Ist nach dem Netzhype um das Thema Social Networks mit Friendster oder der boomenden Blogger Community wirklich alles gesagt? Mitnichten. Das kleine Start Up Flickr zeigt, wie man mit Fotoblogging sogar die Utopie zurück in die Köpfe holt.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 89

Landkarten des Visuellen
Flickr.com

Wenn eine Webseite heutzutage wirklich noch unsere Vorstellung vom Netz ändern will, dann muss sie schon ein eigener Staat sein (Ebay). Oder ein Universum von Webseiten (Blogs) oder zwischen diesen beiden vermitteln (Google). Hypes wie Social Networks (Friendster, etc.), Fotoblogging, RSS und Creative Commons zu bündeln und daraus eine Webseite zu machen, die Googles Image-Suche bald überflüssig machen könnte, ist bisher nur Flickr gelungen. Dabei lernt man jeden Tag mehr, was Bilder bedeuten können und wovon sie erzählen.

Während Handynetzprovider überall auf der Welt – nachdem sie es bei sozialen Netzwerken schon nie geschafft haben – nachdenken, wie sie jetzt, wo jedes neue Telefon eine Kamera hat, verspätet auf den mobilen Fotoblog-Zug aufspringen können, hat das kleine Start-Up Flickr längst alle Antworten so perfekt zu einer Webseite zusammengeschnurrt, dass jeder, den ich kenne, sofort Fan der Seite geworden ist. Flickr erlaubt einem nicht nur eigene Bilder hochzuladen, sondern lässt alle Bilder mit Tags versehen (was ist auf dem Bild drauf, und natürlich entscheidet man das nicht nur selber, sondern kann andere mittaggen lassen). Aus den Tags entwickeln sich Gruppen von Usern, die sich zusammenschließen, weil sie sich für ein Thema interessieren. Für jedes Tag, jeden User und jede Gruppe gibt es selbstverständlich einen RSS-Feed, alle Bilder sind kommentierbar, und man kann sogar einzelne Pixel mit Notizen versehen. Aus den Tags entwickelt sich bei Flicker ein Info-Universum, was Leute wirklich auf und in Bildern sehen, aus den Gruppen richtige Kartographien des Visuellen, und irgendwie beginnt mit Flickr eine Vision, die Bilder auf den Weg in ein semantisches Netz bringt, in dem alles miteinander verwoben ist und in dem die Kommunikation über Bilder genauso selbstverständlich wird wie über Text. Caterina Fake (siehe Photo), die Flickr vor etwas über einem Jahr in Vancouver mitgegründet hat, liebt z.B. die “Squared Circle Gruppe”, die nur runde Dinge in quadratischem Format fotografiert. “Man sieht Teller mit Essen, Uhren, Wassertürme, in der Mitte durchgeschnittene Flugzeuge, und wenn man es sich als Slideshow ansieht, fadet das alles ineinander. Eins der vielen Dinge, die ich an Flickr so mag: dass man seine eigenen Photos mit denen von anderen remixen kann.”

Natürlich treffen sich hier auch – Flickr läuft auch auf dem Handy, spricht mit deinem Blog und liest automatisch mit, welche Kamera die Bilder geschossen hat – die Straßenchronisten diverser Stadtviertel, aber das Sharen von Fotos geht gleichzeitig weit über das Teilen von Interessen hinaus, denn Flickr promotet Creative-Commons-Lizenzen für Fotos, was die Seite zu einem unerschöpflichen Bilderpool macht, den man auch weiterverwenden kann. (Sogar das Netzlabel Textone benutzt schon Flickr-Bilder für seine Cover.) Flickr ist von der Grundidee des Netzes, dem Teilen von Information, so besessen, dass man fast schon wieder an das Netz als Utopie glauben möchte, wenn man nicht gerade Tage in den Tiefen der Fotos auf der Webseite verbringt und zu nichts weiter kommt.

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Elektronische Lebensaspekte.