Gerüstet mit nicht-metropolitanem Weitblick und nicht-ironischer Vorliebe für Mike Oldfield singt Holger Flinsch den sozialen Kollabierungstechno. Damit auch Raver bekennen können: Wir sind schwule Mädchen.
Text: a.weskott, a.waltz aus De:Bug 57

A Day at Home, wouldn’t it be Nice?
Collapsing New People, Holger Flinschs Manifest

Ist Holger Flinsch der abgeschnitte Technokörper, der selbstgenerierende Räume eröffnet an dem Wohnort X, somewhere im Abzugsbereich der hr3-Clubnacht? Es scheint so. Meistens sind die Metropolen für die Krassheiten, fürs Abseitige, für Techno zuständig. Wie soll diese Musik auch ohne eine Infrastruktur aus Clubs und Plattenläden existieren? Wer so denkt, hat die Rechnung ohne Zusammenschlüsse wie Choke Music aus Neu-Isenburg, zu der neben Flinsch auch Byron Bogues, Carsten Fietz, Tony DeKaro, Keinzweiter, Tobias K. usw. gehören, oder die R.A.N.D.-Gruppe aus Schmalkalden gemacht. Dass soziale Ereignisse nur auf Microebene stattfinden, scheint die Produktion von elektronischer Musik eher notwendig zu machen, anstatt sie zu gefährden.

MIT MIKE OLDFIELD…

Holger Flinsch erzählt die nicht-metropolitane musikalische Biographie. Bei ihm gab es keine Blockpartys in Wilmersdorf, vielmehr kam Flinsch “über die Liebe zur Instrumentalmusik, im Besonderen zu den frühen Werken Mike Oldfields, fast zwangsläufig in Kontakt zur technoideren Gilde. Da ich im Sendebereich der hr3-Clubnight lebend die Gelegenheit nutzte, vornehmlich die Sets von Sven Väth und Pascal F.E.O.S auf Tape zu bannen, konnte ich diese, für mich neue Art der Musik, in Ruhe auf mich wirken lassen. Den Drang, sie auf Partys zu genießen, verspürte ich allerdings sehr selten. In der Nähe meines Wohnortes liegt zwar eine mäßig bekannte Kleinraumdisco, in der Freitags immer Underground lief, jedoch verkroch ich mich lieber hinter meinen Atari und frickelte an irgendwelchen Tracks herum.”

Und dann mischt sich der sphärische Shufflesound mit deepen Houseelementen. Erst langsam in den Groove introduced werden, um dann mit Bauchwallungen dem Vergnügen zu erliegen. Da möchte man laut mitsingen, “wir sind schwule Mädchen”. Und dann noch von Mike Oldfield inspiriert werden! Eigentlich unmöglich. Aber bei Flinsch dringt diese historische Referenz so unhörbar ein, dass man sich dann doch sofort Mike Oldfield-Platten organisieren sollte, um nachvollziehen zu können. Oder besser doch nicht?

…WIDER DEN GUTEN GESCHMACK

“Collapsing New People” macht klar, dass Minimalismus nicht Gediegenheit heißen muss. Zu oft konstruiert Minimaltechno Utopien des guten Geschmacks. Vielmehr sollte man aus Unerträglichkeiten etwas anderes entstehen lassen. Und die Spuren dessen, was unerträglich ist, müssen nicht aus der Musik getilgt werden. “Collapsing New People” ist ein Szenario, dass in Schmerz und elektronischen/analogen Lebensaspekten etwas Drittes auftauchen lässt und trotzdem das, was einen einst so ankotzte, stehen lässt. Das Minimale ist Kontrastfläche für eine Explosion. Das ist das Gegenteil von rein, klar oder geschmackvoll. Die Erfüllung von Standards interessiert Flinsch nicht. Einen zufriedenstellenden Track gibt es nicht, diese Kriterien sind krass oder langweilig. Genauso ist der Titel “Collapsing New People” gemeint: “Auf den ersten Blick brechen diese Leute unter ihren ‘Lasten’ zusammen. Bei genauerem Hinsehen jedoch erkennt man, dass viele sich diese Bürde selbst auferlegt haben. Sei es Geldverschwendung durch übertriebenen Luxus (Lollypop), das ‘Suchten’ in irgendwelchen Pseudoabhängigkeiten (Brown Sugar) oder das Klagen, als Geiseln der Zeit durchs Leben zu hetzen (Eternal Flame). Denn so wirklich unglücklich ist von denen keiner, sonst würden sie es ja ändern. Dieses Phänomen ist im Kern so alt wie die Menschheit, jedoch wird es seit geraumer Zeit immer schamloser zur Schau getragen. Siehe die ‘Berichterstattung’ in den privaten Boulevardsendungen. Eine für mich moderne Freakshow, und um diese Leute geht es. Sich vor die Kamera zu stellen und tränenüberströmt sein Leid zu klagen und dafür hinterher sein Konto wieder aus den Miesen zu haben, sagt für mich alles.”

In die Boulevardformate eintauchen heißt eben Obszön-Werden bis zur Niederträchtigkeit. Es ist aber mehr als eine cool-zynische Affirmationsgeste, die manchen ein Vermögen bescheren und vielen nur 125 Euro für eine “Collapsing Show” im Stile Andreas Türcks. Es ist eher eine nie enden wollende Liebe im Gegensatz zum permanenten Kollabieren in der alltäglichen, weniger medialiserten Ich-Performance. Daher 5 Minuten geile TV-Präsenz und neue Selbstbildproduktionen. Manchmal zumindest. Und kollabieren nicht doch andere? Vielleicht Politiker, Richter oder Militärs?
Können die “Emoticons” solcher psychosozialer Wiederholungsschleifen musikalisch herausgearbeitet werden? Für Flinsch ist Minimalismus daher auch eine Bühne, auf der sich diese Fixerungen besonders gut inszenieren können, weil sie exponiert und dekontextualisiert sind. Obwohl das Soundspektrum weitgehend das von Techno ist, gibt es eine klare, housige Schärfe, die an poppigere Strictly Rhythm-Produktionen erinnert. Deep wäre innerlich. “Collapsing New People” ist extrem prägnant. Nichts verschwimmt. Alles ist sehr überschaubar: ein, zwei Sounds, ein Sample. Jedes Element in der Musik wird mit Affektqualitäten aufgeladen. Es gibt nichts Neutrales. Die Grooves von Flinsch sind keine Maschinen, sondern Gespenster.

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Elektronische Lebensaspekte.