Wenn sich ein MC verliebt, muss der HipHop warten. Überall auf der Welt verstreut sind die Five Deez mittlerweile. Ihre neuen, frischen, unterschiedlichen Eindrücke sammeln sie auf einem neuen Album. Auf "Kommunicator" stehen die Raps so sehr im Zentrum wie noch nie.
Text: Eric Mandel aus De:Bug 99


Stimmen als Instrumente

Vorneweg für alle, die’s noch nicht wussten: Fat Jon ist überhaupt nicht fett. Jedenfalls nicht im Fat-Joe-Sinne. Sicher weiß er wie alle Freunde der Rapmusik einen fetten Beat zu schätzen. Und sein Output, solo wie als MC und Producer seiner Gang Five Deez, ist seit deren Coming out anno 98 zu einem Umfang angeschwollen, den sein ganz ausgewogen proportionierter Körper seinem Kampfnamen noch schuldig bleibt. Als Wahlberliner und Produzent des neuen Five-Deez-Albums “Kommunicator” repräsentiert er das fünfdimensionale Quartett beim Interview im Alleingang.

Die WVDZ-Sessions-EP markierte 1998 den Wendepunkt in der Geschichte der Five Deez. Ihr waren fünf Jahre vorangegangen, in denen die Band zwar wie verrückt die Bühnen ihrer Heimatstadt Cincinatti rockte, ohne aber einen Release vorweisen zu können. “War zu chaotisch“, lächelt Fat Jon eine Dekade später über seiner heißen Zitrone. “Zwölf Mann im Studio, rauchend, trinkend, lachend, versuch mal, da irgendwelche Ordnung reinzubringen. Und erst mal auf der Bühne …“ Aber diese fünf Jahre haben diejenigen, die nach einer mentalen wie personellen Aufräumaktion übrig blieben – Jon, Pase Rock, Kyle David und Sonic – in Sachen Styles, Interaktion, Bühnenchemie und musikalischen Vorlieben zu einer kompakten Einheit zusammengeschweißt. Mit den lokalen Geistesverwandten wie Hi-Tek, J.Rawls, Boom Bip, DJ Osiris und Dose One teilten sie Bühnen, Equipment, Vibes, eine Liebe für das golden age of HipHop und eine kritische Distanz zum Corporate Business der Gegenwart mit seinen millionenschweren Aushängeschildern: “Wir wollten von Beginn an eine Balance zwischen populär und underground“, sagt Jon. “Wir wollten unsere Styles, unsere Lyrics, unsere Beats anders machen, wir wollten crazy shit machen, wir wollten Pioniere sein.“ Dazu gehört eben auch, der Liebe für House freien Lauf zu lassen, über theoretisch unbereimbare Metren so tight im Quartett zu rappen wie die Last Poets, die Beats mit dem halbverstimmten Piano im Quadrat schimmern zu lassen und Ableton Live mit der gleichen Lässigkeit zum Grooven zu bringen wie MPC und Turntables.

Band weg, Liebe da
Repräsentierte das letzte Album “Kinky Nasty” noch den Hometurf, so änderte sich die Situation entscheidend im Februar 2002, wie sich Fat Jon erinnert, während sich, wie immer, wenn er an schöne Dinge denkt, seine Lippen zum Genießerlächeln kräuseln. “Ich traf eine junge Dame, auf dem Alexanderplatz. Im Mai zog ich hierher, um … äh, mit ihr abzuhängen, hehe.“ Das bescherte dem Watergate einen heißen Resident und dem Plattenladen “Dig A Little Deeper” einen Stammkunden, stellte die Five Deez aber auch vor eine neue Situation: Sonic und Kyle David waren immer noch in Cincinatti, Pase Rock in New York und Fat Jon versorgte die anderen mit den in Berlin angetesteten Beats, um hin und wieder zum Recording nach Kinkynasty zu düsen. “Das Konzept dieses Albums ist nicht ganz leicht, und die anderen sollten verstehen, dass es um transmissions geht … dass der Fokus nicht auf den Stimmen liegt, ihre Stimmen abgefuckt werden und wie Instrumente eingesetzt werden und alles. Sie sagten ‘cool‘ und ließen mich machen.“ Trotz einiger straighter und brillanter HipHop-Tracks, allen voran die Positionsbestimmung “Fugg That”, liegt die Stärke im wachtraumartigen Shiften der Stimmungen und Momente, den kultivierten Regelverstößen und den Phasen musikalischer Reflektion. Das ganze Album beginnt sperrig, mit einem gesampelt klingenden (aber in Wirklichkeit mit Samples eingespielten) Free-Jazz-Intro, aus dem sich Schritt für Schritt ein synkopierter Beat herausschält. “Der Anfang ist ein Brainscan“, erklärt Jon, “damit scannen wir die Kompatibiliät des Hörers mit dem Rest des Albums. Wir checken dich aus, und wenn du damit klarkommst, bist du qualifiziert für die nächsten Tracks.“

Die Oberlippe kräuselt sich, hinter den Brillengläsern blitzt es lustig auf. Fat Jon kommt in Schwung und erzählt, was er für Pläne mit seinem Label “Ample Soul” hat: auf jeden Fall die Japan-Exclusives herausbringen, damit auch die Langnasen was von seinen Instrumentals haben. Und vor allem sein Nebenprojekt “Rebel Clique” pflegen, eine Kooperation mit der Sängerin Amleset Solomon. “Kennst du sie? Solltest du aber! Sie hat auch auf Kinky Nasty gesungen, sie ist der Hammer.“ – Fat Grins – “Ich hab’ sie im Februar 2002 auf dem Alexanderplatz getroffen.“

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Elektronische Lebensaspekte.