Text: stefan heidenreich aus De:Bug 16

Vilém Flusser: Kommunikologie Stefan Heidenreich stefan.heidenreich@rz.hu-berlin.de ”Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu lassen.” – so dozierte Flusser 1973 in den schönsten Ist-Sätzen, lange bevor er als Medientheoretiker Ende der 80er in Deutschland zur intellektuellen Modeerscheinung wurde und kaum ein Kongress mehr den begnadeten “Storyteller” auslassen wollte. Flusser hatte etwas im Angebot, vor dem Theorie und besonders deutsche Theorie zurückschreckt. Seine Erklärungen, seine Schlußfolgerungen und seine Prognosen kommen so selbtverständlich daher wie Stammtischparolen, raffen sich unversehens zu dramatischen Höhen empor, gleiten in Allerwelts-Dummheiten ab und holen dann wieder zu Jahrhundertprognosen aus. Wie kein anderer Theoretiker scharte Flusser rasch eine treue Gemeinde von Möchtegern-Medienphilosophen um sich, die im Tonfall des Meisters weiterplappern und Seiten um Seiten mit dem Naheliegendsten füllen, was einem zur menschlichen Kommunikation so einfallen kann. Der Band mit dem Titel “Kommunikologie” enthält zwei frühe Versuche Flussers, seine Medientheorie systematisch zu fassen. Es ist kein Wunder, daß er später von systematischen Texten Abstand genommen hat und sich mehr dem Essay und dem Stegreif-Vortrag widmete, den er wirklich ausgezeichnet beherrscht hat. Schon formal krankt die Theorie daran, daß die wichtigsten Quellen nie benannt werden – eine durchaus verständliche Unterlassung, sind doch die Vorbilder um einiges präziser als die Nachschriften Flussers. Gegen McLuhan polemisiert er an einer einzigen Stelle, um ansonsten dessen gesamtes Themengebiet banalisierend durchzukauen. Die These, daß Kommunikation “gegen die Einsamkeit des Lebens zum Tod” helfe, verdankt sich ganz offensichtlich einer Lektüre von Heideggers “Sein und Zeit”, wobei dessen “Vorlaufen zum Tod” noch selten von einem so flachen Gerede wie dem Flussers geplättet wurde. Die Fixierung Flussers auf den einzelnen Menschen und sein Leben macht seine Theorie gleichzeitig so leicht verständlich und so unbrauchbar. Stets werden den Medien vorschnell “Absichten” unterstellt, nach denen sie wie monströse Comicfiguren handeln, um mit uns Menschen zumeist nichts Gutes anzurichten. In ebenso großen wie groben historischen Schritten verdichtet Flusser jahrtausendlange Entwicklungen, um Hals über Kopf in eine Zukunft weiterzustolpern, in der er zwischen einer totalitären TV-Diktatur von Technobildern und dem Geraune von einer “neuen Bewußtseinsebene” im “Dienst der echten menschlichen Kommunikation” gar keine Alternative mehr sehen kann. Zum Glück korrigiert die Zukunft Flussers Prognosen allmählich von selbst, und so leuchten manche seiner Sätze um so besser ein, wie etwa der: “Die Gefahr von Banalitäten ist, die Wirklichkeit zu verdecken.” Vilém Flusser: Kommunikologie. Fischer. 24.90DM Im Netz: http://www.hydra.umn.edu/flusser/ http://equivalence.com/labor/flusser.htm ZITAT: Zum Glück korrigiert die Zukunft Flussers Prognosen allmählich von selbst. Stets werden den Medien “Absichten” unterstellt, nach denen sie wie monströse Comicfiguren handeln, um mit uns Menschen nichts Gutes anzurichten.

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Elektronische Lebensaspekte.