Frauke Finsterwalder und Christian Kracht über ihren ersten gemeinsamen Film
Text: Christian Blumberg. Bild: FW & CK aus De:Bug 176

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Auch wenn sie sich nur noch sporadisch dort aufhalten: Mit Deutschland sind die Eheleute Frauke Finsterwalder und Christian Kracht noch nicht fertig. Nun gewissermaßen auch als Künstlerpaar auftretend, haben die Filmemacherin und der Autor einen Spielfilm geschrieben: Finsterworld, ein Heimatfilm der persönlichen Parallelwelten, läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Im Verkaufsraum einer Autobahntankstelle ruhen zwei Bockwürste im Würstchenwärmer. Draußen scheint die Sonne, ein Reisebus wechselt auf den Zufahrtsstreifen des Rastplatzes. Hier exkursiert der Leistungskurs Geschichte eines Elite-Internats. Ein Konzentrationslager soll besucht werden, die Schüler vertreiben sich die Zeit mit Sticheleien und Ghost World. Einer von ihnen, Dominik, spielt mit den Inhalten des Lunchpakets. Geschichtslehrer Nickel setzt eine Pause von genau zehn Minuten an: “Und das Austreten nicht vergessen”, ruft Nickel und fügt hinzu, mehr zu sich selbst: “Das Austreten. Mein Gott, ist die deutsche Sprache schön.”

Finsterworld ist ein Film über Deutschland, aber anders. In Episoden erzählt er vom Einsiedler, der sich in einen deutschen Zauberwald zurückgezogen hat. Vom mobilen Fußpfleger Claude und seiner sehr speziellen Leidenschaft für den Staub von Hornhäuten. Von einem Polizisten, der sich in ein flauschiges Furry-Kostüm sehnt, von seiner Freundin, die von dieser zweiten Realität nichts weiß, die Dokumentarfilmerin ist und als solche doch verbissen nach ‘ganz echter’ Realität sucht.

Von Realismus, oder was in Teilen der hiesigen Film- und Fernsehlandschaft dafür gilt, halten Finsterwalder (die bislang selbst Dokumentarfilme gemacht hat) und Kracht wenig. Finsterworld ginge als Antithese zum Durchschnitts-Tatort durch: Sonnenschein durchflutet selbst die geschlossenen Räume, auf der Tonspur erzeugen Wälder und Autobahnen das gleiche, heitere Grundrauschen. Auch die Musik von Michaela Melian (als F.S.K.-Sängerin natürlich prädestiniert für ein Projekt wie Finsterworld) verrät nichts von jener Verzweiflung, die die Protagonisten das hat errichten lassen, was Frauke Finsterwalder ihre Kokons oder Schutzräume nennt: neue Heimaten im Faserland.

Was außerhalb der Kokons liegt – auch hier untergräbt der Film Erwartungshaltungen –, lauert im Off. Der erklärend-psychologisierende Gegenschuss bleibt aus, die Kamera ist keine Soziologin. Manchmal bleibt sie gedankenverloren in den Baumkronen hängen. So entstehen narrative Brüche, obwohl der Film doch immerzu erzählt. Das tut er mal heiter, mal erbarmungslos und trocken, dann wieder beinahe albern. Dabei passieren hier doch wirklich hässliche Dinge. Die meisten Bewohner der Finsterworld müssen nicht nur ihrer eigenen Überzeichnung standhalten, sondern auch den kleinen und großen Bösartigkeiten, die das Drehbuch für sie bereithält. Der Geschichtslehrer Nickel artikuliert sich so souverän wie er gekleidet ist. Und doch wird er sich nach dem KZ-Besuch ganz und gar hilflos wiederfinden, in Untersuchungshaft.

Im Blick auf die Figuren steckt keine Kaltblütigkeit. Es scheint, als hätten Finsterwalder und Kracht ihnen die glückliche Fügung gegönnt, die sie ihnen doch nicht gewähren. Zu Beginn des Films singt Cat Stevens davon, wie er ganz tief in die eigene Seele hineinhorcht. Ob das nun auf eine künstlerische Praxis hindeuten oder sie eher karikieren soll, ist wirklich nur ein Rätsel unter vielen. Wir müssen nachfragen.

 
In Finsterworld wird sich viel geekelt: vor öffentlichen Toiletten, vor Worten, vor Deutschland. Warum all dieser Ekel?
 
Frauke Finsterwalder: In Deutschland gibt es ja in den Toiletten eine Ablage, ein Tablett, auf dem man das Ausgeschiedene dann genau betrachten kann. Diese Obsession mit Fäkalien, mit Ausscheidungen. In anderen Ländern ist da einfach nur Wasser.
Christian Kracht: Diese Ablagefläche ist ja auch eine Art Bühne, ein Spektakel, wenn man so will.

Finsterwalder: Aber Ekel ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es geht wohl eher um das im Film von Fußpfleger Claude beschriebene Gefühl, so wie wenn man ein Stück Schorf von einer Wunde abpult. Da ist einerseits ein fürchterliches Ziehen in der Magengegend und gleichzeitig kann man nicht damit aufhören.

 
Nutzt Ihr Film die Leinwand wie solch eine deutsche Toilettenablage, zum Betrachten und Sezieren, auch zum Überhöhen des dort Vorgefundenen?
 
Kracht: Das trifft es schon recht genau. Dass seziert werden würde, war schon bei Beginn der Drehbucharbeit klar. Das maschinelle Abraspeln der Hornhaut und schauen, was darunter ist. Die Guten werden bestraft und die Bösen kommen davon, werden gar noch belohnt.

Finsterwalder: Der Film ist ein bisschen wie ein Comic, eine Überzeichnung. Denn für mich ist Kino selbstverständlich immer und jederzeit eine Überhöhung. Man kann natürlich einfach Bushaltestellen oder Baumärkte und Habitat-Wohnzimmer zeigen, Menschen, die beim Einkaufen schweigend vor sich hin schauen, nach Hause gehen und duschen und dabei an die Wand starren und dann ein Stück Graubrot essen, und dann soll man sich als Zuschauer überlegen, was die wohl dabei denken. Das ist doch irre deprimierend …

Kracht: … man kann das Ganze dann noch in die DDR oder nach Berlin-Wedding verlagern.

Finsterwalder: Die sonnendurchfluteten Bilder, die Kostüme, das war eine meiner zentralsten Entscheidungen: kein Realismus. Vielleicht bin ich aber auch ein bisschen Ich-bezogen.

 
Warum gilt Sonnenschein im deutschen Kino eigentlich als unrealistisch? Ich verstehe das wirklich nicht. Können Sie mir vielleicht erklären, warum in deutschen Filmen immer alles verregnet und blaustichig sein muss?
 
Finsterwalder: Das kann ich mir beim besten Willen auch nicht erklären.

Kracht: Begonnen hat diese Farbverwirrung eigentlich mit den beiden Filmen “Traffic” (Steven Soderbergh) und “City of God” (Fernando Meirelles), das wurde dann weitergeführt in den Spielfilmen des Werbefilmers und Action-Spezialisten Tony Scott; darin war alles immer geschwefelt und entweder völlig willkürlich gelb eingefärbt oder blau. Das haben dann deutsche Regisseure zusammenhanglos auf Deutschland übertragen und heraus kam dieser furchtbare Blau-Graustich, der irgendwie nun schon seit Jahren als Maßstab für filmische Qualität gilt, was aber ziemlicher Unsinn ist, weil es absolut gar nichts mit irgendetwas zu tun hat.

Finsterwalder: Die tristen Farben in diesen Filmen sollen Tiefe und Melancholie vortäuschen. Wie bei einer Audi-Werbung.

Kracht: Oft wird dann in diesen Filmen, in denen, wie gesagt, Menschen beim Graubrotessen oder beim nächtlichen S-Bahn-Fahren gefilmt werden, deren Gesichter als Spiegelung in den jeweiligen Scheiben gezeigt, das bedeutet, die Person ist nicht mit sich im Reinen. Dann sieht man die beim Traurigsein und Nachdenken und Durch-die-Nacht-Fahren, und es soll dadurch so eine Art Neo-Neorealismus entstehen. Also, ich finde das blöd.

 
Welche Art Filme finden Sie dagegen nicht blöd?
 
Kracht: Auf jeden Fall Filme, in denen ein armer kleiner Hund vorkommt, und ein alter Mann ohne Freunde, der den Hund hochpäppelt und dann wieder verliert, etwa Carlos Sorins “El Perro Bonbon” und “Umberto D.” von Vittorio De Sica. Ach nein, der allerbeste Film ist Peter Bogdanovichs “Paper Moon”.

Finsterwalder: Genau, genau. Malicks “The Thin Red Line”, daraus kommt die Idee mit dem Einsiedler, “Starship Troopers” von Paul Verhoeven und Wes Andersons “Rushmore”, der auf Finsterworld immens großen Einfluss hatte.

 
Frau Finsterwalder, schon der Filmtitel legt ja eine Fährte, die einen auf die Idee kommen lässt, es gäbe in dem Film doch einiges, was mit Ihnen selbst zu tun haben könnte. Was also ist die Finsterworld?
 
Finsterwalder: Der erste Spielfilm, so sagt man, sei stets stark autobiografisch. Oft führt man jahrelang diese oder jene Ideen mit sich, bastelt und doktert und zupft an ihnen herum, und verwendet Themen oder Bilder, die man seit der Kindheit vor sich aufscheinen sieht. Manchmal ist es nur ein Wort wie Finsterworld, das natürlich sehr viel mit meinem Nachnamen zu tun hat, aber auch mit meinem Großonkel Richard Finsterwalder, der 1928 die deutsche Pamir-Expedition leitete und dann Anfang der 30er-Jahre den Nanga Parbat im heutigen Pakistan bestieg. Ich beschäftige mich in meinen Filmen meist und am liebsten mit den Dingen, die mir Angst machen. Ich habe wirklich irrsinnige Angst vor Gewalt, vor Erniedrigung, vor Deutschland. Vieles von dem, was in Finsterworld passiert, kommt direkt aus meinen Albträumen. Seit der Film fertig ist, schlafe ich tatsächlich sehr viel besser.

 
Entschuldigung, aber haben Sie sich diesen Großonkel gerade ausgedacht?
 
Finsterwalder: Nein, überhaupt nicht, so etwas kann man sich doch nicht ausdenken.

Kracht: Man kann sich Fraukes Großonkel vielleicht wie den Einsiedler in Finsterworld vorstellen – einen bärtigen Menschen, der sich nur außerhalb der Gesellschaft wohl fühlt; wie jemanden, der sich ganz bewusst zurückgezogen hat in ein Waldgebiet um dort stumm mit Tieren und Pflanzen zu kommunizieren, ein Mensch, der unserer Gesellschaft den Rücken zugekehrt hat, selbstgeschneiderte Flickenmäntel trägt und bei Kerzenlicht viel liest. Er hat im Altai-Gebirge, bei der deutschen Pamir-Expedition, ich glaube, es war 1930 …

Finsterwalder: … 1928, aber ich muss Dir widersprechen, es wäre vielleicht besser gewesen, hätte er sich – wie der Einsiedler – von den Menschen ferngehalten.
Kracht: Na ja, jedenfalls hat er eine völlig intakte Natur vorgefunden und sie kartografiert; Altai bedeutet ja in der Sprache der Uiguren soviel wie hinter – oder unter dem Mond; eine vollends abgeschiedene Welt also, ein ganzes Universum voller unbekannter Tiere, Steinböcke, sogar das heute ausgestorbene Przewalski-Pferd hat er wohl noch freilaufend gesehen und beschrieben.

 
Sind an der Natur des Nanga Parbat nicht viele verzweifelt?
 
Kracht: Berge sind meiner Ansicht nach immer Orte der allergrößten Verzweiflung. Das erklärt auch ihr Nichtvorhandensein in Finsterworld: Der Film ist im Grunde ein Versuch, nicht zu verzweifeln.

 
Wenngleich nicht in Form von Bergen, gibt es in Ihrem Film intakte Natur zu sehen. Überhaupt scheinen Teile des Kinos in letzter Zeit eine Sehnsucht nach Natur zu haben, nach so einer Art Rückverzauberung der Welt. Es werden zum Beispiel wieder sehr viele Tiere gezeigt.
 
Finsterwalder: Man könnte natürlich denken, dass die Natur in Finsterworld besonders wichtig ist. Das stimmt aber nicht ganz. Der Film beginnt zwar in der Natur, im deutschen Urwald, aber der ist eigentlich nur eine Art Blase, in der sich eine der Figuren, der Einsiedler, aufhält und wohl fühlt. Die Natur ist die Blase, der Kokon, der ihn schützt. Aber auch die anderen Figuren führen ihre Kokons mit sich: Der Polizist Tom hat seine Furry-Obsession, Franziska ihre Dokumentarfilme, Dominik seine Geheimwelt, und so weiter. Und immer wenn etwas von außen in diese Schutzräume eindrängt, beginnt die Zerstörung. Dann straucheln die Figuren, und der embryonale Zustand löst sich auf.

 
Sie beide halten sich viel in Afrika auf, zur Zeit in Uganda.
 
Finsterwalder: Ja! Am schönsten ist es, mit Christian vor dem “God Bless Shop” in Butiaba im westlichen Uganda zu sitzen. Aus dem Inneren der Blechhütte dringt jeden Tag “Blame It On The Rain” von Milli Vanilli. Auf der unasphaltierten Straße, im öligen Schlamm; Fischkadaver, darauf ein Teppich aus blauschwarzen Fliegen, seit Tagen nur Ingwer-Kaffee. Wir sind gesund.
Kracht: In Afrika hat sich meine gesamte Perspektive auf Alles radikal verändert. Ein Wunder, dass so etwas in meinem fortgeschrittenen Alter überhaupt noch geschehen kann.

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Elektronische Lebensaspekte.