Steve Ellison erfindet die zweite Generation Glitch-Techno im Alleingang. Und nur, um nicht von seiner übermusikalischen Familie verstanden zu werden. Denn mit Freejazz kann er sein Umfeld von Großtante und -onkel Alice und John Coltrane nicht schocken.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 123


Verglichen mit seinen Verwandten war er wohl schon immer ein bisschen eigenartig. Steve Ellison scheiterte mit Jazz, entdeckte seinen Laptop und wurde zum Zerstörer. Jetzt sitzt er in seiner Höhle außerhalb von L.A. und wünscht sich Filme zu machen. Das war eine schöne Ordnung: Vormittags haben ihn die Japaner angerufen und nachmittags die Europäer.

Tokio, Rom, Bottrop, Berlin, alles dabei, alles eine Soße, alle fragen Steve Ellison dasselbe. Erzähl uns von deiner Familie. Erzähl uns von deiner Oma. Erzähl uns von deiner Großtante und ihrem Mann. Steve Ellison findet das nicht besonders schlimm. “Nein“, sagt er, “ist schon okay.“ Er ist froh, dass sich überhaupt irgendwer für ihn interessiert. 24 Jahre ist er alt, da wird den Anrufern schon noch mal was Neues einfallen.

Im Moment sitzt er im Haus seines Freundes, dem Dubstep-Produzenten Kode9, in London, wartet und hört Musik, das soll heißen: sein eigenes Zeug, etwas Dickflüssiges, Schweres, das hinter ihm aus den Boxen pumpt. Ab und zu klingelt das Telefon. Kode9 hebt ab und gibt ihm den Hörer. “Meine Familie, ja, Mann. Meine Familie ist ein total wichtiges Thema, da hast du ganz recht“, sagt er dann. Seine Stimme klingt wie das, was da im Hintergrund läuft. Langsam, dunkel, schwer verkifft.

Lauter Brillanz
Er wuchs in einer Umgebung auf, die ihn beinahe erstickte vor lauter Brillanz. Seine Großtante hört auf den Namen Alice Coltrane und ihr Mann heißt John. Steve Ellisons Großmutter Marilyn McLeod schrieb und produzierte Lieder für Diana Ross, Michael Jackson und die Four Tops. Er wollte ihnen nacheifern, das war schon ganz früh klar. Steve Ellison begann Saxophon zu spielen, doch damit kam er nicht weit. Zumindest nicht soweit wie sein Cousin Ravi Coltrane. “Ich habe aufgegeben, bevor ich überhaupt irgendeine Note gespielt habe. Weißt du, wenn du aus so einer Familie kommst, ist das nicht leicht.“

Erst die Zerstörung brachte ihn weiter. Erst der Computer half ihm, klassische Musikstrukturen zu vernichten. Erst die Technologie befreite ihn von diesem Druck. Steve Ellison entwickelte Klanglandschaften aus zerbröselnden Dub- und HipHop-Elementen, dröhnende Geräusch-Kulissen voller Geheimnisse und Rätsel. “Als ich so weit war, habe ich mein Zeug der Familie vorgespielt. Keiner von ihnen hat diese Musik verstanden. Und das war ein verdammt gutes Zeichen. Alle sagten nur, mach weiter, was auch immer du da machst. Mach weiter. Hauptsache du brichst die Schule nicht ab.“

Auch wenn sie nichts mit seiner Musik anfangen konnte, nahm seine Großmutter ihn ernst. “Sie half mir, wenn ich Equipment brauchte, Kabel oder irgendwelchen Kram. Sie sagte immer: Weißt du was deiner Musik fehlt? Ich fehle. Ich mache dieses Lied zu einem Hit. Und ich sagte ihr: Großmutter, ich weiß nicht, ob ich jetzt schon bereit bin für diesen Hit.“

Im aktuellen Album von Flying Lotus gibt es dementsprechend auch nichts, was sonderlich herausragt oder hervorzuheben wäre. Das Ganze funktioniert wohl eher wie eine Art Hörspiel aus ineinander verkneteten Episoden. Es ist der Soundtrack seiner Heimatstadt. “Ich lebe in einer Höhle an den Randbezirken des Wahnsinns.“, sagt Steve Ellison über sein Haus in einem Vorort von Los Angeles. Er liebt die Stadt. Für ihn sei sie der schönste, aber auch der schrecklichste Ort der Welt.

Genau diese Spannung habe er versucht auf dem Album einzufangen. Am besten solle man es auf einer bekifften Autofahrt hören, sagt er. Man stelle sich vor: Nachts, Freeway, 45 Minuten lang ziehen die Lichter von L.A. vorbei. “Ich möchte, dass die Leute auf irgendeine Art high werden, wenn sie meine Musik hören, das ist mir wichtig. Und auch, dass keiner mehr diese miesen Laptop-Lautsprecher benutzt.“

Eigentlich, sagt Steve Ellison gegen Ende des Gesprächs, sei er ja gar kein Musiker. Eigentlich sei er ein Filmemacher. Eigentlich habe er schon einen Science-Fiction-Kurzfilm gedreht. Eigentlich sei das ja eine viel tollere Ausdrucksform als dieses klassische Coltrane-Ding. Auf die Frage, ob wir denn hier nicht schon die ganze Zeit über Film-Musik reden, schweigt die Leitung. Einen Moment lang hört man nur noch das Dröhnen aus dem Hintergrund. Dann Steve Ellisons Stimme: “Ja, Mann, Musik für Filme. Tolle Idee. Was auch immer. Das klingt echt gut.“

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Elektronische Lebensaspekte.