Februar 2001 kommt die Flatrate nach Deutschland. Pauschaltarife für den Internetzugang werden den Onlineverkehr ordentlich ankurbeln, frohlockt Wirtschaftsminister Müller. Oder zum Zusammenbrechen bringen, schwarzmalt die Telekom.
Text: Melanie Wieland aus De:Bug 43

Surfer haben immer Saison
flatrate

Unser Internet wächst, und Klaus-Dieter Scheurle ist sein Turbo-Dünger: seit der Chef der Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation Mitte November vor laufenden Kameras in die Mikrofone diktierte, dass die Telekom ab Februar 2001 allen Internet-Zugangsanbietern einen Pauschalpreis für den Netzzugang anbieten müsse, freut man sich auf die sogenannte Großhandels-Flatrate. Großartiges wird erwartet: Surfen im Internet soll um ein Vielfaches billiger werden. Mehr Menschen werden das Netz nutzen. Und zu guter Letzt wird damit auch für den eKommerz ein Ruck erwartet. Wie hoch der Pauschal-Preis für den Online-Zugang sein wird, weiß man zwar noch nicht. Die magische Grenze aber, so äußern sich ISPs, Online-Händler und “Content-Provider” übereinstimmend, liege bei ca. 50 Mark im Monat. Erst dann nämlich lohne sich die Flatrate auch für die “normalen” Surfer, die “nur” ein bis zwei Stunden täglich im Netz verbringen.

Breitband oder Notruf?

Klar ist: je billiger der Zugang zum Netz wird, desto mehr Menschen klinken sich ein. Nicht nur in den USA, wo die niedrigen Online-Kosten dem durchschnittlichen Europäer Tränen des Neids in die Augen treten lassen, steigt die Zahl der Neuanschlüsse ständig. Deutschland liegt zwar prozentual hinter der neuen Welt zurück, doch haben sich die Nutzerzahlen laut der “Gesellschaft für Konsumforschung” (GfK) von September 1999 bis zum August 2000 von knapp 10 Millionen auf ca. 18 Millionen nahezu verdoppelt.
Das aber ist genau der Grund, warum sich die Telekom so heftig gegen den Beschluss der RegTP wehrt. Warheit oder Pflicht: Die Netzkapazitäten, so erklärt der Ex-Monopolist, würden dem Ansturm nicht standhalten. Der normale Sprachdienst sowie die Erreichbarkeit der Notrufe seien gefährdet und man sei gezwungen, weit mehr Geld in veraltete, schmalbandige Technik zu stecken, statt das Breitbandnetz weiter auszubauen. Und eben da, im High-Speed-Zugang, liege doch die Zukunft des Internet, weiß die Telekom. Die Zahl der Breitbandverbindungen steigt stetig an, in Deutschland sind es schon 3,2 Prozent, in Frankreich sind es doppelt so viele. Der Ausbau der DSL-Leitungen wird hier erst seit einigen Jahren vorangetrieben, die Technik kommt den Anforderungen aber jetzt schon nicht mehr hinterher. So befinden sich z.B. DSL-Begeisterte bei der Telekom in einer Anschluss-Warteschleife, Neukunden werden auf das zweite Quartal 2001 vertröstet.
Ein Blick in die USA zeigt, dass der Schein nicht trügt, sondern der Trend zur Geschwindigkeit sich eindeutig fortsetzt. Alleine 400 000 Neukunden kann der Breitbandsektor dort jeden Monat verbuchen. Ende 2000 sollen 6 Millionen Amerikaner High-Speed-Internet haben, für das Jahr 2004 wird eine Zahl von 28 Millionen US-Haushalten prognostiziert.

Die Zukunft der Online-Nutzung

Eines ist klar: Niedrige Kosten verheißen mehr Nutzer, die länger im Internet verweilen, sich mehr mit Inhalten beschäftigen und sich daher schnellere Leitungen wünschen. Das ist die Verbraucherseite. Aber wird das Netz, nachdem sich seine massenmedialen Fähigkeiten mit steigender Nutzerzahl erweisen, auch wie ein Massenmedium genutzt werden? Und ist es ein Medium oder ist es ein Vertriebskanal, in den der Handel von der realen Welt verlagert wird?
Eindeutig lässt sich diese Frage zur Zeit wohl auf keinen Fall beantworten. Zwar gibt es die ersten Zahlen aus – wen wundert es – den USA, die aufzeigen, zu welchen Zeiten sogenannter “rich-media content” vom Arbeitsplatzrechner oder vom heimischen Rechner aus abgerufen wird. Während der Freitag der “peak day” für Bürosurfer zu sein scheint, die sich über Freizeitangebote und Wetteraussichten für den Wochenendtrip informieren, ist der Samstag nach einem Nielsen/NetRatings-Report, der Zahlen vom September 2000 auswertet, der Tag, an dem Surfer von ihren heimischen Rechnern aus “streaming media” ansehen. Was aber genau schauen sie denn? Das weiß bisher kein Mensch – was zumindest die Marketingbranche nicht glücklich machen dürfte.
Darüber hinaus kommt das Internet-Marktforschungsinsitut Forrester Research in einer Analyse auch noch zu dem Schluss, dass günstige Preise und breitbandiges Internet nicht unbedingt nur dazu führen, dass Webseiten multimedialer und damit datenträchtiger werden. Statt dessen prognostizieren die Analysten, dass viele Daten-gewichtige Inhalte das Internet zwar als Vertriebsweg nutzen, aber für Spielkonsolen, Set-Top-Boxen und andere Breitbandgeräte wie die Stereoanlage produziert werden. Allein für die steigende Nachfrage nach Downloadgeschwindigkeiten werden die weltweiten Netze noch um einiges schneller werden müssen.

rich media content

Natürlich, “rich media content” wird kaum nur zum Download bereitgestellt werden, sondern auch Inhalt und Prinzip von Webseiten sein. Schon jetzt ist es so, dass schnellere Verbindungen und schnellere Modems dazu geführt haben, dass mehr und mehr Seiten mit datenintensiven Zusätzen ausgestattet werden: Bilder und Grafiken sind Standard, Flash sowieso, “streaming media” ein Schlagwort, das Investoren trotz teils katastrophaler Pleiten und sinkender Aktienkurse immer noch gerne hören. Eine Studie von Dataquest kommt daher auch zu dem Schluss, dass multimediale Elemente die Attraktivität des Netzes weiter erhöhen und somit auch zu verstärkter Nutzung führen werden. Dazu aber muss zumindest in Deutschland die Preisschraube noch um einiges nach unten gedreht werden. Das ist sogar dem Bundeswirtschaftsminister Müller eine Herzensangelegenheit, geht er doch auch davon aus, dass der Nutzer erst dann richtig Spaß am Internet haben werde, wenn er nicht ständig im Datenstau festsitzt. “Die Zukunft des Internets”, lässt Herr Müller somit in einer Pressemitteilung verlauten, “liegt deshalb eindeutig in der breitbandigen Nutzung.” Na, dann mal los!

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Elektronische Lebensaspekte.