Carl Crack, allen noch im Gedächtnis als Stimme von Atari Teenage Riot, ist seit zweieinhalb Jahren für immer dreißig. City Centre Offices sind grade fünf geworden und veröffentlichen eine Platte, auf der wir diese Stimme noch einmal erleben dürfen - und zwar ganz anders. Frederic Stader a.k.a. Din-ST heißt der Mann, der das Geschenk gepackt hat.
Text: Multipara aus De:Bug 82

Die Kraft der Musik
Firewire: A tribute to the Manzini

“A tribute to the Manzini” präsentiert mit durchweg melancholischen, gleichermaßen HipHop wie R&B und Soul und auch Dub verpflichteten Stücken nicht nur eine unbekannte Seite von Carl Crack, sondern eröffnet auch ein neues Kapitel in der Geschichte von City Centre Offices. CCO, mit einem Bein fest auf dem Boden klassischer Electronica stehend, lassen das zweite gerne kreisen. Aber hier geht es um mehr – wie sehr Labelmacher Thaddeus Herrmann der “andere” HipHop wie etwa aus dem Umfeld von Botanica del Jibaro am Herzen liegt, kann man schon seit längerem in seinen DJ-Sets hören (und bald auch an anderer Stelle). Von daher überrascht es nicht, wenn er erklärt, Frederic habe ihm die Platte angeboten, und er mochte sie einfach. Kaum eine Band jedoch hatte sich so explizit der Aggression verschrieben wie Atari Teenage Riot, der Carl Crack bis zur letzten Tour 2000 angehörte. Da scheint der Weg zu einem Label wie City Centre Offices, dem diese Haltung völlig fremd ist, doch weit. Und wer ist eigentlich Frederic?

Als Frederic Stader und Carl Crack Ende der Neunziger endlich begannen, zusammen Musik zu machen, war letzterer als MC einer Band mit enormer Medienpräsenz und griffiger Formel längst bekannt und hatte sich vor allem durch seine außerordentliche Bühnenpräsenz einen Namen gemacht. Stader dagegen kannten nur wenige – woran sich bis heute trotz zahlreicher Veröffentlichungen, auch auf großen Labeln wie DHR, Warp (als DJ Maxximus) und Tresor aufgrund einer gepflegten Sperrigkeit und wohl auch seinem zurückhaltenden Naturell nicht wirklich viel geändert hat. Bei einem Cosmic-Orgasm-Rave in Köln 1994 waren sie aufeinandergetroffen und hatten bald gemerkt, dass sie sich persönlich und musikalisch verstanden. Wie Carl Crack kam auch Stader ursprünglich vom Jungle, den er mit 16 über seinen Mitschüler Xplorer (Hard-Edged) kennen gelernt hatte. Bekanntschaft mit Patric C und Carolin (Robotnics Crossing) führte zu einer zeitweiligen Reduktion auf die Energie von Hardcore/Gabber und zu ersten Produktionen. Labelkollege von Carl Crack wurde er dann mit einem Projekt namens “Fever” (mit Paul P.M.), das sich mit kaputtem, eckigem HipHop beschäftigte und seine Energie durchaus noch aus der Arbeit mit Distortion bezog. Mit der Zeit machte sich dann aber der Einfluss der cleanen, aber nicht weniger fetten R&B-Produktionen (etwa von Shakespeare, Producer für Destiny’s Child) bemerkbar, der sich dann in “Whatever” als gemeinsamem Projekt mit Mark van Yetter aus Brooklyn und eben Carl Crack manifestieren sollte: poppiger, aber immer noch rough. Allerdings nur live – eine Platte wurde leider nie fertig.

IMMER DA
Musiker reifen durch die Entwicklung des Verständnisses für andere Richtungen, die sie dann in den eigenen Ansatz integrieren. Der rote Faden in Staders Arbeiten zieht sich, quer zu solchen verschiedenen Einflüssen, immer entlang der Konstanten Darkness und Tiefe, bei Fever und Whatever wie in seinen Soloarbeiten als Din-ST (an dieser Stelle verweisen wir auf das erste Album von Din-ST auf Schematic, das auch dieser Tage erscheint). Die erworbene produktionstechnische Sicherheit, die Stader auch in seinem Hauptberuf als Sounddesigner umsetzt, erlaubt ihm, seinen ganz persönlichen Ton unabhängig von Stilschranken zu halten – eine kreative Leistung, die keine Massen erreicht. Mit Firewire dürfte sich aber der Geheimtipp-Status endlich erledigen. Firewire nämlich ist Pop im besten Sinne. Denn Carl Crack offenbart dem Publikum ganz unerwartete, vielseitige Qualitäten als Blues- und Soulsänger. Das ganze musikalische Abenteuer, das schon Staders Tracks zu bieten haben, fügt sich so zu einem Strauß eindrücklicher, sehr persönlicher Songs, die an die R&B-Tradition andocken, aber mit ihrer erschreckenden Frische (die Stücke sind ja alle schon 2000/01 entstanden!) jede Einordnung transzendieren. Mehr lässt sich nicht erreichen, hier wurde ein Meisterstück abgeliefert.

Um Carl Cracks Tod kommt man bei einer Platte, die sein Vermächtnis darstellt, nicht herum. Er ist an der Krankheit, die schon lange sein Leben geprägt hatte, gestorben, als die Stücke grade aufgenommen waren; die Veröffentlichung wurde autorisiert von seiner Familie. Deshalb dazu drei, vier kurze Sätze. Carl Crack ist nicht der Einzige, dem es nicht gut ging, wenn er ins Studio gegangen ist. Der Tod jedoch hat in der Musik keinen Platz. Darum ging es, darum geht es auch für uns Hörer. Die Kraft der Stücke spricht für sich selbst.

Und City Centre Offices? Wir drehen das Rad der Geschichte nochmal zurück, noch ein Stück weiter als vorhin. Anfang der Neunziger lernt Thaddeus Herrmann Carl Crack als MC auf Jungleparties kennen. 1994 wird er mit seinem ersten Projekt Sonic Subjunkies dessen Labelkollege. Eine wilde Zeit – und ein gemeinsamer Aufbruch. Ein Stuhl ist kein Haus, und ein Haus ist kein Heim, wenn niemand da ist. Bei CCO ist jemand da.

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Elektronische Lebensaspekte.