Die seit 1998 umtriebige Wander-Ausstellung der Mediengattung Flyer wird zum Buch. Und zu was für einem. Die 556 Seiten Mammmutwerk beleuchten Genres, Motive, Material, Gestaltungs- und Formaspekte.
Text: Sophie Beierle aus De:Bug 92

FLYER SOZIOTOPE
Kompendium eines unkontrollierbaren Mediums

Der Flyer … Werbe- und Agitationszettel, Qualitätsmerkmal, Partyidentität, Erinnerungsgegenstand, Wandschmuck, Sammlerobjekt, alternativer Navy Seal der Public Relation und Tagebuch der Jungendkulturen.
Mike Riemel, Berliner Szene-Tausendsassa und Hüter einer der größten Flyersammlungen der Welt, hat mit seinem Team den Lebensraum der Mediengattung Flyer untersucht, archiviert und geordnet. Als Austellung konzipiert und seit 1998 als wandernd international unterwegs, wurde das Flyer Soziotop nach vielen Achterbahnfahrten im Finanzierungsdschungel der Sponsoren, zwei Jahren Entwicklungszeit und sechs Monaten scannen, nun als Buch und Online-Flyer-Datenbank realisiert.
Das Kompendium bietet einen hervorragenden Einblick in die vielfältige grafische Entwicklung der Styles und Tunes der Club- und Musikszene der letzten 25 Jahre. Die Ergebnisse hat Riemel aus Deutschland, Europa, USA, Japan und Mexiko zusammengetragen und in diesem mit mehreren tausend Abbildungen und vielen Texten zur Flyerkultur ausgestatteten Werk gebündelt. Nach Formen, Formaten und Genres rubriziert, wurde dieser weltweit umfangreichste Katalog erst durch den Zusammenschluß verschiedener Sammler ermöglicht. Von den ersten Anfängen der Technobewegung mit seinen grafisch sehr reduziertem Handzetteln bis hin zum aufwändig gestalteten Indentitätsmerkmal der Szeneclubs … von skurril bis klassisch ist alles dabei.
Dieses Kaleideoskop der alternativen Kommunikation steht gleichwohl für die Entwicklung, das Aufkeimen und Abebben von visuellen Styles, ist ein bunter Zoo der tollen Ideen und individueller Grafiker-Handschriften. Neben Abbildung und Einordnung untersucht FLYER SOZIOTOPE den Flyer auch auf seine Kontexte im sozialen, wirtschaftlicher und psychologischen Umfeld. Interviews und Texte mit und von Aktivisten, Künstlern, Grafikern, Jounalisten, Labelbetreibern und Veranstaltern ergänzen die Sammlung und geben einen konkreten Einblick über den Lebenszyklus eines Flyers, von Styledebatten, der Geburt am Rechner bis zur Verteilung: Kann man von Disneyworld lernen?, Was macht einen Flyer einprägsam und erfolgreich?, Ist ein Flyer Work in Progress oder bei Drucklegung fertig?, Warum sammeln und wie sieht der Flyer der Zukunft aus? sind dabei nur einige der Aspekte, die behandelt werden. Dabei besonders unterhaltsam: Der Versuch Gestaltungs-Standards eines typischen Flyer-Layouts abzuleiten, wird jedem Grafiker ein süffisantes Schmunzeln entlocken, denn bestimmt ist jeder mindestens einmal genau dabei gescheitert, seinem Veranstalter dieses Standard-Layout von Acts und Terminen auszureden.
Riemel selbst gibt am Ende einen Ausblick, auf das was kommen wird und wie der Flyer als unkontrollierbares Medium mit grösser Streukraft in seinem Lebensraum, bedroht von seinen kannibalisierenden digitalen Artgenossen mit zielgruppengenauer Communityansprache der mobilen Kommunikation, überleben kann. Das Community-Cross-Szenemarketing in Verbindung mit mobiler Kommunikation wird wohl oder übel seine Rettung bedeuten. Seinen großen Vorteile, die Streukraft und Leuchtkraft als Ideen- und Identitätstransporter, wird er erstmal nicht verlieren.

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Elektronische Lebensaspekte.