Mit minimalen und recht analogen Mitteln fabriziert das englische Duo Fingathing Instrumentalhiphop, der einem die Nägel wellt. Ausgestattet mit einem Kontrabass und einem Plattenspieler wird nicht nur ihr Manchester Wohnzimmer zur akustischen Spielwiese.
Text: Clara Völker aus De:Bug 61

HipHop

Rocken ohne Umwege
Fingathing

“Wenn man in Manchester lebt, ist Regen der größte Einfluss. Er bewirkt, dass man eine Menge drinnen bleibt. Er kreiert eine Stimmung. Nicht unbedingt immer eine schlechte, die Leute in Manchester sind liebenswürdig und die Stadt eigentlich auch. Aber ich bin wie ein Eremit, und Sneaky ebenso. Wir bleiben zuhause, hören Musik und haben Stimmungsschwankungen wie jeder andere auch. Wenn ich schlecht gelaunt bin oder mich finster fühle, mache ich Musik”, so Peter Parker, eine Hälfte des Duos “Fingathing”. Er spielt Plattenspieler, sein Partner Sneaky Kontrabass. Getroffen haben sie sich 1997 durch das Label Grand Central. Sie waren beide Teil der Live-Band von “Rae and Christian” und tourten mit ihnen um die Welt. Währenddessen bot ihnen Labelchef Mark Rae einen Plattenvertrag an, sie gingen ins Studio, gründeten Fingathing und nahmen ihre erste LP “The Main Event” auf. Das war 2000.

Minimales Fundament

Soeben ist ihre zweite LP “Superhero Music” erschienen. Vom Sound her hat sich nichts Wesentliches verändert. Aber: “Wir sind erwachsener und professioneller geworden und wissen inzwischen auch, wie man das Equipment bedient. Das erste Album war vom Sound her wesentlich roher als das jetzige. Aber noch heute verwenden wir lieber eine alte MPC als das neuere Modell.” Überhaupt lieben Fingathing ungehobelte Sounds, was aber nicht heißt, dass ihre Platte nicht musikalisch ist. Ganz im Gegenteil, gerade mit dem Plattenspieler als unerschöpflich vielfältigem Sampleinstrument und Sneakys Virtuosität, was klassische Instrumente angeht, ergänzen die beiden sich zu einem lebendigen Sound. Das reduzierte und direkte Prinzip ihrer Musik spiegelt sich auch in ihren Live-Auftritten wieder, die, ähnlich anderer HipHop-Instrumentalbands wie “Life Human” aus San Francisco oder “Lychee Lassi” aus Berlin, nicht frei von Improvisation sind, somit HipHop bzw. Funk aus der musikalischen Retorte heraus katapultieren. Peter Parker: “Die Musik wird auf der Bühne nicht einfach rekonstruiert, es ist etwas völlig anderes. Die Basis und die Noten bleiben natürlich bestehen, aber es ist keine reine Reproduktion.” Fingathing benutzen live neben dem Kontrabass nur einen Plattenspieler, “wegen der Schnelligkeit und Genauigkeit beim Beatmachen. An zwei Plattenspielern ist die Wahrscheinlichkeit, einen auffallenden Fehler zu machen und das Ganze damit zu unterbrechen, wesentlich größer.” Die Produktion ihrer Songs im Studio verläuft ohne immense Konstruktion, viele Songs werden “komplett live aus dem Freestylen” eingespielt. Aber nicht alle Lieder entstehen auf die Schnelle, “es gibt auch Tunes mit einem wesentlich längeren und verworrenerem Zugang. Sneaks‘ Strings aufzunehmen dauert oft etwas länger.” Prägend für Fingathing sind insbesondere die selbst für eine Band relativ geringen Produktionsmittel: “Unser Sound ist sehr minimal, es ist so klein wie mit einer Zwei-Mann-Band nur möglich. Es sei denn, man nimmt eine Ein-Mann-Band mit Xylofon auf dem Kopf, Harmonika im Mund und Drums auf den Knien… Wir sind extrem elementar. Die Grundhaltung ist, live zu sein. Spontan. Und bei dem, was man macht, ein gutes Gefühl zu haben. Denn so kann man spontan wirklich großartige Musik machen.”

Billige und blödsinnige Samples

Den Hintergrund von Fingathing beschreibt Peter Parker so: “Mein Bruder ist zehn Jahre älter als ich, und ich musste die meiste Zeit meiner Jugend ein Zimmer mit ihm teilen. Er steht voll auf Rockmusik, Heavy Metal. Also bin ich mit ziemlich schweren Beats aufgewachsen. Das ist irgendwie hängen geblieben, Sachen, die fett sind und wirklich asskicken, mag ich jetzt am liebsten. Als HipHop zum ersten Mal rüberschwappte, wurde ich davon abhängig, ich habe immer Tapes gehört. Allerdings fand mein Bruder HipHop das Allerletzte und wollte nicht, dass ich das höre… also musste ich Rock hören, bis er zuhause auszog. Dann konnte ich wieder mehr HipHop hören und auch Breaks. Sneaks‘ Hintergrund sind Jazz und klassische Musik. So vermischen sich die Stile.” Mit wenigen Mitteln viel zu machen, ist eine Grundidee von Fingathing: “Die Musik, die ich kaufe, verwendet kein anderer, den ich kenne. Wahrscheinlich weil sie billig ist. Ich kaufe viele blödsinnige Platten, auch Progressive Rock und 80er-Jahre-Stuff, einfach alles, das verrückte Sounds hat. Während viele andere 35 Pfund teure Platten kaufen, suchen Sneaky und ich in anderen Quellen nach ungehörten Samples und versuchen bewusst, uns verschiedene Sachen anzuhören, auch ältere Sachen von uns selber. Oft bleiben Künstler, die Musik machen, irgendwann in einem kleinen Tunnel hängen. Wenn man HipHop macht, macht man oft jahrelang dasselbe, bloß mit einem anderen Sample. Wir machen lieber Sachen, die etwas weiter gehen.” Das, und die Abneigung glatter Ästhetik gegenüber, spiegelt sich auch in Peter Parkers DJing wieder: “Mainstream HipHop kaufe ich nicht und höre ich mir auch nicht an. Es interessiert mich nicht, weil ich finde, die Produktion klingt zu sauber, glänzend und nice für das, was HipHop und der Sound für mich bedeuten.” Was vor allem Freude ist.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.