Text: rikus hillmann aus De:Bug 15

Undergroundreklame. In Anlehnung an das Buch “Flyermania” Jan Rikus Hillmann aeonflux@de-bug.de flyer liegen überall. flyer sind öffentlich. flyer sind wichtig. flyer sind bunt. flyer informieren. flyer assoziieren. flyer interpretieren. flyer rekrutieren. flyer identifizieren. flyer kommunizieren. flyer sind indikatoren. flyer sind ein medium. flyer sind kunst. flyer sind plakate. flyer sind die title. hallo zielgruppe. mea culpa. die party ist der film. ”Flyer sind bedruckte, bunte, meist postkartengroße Einladungen für Tanzveranstaltungen mit Schallplattenunterhaltern” mein name ist egal. ich bin grafiker. ich gestalte flyer. ich soll euch leiten. ich soll euch informieren. ich kann mich produzieren. ich bin eine diva. denn ich gestalte die flyer. der dj kennt mich. ich gehör dazu. ich bekomme die partydaten immer zu spät aber dafür mein bier im club umsonst. ich fühl mich wohl. knallen muss er und schön sein, andersartig, neu, aber im kontext, hart, aber bitte lesbar. die leute muessen sich mit uns identifizieren, der club ist eine marke, aber leider gibt es keine fotos. diesmal müssen viele kommen, sonst können wir aufhören. bitte nicht den musikalischen kontext interpretieren, dass macht der dj schon im club. mach undergroundreklame, schaffe den identifikationsmoment, nimm 3 farben, ziehe 180 mark ein. be aware: der drucker ist dein feind. danke schön. tolle party. bis zum nächsten mal. rave on. Ein Party-Flyer wird oft nur in einer sehr geringen Auflage gedruckt, und kaum ein Flyer hat je die Grenzen der Stadt überschritten, deren Raves oder Parties er ankündigt. Kernkompetenz hat die Segnung der Wahrheit. Einer subjektiven zwar, aber dennoch einer, der man durchaus glauben kann. Aus diesem Blickwinkel betrachte ich das Buch Flyermania, eine Ende 1997 im Gestalten Verlag erschienene Compilation von Flyergestaltungen aus dem deutschsprachigen Raum, das jetzt vom Ullstein Verlag der Masse untergejubelt werden soll. Undergroundreklame in Szene gesetzt, compiliert, wortreich kommentiert und eingeführt von einem sehr sympathisch – innovativen berliner Gestaltungsteam mit Sendungsbewußtsein: den Gestalten. Kernkompetenz, comprende? Die Dokumentation von Dokumenten, komplexer schneller Teile eines sehr vergänglichen Zeitgeschehens (Verschwende deine Jugend!) ohne Hochglanzdruck, scheint primäres Ziel des Buches, bedeutet aber in der Weiterführung mehr: Die Formen von Zielgruppenansprache, visueller Argumentationen, Identifikations- und Assoziationsmomenten werden hier durch das breite Spektrum der hochqualitativen Gestaltungen deutlich, ohne klassische Ansprüche an kommunikative Visualtät missen zu müssen. Corporate Design, Klarheit, Ausdruck, Message sind hier selstverständlich. Es heisst, sich auf 112qcm im Plattenladen durchzusetzen und 15 Mark Eintritt zu verkaufen. Ohne langes Marketinglamento. Denn der Lohn ist klein, die Zeit knapp, der Idealismus groß und die Party schnell vorbei. Was heißt das? Flyer sind hoch zielgruppensensitives Marketing, kontextsensibel, denn man weiß, was elitäre Gruppen schätzen. Sie haben ihre Codes und ihren Stolz. Niemand wird markenbewußtere Konsumenten finden (die Party, der DJ, die Marke), optimalere Zielgruppen (jung, bewußt, kaufkräftig, konsumorientiert, kritisch). Im Gegensatz zur klassischen Werbung haben hier viele Gestalter diesem Verkaufsziel einen hochqualitativen Kanal geöffnet, die Adaption ist nicht weit. Das Informationsmedium wird zum Opinionleader, zum Fetisch und Ausdruck eines Lifestyles zugleich. Identifikation als Unique Selling Point. Hello world. Jung von Matt ade. —————————————– zitatkasten: ”Schmeißt die Flyer werder auf den Müll, noch in die Landschaft, auf die Strasse etc, sondern bitte in die Papierverwertung. Dann wird bestenfalls Flyer aus Flyer gemacht. Ð Nein, ich besitze keine Latzhose.” _________________________________________ Infokasten Die Gestalten: “Flyermania”. Berlin: Ullstein Verlag, 1998. 19. 90,- DM

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.