Mechanische Melancholie
Text: Oliver Tepel aus De:Bug 176

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Sie singt traurige Lieder, über deren Befindlichkeiten man sich gerne in Zwischenwelten mit Wölfen und Fledermäusen austauscht. Oliver Tepel zeichnet Fluchtbewegungen von Wave-Muff über Massive Attack zu einer Aaliyah, der dieser neue Sound sehr gut gefallen hätte.

Die Spannung im klingenden Federwerk versiegt, mit ihr erstirbt das Ticken der Uhr. “I found another way to caress my time”, seufzt eine Stimme als letzte Botschaft für eine verlorene Affäre. So lernten wir twigs kennen. Nicht im Club, sondern irgendwo im Netz, der Track “Hide”, ihr erster Upload. Dass sie nicht gerne ausgeht, davon hat die 25-jährige Wahllondonerin seit dem berichtet, auch von ihrer Tanzausbildung weiß man und steht mit den Wissen dumm da. Der hippste und stylischste Star in the Making als Eigenbrödlerin?

Anders als die ganz junge Kate Bush hat twigs keine Zeit bekommen, ein Landmädchen-Image zu erschaffen. Man sieht sie nicht in einem holzvertäfelten Bauernzimmer auf ihrem Bett den eigenen Gedanken von charmanten Wölfen, naseweisen Fledermäusen und rätselhaften Zwischenweltwesen nachhängen. Stattdessen prangt sie Ende August 2012 direkt auf dem Cover der “Just Kids Issue” von i-D. “Love” haben die Stylisten aus ihren Haaren auf ihre Stirn modelliert. Und ja, “Love is the Message”, zweifelsohne – doch eine Liebe, über deren Befindlichkeiten man sich vielleicht doch gern mit Wölfen und Fledermäusen in Zwischenwelten austauscht.

Was haben die aber bitte im R&B zu suchen? Ende 2012 begann sich ein neuer R&B als graue Wolke oder Nebel im Fliederduft zu materialisieren. Nach über einem halben Jahrhundert aggressiver Körperlichkeit – was blieb ihm auch sonst übrig? Sein letzter Entwicklungsschub in den späten 90ern eroberte weltweit die Charts und verkümmerte doch alsbald zur trällernden Beyoncé-Operette.

Doch die Errungenschaften des Cyber-R&B, die ungeraden Beats und manieristischen Gesangsstile sind nun alt genug, um weitergereicht zu werden. Irgendwie scheint sich der Kreis zu schließen, den Aaliyah einst zog, als sie, so die Legende, aus London heimgekehrt und ihrem Kumpel Timbaland die Breakbeats der dortigen Clubszene nahebrachte. Wie gut, dass alle Assoziationsspiele mit “futuristisch” längst in seinem und Missy Elliotts Werk durchdekliniert wurden – damals, in den späten 90ern, als Aaliyah erstmals der Körperlichkeit des R&B Gesangs entsagte. Langsame Beats zu verhangenen, fast ambienten Sounds, sie retten HipHop und stehen Pate, wenn atemnahe oder echoferne Stimmen den R&B in etwas Neues verwandeln.

Dieses Neue sucht keine feste Substanz. twigs’ erste, selbstherausgebrachte EP beeindruckte mit eisblumiger Fragilität und Transparenz, nur sporadisch von Dubstep-Bässen an den Rand einer Tanzfläche geführt. Nein, sie will sich nicht materialisieren. Für ihre zweite EP, die kürzlich auf Young Turks erschien, nennt sie sich FKA twigs – formerly known as – rätselhaft, doch zugleich profan: Ein anderer hatte den Namen “Twigs” schon okkupiert. Dabei passt es: Ihre membrandünne, leicht gelispelte, aber nie scharfkantige Stimme scheint sich fortwährend aufzulösen. Wenig lässt erahnen, wie sie als Teenie für HipHop-Freunde Refrains eingesungen hat. Nun haucht sie Ansätze zartester Melodien über plastische, zugleich kaum bewegliche Soundflächen, dazu wieder diese Rhythmen der Alltagsgeräusche, gleich einem Ticken der Uhr. Das Knarzen einer Tür, ein Stakkato-Prasseln wie von Ping-Pong-Bällen oder das Klackern eines zum Teil auf dem Tisch aufliegenden, zum anderen Teil frei schwingenden Messers. Nervgeräusche, solche, in die sich im Allgemeinen kleine Jungs verlieben.

Zumindest auf “Water me” ist wirklich ein junger Mann auszumachen: Alejandro Ghersi aka Arca aus Caracas. Der längst in Brooklyn lebende Venezuelaner hat sich mit Produktions-Credits auf der neuen Kanye West einen Namen gemacht: Beats, die wie ein morsches Holzhaus zusammenbrechen um sich transformergleich noch im Sturz neu zu formieren. Plötzlich rattern sie los und überholen kurz alle Ideen von einem Song bis sie sich beruhigen. Da ist es wieder, das Ticken von “Hide”, es beschreibt nun die genau umgekehrte Situation: “He won’t make love to me now – Not now I’ve said the thing”.

Im Clip zu “Water me” wackelt FKA twigs Kopf gleich einem traurigen Metronom. Rote Lippen, goldener Schmuck und ellenlange Wimpern als mechanischer Apparat? Oder das Geschöpf eines mitleidenden de Sades, vielleicht ein Alien, dessen Augen, nachdem sie eine kristall’ne Träne weinten, ins riesenhafte anschwellen. Oder doch nur das etwas einsame Mädchen aus Gloucestershire?

Dabei steht sie nicht allein. Die Wave-Veteranin, gar ehemalige Grungerin, Alice Cohen verknüpft R&B mit der Giallo-Horror-Romanik Goblins und lässt sich vom hippen Alternative-R&B-Darling Autre Ne Veut begleiten. Andy Stott vertraut der Stimme seiner ehemaligen Klavierlehrerin Alison Skidmore und schafft mit ihr schwebend-abstrakten R&B. Noch zarter, zugleich etwas näher am HipHop sind die Stücke von Paco Sala mit Leylis, somnambul schwelgender Gesang. Düsterer wieder erscheint der Experimental-R&B des kanadischen Duos Evy Jane. Ein ganzer Fächer neuer Sounds, der sich in den letzten Monaten mit jedem neuen Stück von Jessy Lanza, Kid A oder SZA weiter aufspannt. Der Österreicher Sohn, eine der wenigen Aufsehen-erregenden männlichen Stimmen dieses neuen R&B wurde von 4AD gesignt. Wink mit dem Zaunpfahl? Gothic + R&B – ein konfliktreiches aber beharrliches Zusammentreffen. Von Disco-Gesten bei Bauhaus über die vor Kraft strotzenden, aber oft etwas ungelenken Sounds der “Funky Alternatives”, bis zur groovenden Leichtigkeit, welche 400 Blows oder Colourbox irgendwann hinbekamen. All das waren Fluchtbewegungen aus dem Wave-Muff. Jene, die in This Mortal Coils elegischer Schwermut verharrten, die ewigen Nachtgespenster, wurden zurückgelassen. Dann klopften sie wieder an und bekamen bei Massive Attack und Tricky endlich auch ihren Beat. Nun sind sie erneut zurück, um dem ausgezehrten R&B etwas zu geben. Leben? Bodenhaftung? Wie seltsam.

Aber irgendwo dort in der Twilight Zone müssen wir uns wohl aufhalten, wenn FKA twigs “How’s that feel?” fragt und mit den Sounds durch die Dunkelheit zieht. “That feels good, so so amazing” schwärmt sie, sich verliebt irgendwo niederlassend, nur einen Moment. Keiner wagt sich derzeit so weit in dieses Unbekannte wie sie, die schüchterne Tänzerin aus der Provinz. Sie bittet: “Won’t you pacify my love?” – schöne Widersprüche, unauflösbare Dramen. Am anderen Ende des Spektrums finden wir Jhené Aiko, die sich Schritt für Schritt vom routinierten R&B entfernte, wenig mit FKA twigs gemein hat, außer einem fragilen, sehr persönlichen Ton aus Ängsten, Zweifeln und Wünschen, die sich nicht mit Geld erfüllen lassen. Es war wohl einfach an der Zeit für diesen neuen Klang, der heute weit radikaler scheint, als das oftmals zu eindimensionale “consciousness” Gepose des Retro-Souls der 90er. Den Reiz, etwas nicht erreichen, nicht besitzen zu können. Kurzum eine komplette Pop-Antithese. Vielleicht ist es das, was FKA twigs ausmacht: Es ist nicht mal klar, was sich verflüchtigt, das Ziel oder sie selbst. Aaliyah, nicht nur als Vampirin Akasha in “Queen of the Damned”, würde all das sicher sehr gut gefallen.

FKA twigs, EP2, ist auf Young Turks erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. andreas

    He won’t make love to me now – Not now I’ve said the thing <-FALSCH
    He won’t make love to me now – Not now I’ve set the fee <- RICHTIG