Letztes Jahr Chipmetal, dieses Jahr Acid durch den digitalen Fleischwolf. Dachten wir! Derweil überholt Flashbulb rechts – mit Musik ohne Computer.
Text: Multipara aus De:Bug 98

Rundum frei

Benn Jordan lebt in einer Kleinstadt am Rande von Chicago, deren Name ein großes, schönes Versprechen macht: Hometown. Sein eigener Name dagegen löst selbst bei Leuten, die seine Platten feiern, Schulterzucken aus. Er benutzt lieber Projektnamen wie Flexe (Tracks, die auf Tour entstehen), Acid Wolf (Acid House), Dr. Lefty (Ragga/Breakcore). “Kirlian Selections”, das im Mai erschienene Album, das von wilden Breaks zu sanften Klavierstücken und Fieldrecordings, von Sitar zu extremen DSP-Edits springt, läuft unter seinem wohl bekanntesten Namen: The Flashbulb.

In Deutschland erscheinen seine Alben auf Suburban Trash aus Dresden, genauer gesagt dessen Sublabels Bohnerwachs und neuerdings Dirty Dancing, die sich jenseits der Hardcoretradition des Hauptlabels bewegen. Bereits 1999 kontaktierte ihn Labelmacher Stefan Senf und bot ihm weitestgehende künstlerische Freiheit – die drei EPs und das Album, die hier seit 2001 erschienen sind, wurden von Benn Jordan selbst zusammengestellt und gestaltet. Bei der Trackauswahl orientierte er sich vor allem daran, was er auflegen möchte, und so kennt man hierzulande am ehesten Tracks, die, sagen wir, expressiver angelegt sind. Dementsprechend wird Flashbulb vor allem assoziiert mit einer Kombination aus hypereditierten Beats und melodischen Arrangements, geprägt von einer gewissen leicht euphorischen Stimmung, die oft und nicht von ungefähr an Squarepusher erinnert. “Es ist sicher kein Geheimnis, dass ein Teil meiner Arbeit stark von Tom und Richard (Aphex Twin) beeinflusst ist. Beide sind brillante Musiker, und ich glaube, sie zählen zu den bestmöglichen Einflüssen – die Wege, die sie eröffnet haben, legen einem kaum Beschränkungen für eigene künstlerische Entwicklung auf.” Vor allem aber teilen Flashbulb und Squarepusher jedoch einen bestimmten Hintergrund, der sie aus der Masse der Elektronikaproduzenten herausragen lässt: Sie sind beide fundiert ausgebildete Saiteninstrumentalisten. Benn Jordan wuchs nicht in einer besonders musikalischen Familie auf, war aber aufs Musikmachen fixiert, so weit er zurückdenken kann. Er konnte Noten lesen, bevor er eingeschult wurde, mit sechzehn gab er Unterricht in klassischer Gitarre und brachte Synthesizer auf Parties. In seiner Musik, auch live, spielt die Midigitarre eine wichtige Rolle, so etwa in einer ganzen Serie von Stücken namens “Lawn Wake”, die mal eben Metal komplett revolutionieren. Den Computer setzt er jedoch erst seit 2002 in der Musik ein. Während man hier noch die im Juli erschienene “Acid Wolf”-EP verarbeitet, auf der unter anderem Acidtracks, als handelte es sich um Breaks, einer verblüffenden digitalen Editierung unterzogen werden, ist Benn Jordan die Verlockung der endlosen Nachbearbeitung schon so suspekt geworden, dass er auf “Reunion”, seinem neuen Album, auf Computer weitestgehend verzichtet. Lediglich ein älteres Stück, das auf Wunsch des Labels mit aufgenommen wurde, schlägt aus dem Konzept. Alles andere ist live sequenziert, fast durchweg auf Tonband, mit Metronomen, die im Studio klicken, ohne Midi, allenfalls läuft mal eine TR-606 oder ein Loop von einer Platte. Flashbulb befreit sich mit Reunion musikalisch in alle Richtungen – denn das Album klingt nicht nach Flashbulb. Und vor allem auch nicht nach den gern herbeigezogenen Vorbildern. Wie es klingt? Nur soviel: Es klingt eingängig, aber es findet sich nicht viel für den Floor, und deshalb bleibt es vorerst auch nur beim Format CD.

Spannend dürfte es werden, wenn Benn Jordan schließlich den Sprung nach Europa schafft. Um einen seiner Livegigs zu erleben, musste man bislang nach Amerika fahren, wo er zuletzt mit Cylob tourte. Zu einer Tour in Europa ist es noch nicht gekommen. Dieses Jahr band ihn eine Vestibulärtherapie längere Zeit an Chicago. Unter anderem: “Mich schreckt besonders ab, über neun Stunden im Flugzeug zu sitzen. Ich bekomme hier oft den Flug zu einem Auftritt bezahlt, fahre aber lieber vierzehn Stunden, um zwei Stunden Flug zu umgehen. Wenn ich fliege, bin ich voll mit Beruhigungsmitteln. Ich bin ein Wimp. Vor einem Jahr wollte ich tatsächlich nach Europa kommen, es waren alle Flüge gebucht, aber ich brauchte einen neuen Pass, der mir aber nicht zugeschickt wurde. Als ich nachforschte, warum nicht, wurde mir gesagt, ich müsse Arbeitsvisas für alle Länder vorlegen, die ich in Europa besuchen wolle, vorher bekäme ich den Pass nicht. Alle Flüge waren schon gebucht, aber wir mussten alles canceln. Dazu kam noch, dass ich damals mitten in Chicago wohnte, direkt gegenüber vom Passamt, mit direktem Blickkontakt ins Büro, wo die suspendierten Pässe lagerten. Ich malte mir schon Konstruktionen mit Greifhaken und Angelruten aus. Aber die Europatour ist in der Tat in Vorbereitung, lange dauern wird es nicht mehr.” Wer gerne fliegt, dem sei ans Herz gelegt: Im Dezember betourt er die Osthälfte der USA.

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Elektronische Lebensaspekte.