Das Kunst- und Musikperformanceprojekt FischerSpooner ist die grössenwahnsinnige Übertreibung der Achtziger-Elektrotrash-Spassszene.Dekadenter Fluxus der speziellen New York-Kategorie: Hassen als Transformer-Revue.
Text: jan kage/kerstin schäfer aus De:Bug 33

/kunst Let me be your Sigue Sigue Sputnik-Boy FischerSpooner NYC, Dezember ’99. Kurz vor dem alle umtreibenden Y2K-Milleniumswechsel treffen wir Kent auf einer DinnerParty. Das Leichteste in New York: Leute kennenlernen, Nummern tauschen – connecten. Kent erzählt uns von diesem unglaublichen Performance-Projekt ‘FischerSpooner’. Der Hype überhaupt in NYs Kunstszene. Natürlich hat er was damit zu tun. Kent macht die intellektuelle Rahmenarbeit im Hintergrund und die Pressekontakte im Vordergrund. Jeder redet hier über seine Projekte. Ein paar Tage später und einige Drinks weiter, lädt uns FischerSpooner-Sängerin Cindy – tagsüber Designerin – nach einem fünfminütigem Plausch zu ihrem Christmasdinner ein. Wir waren da. Das zum FischerSpooner-Kontakt. We hate Im Vordergrund der Gruppe FischerSpooner stehen Warren Fisher und Casey Spooner. Ersterer ist der Musiker – verantwortlich für die in Sound und Struktur nach Achtzigern schreienden Elektrobeats ( “Wir hassen die Achtziger”) – und der andere der Performer – in dieser Konstellation Sänger und Frontman der Band (“Ich hasse Musik, und wir sind keine Band. Wir sind ein Künstlerprojekt”). That’s it. Alles geht FischerSpooner sind ein mehr oder weniger offenes Künstlerkonzept mit Warren und Casey im Zentrum und Designern, Tänzern und Sängern im Orbit. Orte für ihre exhibitionistischen Auftritte sind Galerien, Museen, normale Venues oder das Starbucks Café am Astor Place. Das Projekt ist Plattform für ein Gesamtwerk: Performance, Style, Sex und Fashion gehen Hand in Hand. Schnittstellensniffer eben. Frontmann Casey hat überhaupt kein Problem damit einzugestehen, dass er einen “shit about music” weiss. Er sagt auch, dass er nicht singen kann. Braucht er auch nicht. Von 1000 Dilettanten sind sowieso nur drei genial. Wie FischerSpooner. Wer aussieht wie Sigue Sigue Sputnik oder die Hauptfiguren in Mad Max-Endzeit-SciFi-Movies, provoziert in der Digitalästhetik des neuen Jahrtausends. “Die Achtziger sind für die Leute einfach erlebbar. Jeder hat seine 80s Erfahrung hinter sich. Musikalisch zwischen New Wave und vocallastigen Trashelektro, verschwindet auch die analoge Idee einer reinen Band oder strikten Performancegruppe. Alles geht und wird poppig schrill. “We hate electronic music, but we also hate analog equipment”. FischerSpooner funktionieren nur durch Gegensätze. Die Maxime: We hate, but we do so. Sie sagen: “We don’t want any trash.” Aber Trash macht Spass, sage ich. Das ist Dialektik. Mit ihrer bahnbrechenden 80s-Attitüde, über die FischerSpooner ihre Performance präsentieren, entsteht ein cheap-trashy Feeling, das man nicht so schnell vergisst. Das ist auch genau der Punkt, der die Faszination von FischerSpooner in New York ausmacht. Performance als Selbstdarstellung ist zwar nicht neu, aber niemand bedient sich so rigoros an unverhüllter Dekadenz wie FischerSpooner. So what? “Musik ist nur ein Element von FischerSpooner. Wir brechen Stereotypen mit dem, was wir machen. Wir wollen jede Regel brechen. Wir wollen eine neue Sexualität finden, weg von strikter Gendereinteilung.” Everything goes. Auch Glamrock-Erinnerungen kommen da hoch. Alles wird aufgespult und neu kombiniert. Am Ende geht es immer nur um Sex. Style is multiple ”Die Stylisten haben bei uns freie Hand. Wir haben auf jeder Show ein neues Outfit und ein anderes Image. Aber es gibt kein wirklich festlegbares Image. Wir haben multiple Images, die wir immer wieder transformieren. Musik ist nur ein Element dessen, was wir machen. Unsere nächste Show wird ein Riesen-Waterworld mit Wasserfällen und Kevin Costner. Es geht dabei nicht um Futurismus, sondern rein um die Gegenwart. Das Konzept ist auf keinen Fall ironisch oder parodistisch. Die ganze Show wird etwa 80.000 $ kosten.” “150.000!”, korrigiert Casey. Wieviel sie nun tatsächlich zur Verfügung haben, sei dahingestellt. Nicht kleckern, klotzen? Das Künstlerkollektiv scheut keine Mühen, um seine Visionen zu verwirklichen. Durch die Einbindung der unterschiedlichen Werkfelder Style, Bühnenbau, Konzept, Musik, Gesang, Performance, Tanz etc. wird viel Personal rekrutiert. FischerSpooner sind ein kollektives Ich. “Es geht uns um Craftmansship. Technology is nature. We are nature.” Der einzelne Performer kann nur Glied einer Kette sein. Die FischerSpooner-Maschine ist komplex strukturiert. Was bei FisherSpooner fasziniert, ist das bewusst unverschähmte Bedienen in kulturellen Gemischtwarenzitateladen. Ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten oder eventuelle inhaltlichen Widersprüche nutzen sie all die musikalischen und visuellen Elemente, die ihnen ästhetisch zusagen. Ihre Show ist ein Fest der Dekadenz, auch das ist eine Achtziger Reminiszenz, aber wen interessiert das schon. “We hate the eighties!”

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Elektronische Lebensaspekte.