ein paar Telefonate oder E-Mails, und dann gibt es Zeiten, in denen man jahrelang auf Einbahnstraßen und unbeantwortete E-Mails stößt und diverse Roadtrips benötigt, um ein Ergebnis zu erzielen.

Debug: Wer als Produzent nach etwas anderen Samples sucht, ist bei Finders Keepers meist richtig. Habt ihr den Sample-Aspekt bei euren Veröffentlichungen im Hinterkopf?

Shipton: Uns geht es nicht unbedingt darum, Musik zu veröffentlichen, die man in bestimmte neue Kontexte übersetzen kann. Es ist schmeichelhaft, wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, die den Wert unserer Veröffentlichungen sehen. Als DJs und Sammler gehen wir aber natürlich davon aus, dass wir ein gutes Ohr für Platten und wie sie benutzt werden könnten, haben. Bis heute haben wir mit Leuten wie Erykah Badhu, Oh No, Madlib und Percee P zusammengearbeitet, die unseren Platten neues Leben eingehaucht und sie einem noch größeren Publikum bekannt gemacht haben.

Debug: Was kommt als nächstes?

Shipton: Im Moment promoten wir unsere neue “Thai? Dai!”-Compilation, die im Januar erscheint. Des weiteren planen wir neue pakistanische Releases, eine Compilation des tamilischen Genies Ilaiyaraaja, weitere tschechische Soundtracks, neue Teile unserer Jean Rollin-Serie und noch mehr Platten von Bird Records und Jane Weaver. Außerdem arbeiten wir gerade an unserem ersten Buch, “Ritual”, auf dem das Drehbuch zu “The Wickerman” basiert und DVDs wird es demnächst auch geben.

http://www.finderskeepersrecords.com

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