Bastian Aubry und Dimitri Broquard lieben es alla prima. Im Geist der Art Brut zücken sie ihre Stabilos und Pilots und setzen ihr Statement jenseits des Desktop-Publishing.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 107

Design

Die Genesis schwarz auf weiß
Das Schweizer Design-Duo Flag

Mit ihrem jüngsten Buch “And There Will Be Light“ präsentiert das Schweizer Grafikdesign-Studio Flag alles andere als die sprichwörtlich gewordene bunte Zusammenstellung von bisher unveröffentlichten Arbeiten. Warum das so ist, erläutern die Macher Bastien Aubry und Dimitri Broquard bei einem Besuch in ihrem Atelier.

Die Pfingstweidstraße in Zürich ist die direkte Verbindung zwischen der Autobahn und der Innenstadt. Ideale Ausgangsbedingungen für Nightlife und Clubbing. Hier steht das Urgestein der Schweizer Technoclubs, das Rohstofflager, und hier stand bis vor kurzem auch die Dachkantine, eine eidgenössische Interpretation der Panoramabar.

Work hard – play hard. Getreu diesem Motto ist diese raue und ungemütliche Gegend mittlerweile auch zum Standort für zahlreiche Kreative, Ateliers, Studios und Agenturen geworden: raus aus dem Club, rein ins Büro.

Bastien Aubry und Dimitri Broquard wirken relativ ausgeschlafen, obwohl Street Parade und Lethargy gerade mal zwei Tage zurückliegen. Stolz zeigt Broquard auf den “superteuren und tollen“ Fotokopierer aus Japan, während Aubry gerade noch an einem aktuellen Entwurf schnipselt und bastelt. Der Computer – und das mag überraschen in einer Zeit, in der Grafikdesign für viele zum Synonym für die Bedienung von Desktop-Publishing-Programmen geworden ist – steht bei den beiden Schweizern nicht im Mittelpunkt ihres kreativen Outputs.

Schon zu ihrer Studienzeit an der Schule für Gestaltung in Biel bündeln Aubry und Broquard ihren Hang zur Handarbeit zusammen mit weiteren Studierenden in der Künstlergruppe Silex, die mit kleinen, handgezeichneten und handkopierten Low-Tech-Publikationen ab 1994 für erstes Aufsehen sorgt. Mit dem Band “My way“, der 2001 im Gestalten-Verlag erscheint, ist der Zenit erreicht. Die letzte Silex-Publikation erscheint schließlich 2004. “This is the end“ zeigt auf über 200 Seiten ein Fest der Druckerschwärze mit beeindruckenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Szenen aus dem Coppola-Film ”Apocalypse Now“ wiedergeben.

“Irgendwie ist unser neues Buch eine Art Fortsetzung der Silex-Arbeiten, sozusagen unsere Fortsetzung, weil wir uns in der Zwischenzeit ja auch weiterentwickelt haben und dennoch immer wieder solche Dinge wie Bild, Bildhaftigkeit und Grafik thematisieren“, meint Aubry. “Wir sind nicht nur gute Freunde, wir haben auch eine gleiche visuelle Linie, eine gleiche visuelle Vision“, ergänzt Broquard.

Mit ihren “rohen und brutalen“ Kompositionen alla prima (d.h. unmittelbar und direkt) stoßen die beiden Art-Brut-Freunde mit ihren eckigen und kantigen Arbeiten des Öfteren auf Widerstände – gerade in einer grafischen Kultur, die vielerorts Gefahr läuft, auf der einen Seite aufgrund übertriebener Smoothing- und Blurring-Maßnahmen zu verwässern und auf der anderen Seite aufgrund eines überzogenen minimalistisch-puristischen Ansatzes zu einer fleischlosen Fleiß- und Stilübung zu verkommen.

Erfahrung mit Widerständen
Die musste auch das Stadttheater Bern machen, für das Aubry und Broquard ein neues Corporate Design entwarfen und seit zwei Jahren für die Plakatgestaltung verantwortlich sind. Da hagelt es schon mal Kritiken, die einen schlechten Zeichenstil und fehlendes Handwerk bemängeln. “Mit solchen Kritzeleien würde es man ja nicht mal bis in den Vorkurs an einer Schule für Gestaltung schaffen“, zitiert Aubry einen Flag-Gegner mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

“Wir wollen Kontraste schaffen. Deswegen haben wir für das Theater auch eine relativ klassische Typo gewählt, während das dazugehörige Bildmotiv einen sehr rauen Zeichenstil zeigt. So was polarisiert natürlich, vor allem in einer Stadt wie Bern.“ “Entweder man hasst es oder man liebt es“, fügt Broquard hinzu.

Seit ein paar Jahren geben Aubry und Broquard ihr Können und Wissen als Dozenten an den Schulen in Biel und Luzern auch an junge, angehende Gestalter und Designer weiter. Dort lassen sie dann den Geist der Silex-Truppe aufleben und verziehen sich einmal im Jahr auf eine Almhütte, in der so abgefahrene Projekte entstehen wie die beiden jüngsten: Bei dem einen mussten die Studierenden ein klassisches Stillleben mit Stift, Papier, Pappe und Klebstoff entwerfen und als Fotografie inszenieren. Bei dem anderen wiederum tauchten die Studierenden vor Ort mit ihrem ganzen Körper in XXL- Papierformate und schufen so eine grafische Landschaft in direkter Umgebung (mit) ihrer eigenen Existenz.

Die Skizzen, Ideen und Entwürfe von Aubry und Broquard füllen mittlerweile ganze Archivordner und hoffen auf eine spätere Verwendung wie im Beispiel des soeben erschienenen Buchs “And There Will Be Light“. Bei diesem Projekt transformieren Aubry und Broquard die biblische Schöpfungsgeschichte aus der Genesis in ihr ganz persönliches schwarz-weißes Universum. Ist die erste Seite noch vollflächig in Schwarz gedruckt, so offenbart sich mit jeder Seite ein bisschen mehr Licht (Weiß), bis ganz am Ende das weiße Blatt Papier steht: Anfang und Ende des Buches spielen sich gegeneinander aus. Klingt nach viel Kopf und Konzept, gibt sich beim Durchblättern aber so “rough“ und “low tech“, wie man es von den beiden Flag-Artists erwarten würde.

Dass viele der grafischen Arbeiten dabei das Ergebnis eines langen Entwurfsprozesses sind, mag so manchen verwundern, entspricht aber den Tatsachen. Während Aubry dabei auf den ”Stabilo Point 88“ setzt, zeichnet Broquard am liebsten mit dem ”Pilot Fineliner Black“. Daneben dienen Tusche, Feder, Bleistift und Collage-Techniken als Werkzeuge im Prozess. Der Computer kommt oft erst am Ende des Entwurfsprozesses zum Zug, beim Feintuning. Oder wenn Kunstgalerien oder Künstler im Studio anklopfen, um sich ein Buch oder ein Plakat gestalten zu lassen, das optisch aus der Reihe tanzen soll. Daniele Buetti zum Beispiel. Für dessen gleichnamiges Buch wurden Flag 2003 mit einem Designpreis für eines der schönsten Bücher der Schweiz ausgezeichnet.

Mit dem Schweizer Kurator Gianni Jetzer (Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich, Neue Kunst Halle St. Gallen) verbindet Flag eine langjährige freundschaftliche Beziehung. Für das neue Buch hat der Kunstexperte ein ungewöhnliches Vorwort auf Latein verfasst. Im Herbst wird Jetzer als Direktor des Swiss Institutes in New York anfangen. Noch haben Aubry und Broquard die Koffer nicht gepackt. “Aber wir sind bereit, wenn man uns braucht!“, scherzt Broquard.

Das neue Buch erscheint vorsorglich schon mal auf Englisch. Und den Titel “And There Will Be Light“ kann man ja auch ganz programmatisch lesen, denn mit ihrer eigenen Schöpfungsgeschichte sind Aubry und Broquard alias Flag noch keinesfalls am Ende angelangt.

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Elektronische Lebensaspekte.