Das Magazin als elektronischer Lebensaspekt
Text: Annabelle Hirsch aus De:Bug 122


YouTube führt das Videoformat in die qualitative Unübersichtlichkeit. Ein Portal wie Hobnox setzt dem online redaktionelle Kontrolle entgegen. Offline verfolgen im Modeumfeld einige Projekte den streng selektiven Ansatz eines Galeristen oder Kurators. Neben Diane Pernet mit ihrer Video-Sammlung “You wear it well” gehört vor allem die Redaktion des DVD-Magazins FLY aus New York dazu.

Man hält einen Pappdeckel im typischen Magazin-Format in der Hand. Er lässt sich aber nicht aufschlagen und durchblättern. Man kann nur eine runde Scheibe herausklappen und eine DVD entnehmen. Fly DVD ist ein New Yorker Mode- und Kunstmagazin auf DVD, das exklusive Videos von Fotografen, Grafikern oder Filmemachern versammelt.

Sie konfrontieren jeweils ein Modelabel mit einem Thema zur Zeit, in der aktuellen Ausgabe heißt das Motto: ”Words Remembered“. Die Kurzfilme können atmosphärische Assoziationen, politisch-poetische Essays oder auch Sketche sein. Aber sie sind immer schwer stylisch, selbst die Musikclips fallen sämtlich unter die Kategorie Kunstvideo. Jede Ausgabe von Fly DVD ist ein Kurzfilmfestival für Hochglanz-Connaisseure.

Wie würde es wohl aussehen, wenn sich ein Künstler wie Matthew Barney mit dem Modelabel Boudicca oder David Lynch mit dem traditionsreichen Modehaus Fendi filmisch paaren würde? Ein außerirdischer Gedanke. Würden sich die genannten Künstler zu einem Filmprojekt vereinen, dann würden sie es in einer Ästhetik wie der von Fly DVD verarbeiten.

Keimzelle Plattengeschäft
Begonnen hat die Geschichte des DVD-Magazins 2003 mit einer Erleuchtung. Kreativdirektorin und Mitgründerin Catherine Cushman suchte in einem Plattengeschäft nach einer schönen CD-Hülle, als sie die Idee überkam: Wie wäre es wohl, in dieser hübschen Verpackung eine neue Welt zu finden? Eine Welt aus Bewegung, Musik und Kunst, die sich vom Ineinandergreifen aller kreativen Disziplinen nährt.

Schon mit der Zusammensetzung des Teams wurde diese Welt gefunden: Stephen Ghukfvin war bis dahin als Fotograf tätig, Cushman hatte in New York Film studiert und für einige Produktionen in LA gearbeitet. Währenddessen langweilte sich Nima Abbasi – heute Direktorin von Fly – als Anwältin, weshalb sie begann, mit dem DJ und fanatischen Kunstsammler Laurent Vatcher Musik für Fashionshows zu kreieren.

Aber erst 2006 war es so weit. Die französische Presse feierte Fly DVD’s erste Ausgabe ”The Zero Issue“ als Projekt einer neuen Avantgarde: ”Fly is the future and arrived at exactly the right time.“ Und tatsächlich, in einer Zeit, in der die Mode kräftig an ihrem fest verankerten Image eines rein kommerziellen Produktes rüttelt, schafft das einzigartige Magazin eine perfekte Synthese zwischen Kunst und Mode:

”Meiner Meinung nach sind die Dinge immer mehr, als sie zu sein scheinen. Mode ist mehr als etwas Transitorisches, es ist Kunst und Architektur. Menschen sind arrogant und denken, ein gut gebautes Haus sei mit mehr Bewunderung zu betrachten als ein gut entworfenes Kleid.“ Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Modedesign gelingt im Videoformat auf besonders subtile Weise, da der Intellekt durch die Sensibilität der Sinne anstatt durch starre Analysen angesprochen wird.

Words remembered
Und auch in der aktuellen Ausgabe geht das Konzept auf. Die Filme spielen mit der Kraft der Worte, visuelle Geschichten zu inspirieren. ”Wir haben jeden Künstler gebeten, einen kurzen Film zu einem Zitat, das für sie eine ganz bestimmte Rolle spielt, zu kreieren“, erklärt die Art-Direktorin. Nick Caves Zitat ”There’s one thing you can guarantee in life – a surplus of pain“ ist Ausgangspunkt für Stephen Ghukfvins Film ”Torrent“ (”Sturm“). Gekleidet in Hussein Chalayan, ist die Frau ein Sturm, der mit aller Kraft gegen die Grenzen ihrer Liebe ankämpft, während der Mann fast gefühllos dagegen standhält: ”Es geht um zwei Menschen, die sich vermissen, aber nicht wirklich zueinander finden“, so Ghukfvin.

Der Fotograf Gray Scott geht von Aldous Huxleys ”Love of the nature keeps no factorys working“ aus und spinnt zusammen mit dem Modelabel Boudicca, das in dieser Saison auf synthetische Materialien und futuristische Schnitte setzt, eine mysteriöse, organlose Zukunft. Wie sich das Louis-Vuitton-Label inmitten einer Demonstration gegen den Irak-Krieg macht, wird in Catherine Cushmans Film ”Protest“ durch eine junge Frau demonstriert. Mitten im Zeitgeschehen, wirkt sie trotzdem wie ein staunender Beobachter, und stellt Mode in eine ambivalente Position.

Mehr als Mode
Aber die ”Architektur des Stoffes“ ist noch lange nicht alles, was diese DVD ausmacht. Denn auch wenn sich Fly auf seiner Website vor allem mit ”fashion films“ präsentiert, ist es weit mehr als nur ein verfilmtes Modemagazin. Neben den rund 30 Modefeatures lässt sich eine spannende Auswahl an Interviews mit Koryphäen der Modewelt, Künstlern, Schauspielern und anderen Kulturschaffenden finden, zum Beispiel mit Karl Lagerfeld oder dem Sammler Michael Gallagher.

Der Künstler Liam Gillick unterhält mit Geschichten über seine Studienzeit mit Damien Hirst. Eigentlich fehlt nur noch eines: die Musik. Bei den Musikvideos verfolgt Musik- und Visual-Arts-Direktor Laurent Vatcher ein ähnliches Ziel wie bei den Modefeatures. Die visuelle Umsetzung muss genauso überzeugen wie der Sound. Neben Clips von The Presets, Wolfmother oder Clark findet sich auch eine Dokumentations-Perle wie ”Sleepwalking through the Mekong“, die die kalifornische Band Dengue Fever auf ihrer Kambodscha-Tour begleitet, auf der sie den Cambodia-Rock’n’Roll reimportieren.
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