Bettgespräch über Mülleimer-Beats und messianischen Sci-Fi-Jazz
Text: Eric Mandel aus De:Bug 142

Flying Lotus aka Steve Ellison ist ein allseits gepriesenes Wunderkind, das die hohen Erwartungen scheinbar spielerisch erfüllt, in der Disko genauso wie auf seinem Album “Cosmagramma”. Im vom Bett aus geführten Interview geht es um Wachträume im Produktionsprozess, Klangmagie aus Billig-Software und FlyLos Selbstverständnis als Messias.

Es war mal wieder ein bisschen, als würden sie alle auf den Messias warten. Von Thom Yorke bis Sasha Frere-Jones, von Kode9 bis Prefuse 73, vom Wire bis zum Warp-Label – alle raunten in den letzten 24 Monaten vom Wunderkind aus Los Angeles: Flying Lotus. Der Mann war offensichtlich auf einem echt anderen Film unterwegs: Abstrakte Optik und sibyllinische Titel, desorientierende, schlingernd programmierte Musik zwischen HipHop, porösen SciFi-Oberflächen, freien Strukturen und Billigsoftware. Dazu die genetische Nähe zum Musik-Olymp: Seine Großtante Alice Coltrane erarbeitete sich im Lauf der Jahre gewissen Hip-Status als nichtphallische Jazzerin mit einem ganz speziellen spirituellen Futurismus, der allerdings auch ziemlich geil klang.

Ihr bereits 1967 verstorbener Gatte John galt bereits zu Lebzeiten als Saxofon-Halbgott. Als herauskam, dass er Wachträume und andere verschobene Bewusstseins-Zustände im Produktionsprozess zuließ, war klar, dass wir es bei Lotus mindestens mit dem Sohn von Aphex Twin und J. Dilla zu tun haben. Mary Anne Hobbs dachte auch schon mal laut an Jimi Hendrix. Mittlerweile erscheinen seine Platten weltweit auf Warp, sein Verlag und Vertriebspartner für sein Label Brainfeeder heißt dagegen Ninja Tune.

Nüchtern im Bett
“Zwei große europäische Häuser, die mir den Rücken decken. Das ist fast so etwas wie eine Yojimbo-Situation, wenn du den Kurosawa-Film kennst.” Flying Lotus mag als musikalischer Heiland gelten, er selbst unterhält sich gern in Filmreferenzen. Sein eigenes, für dieses Jahr geplante Filmprojekt beschreibt er vielversprechend als “Vintage Sci-Fi, irgendwo zwischen ‘Montana Sacra’ und ‘2001’ – nur kürzer.” Und überhaupt ist der Typ, und das ist angesichts der angehäuften Vorschusslorbeeren ausgesprochen beruhigend, seinem luftigen Kampfnamen zum Trotz eigentlich ganz bodenständig. Zwölf Stunden vor dem Berliner Auftritt gibt er Interviews in seinem Hotelzimmer. Keine Allüren, keine Mystik, kein messianisches Sendungsbedürfnis treiben ihn um, allenfalls eine wachsende Verzweiflung angesichts der ungeklärten Weed-Versorgung.

Das Interview führt er vom Bett aus. Also alles ziemlich HipHop, nur ohne Entourage, und dass aus seinem Laptop ein interessant schrottig klingender Ambient-Mix zirpt. Auf die Frage, wie er sich als neuer Jimi Hendrix fühlt, muss er nur grinsen. “Das bedeutet auf jeden Fall einen gewissen Druck. Aber das ist die gute Sorte Druck. Ich bin froh, dass Leute anerkennen, was ich tue. Das ist besser als ein prima Musiker zu sein, den keiner kennt.” Vor fünf Jahren war er nicht einmal das. Jedenfalls nicht in den Augen seiner Familie, in der Musik bitteschön immer noch auf Instrumenten gespielt wird.

Steve Ellison zog es auch eher auf die Filmschule, seine Musik betrachtete er als Privatvergnügen. “Ich habe angefangen mit einer Roland 505 Groove Box, mit Sounds. Du musstest alles selber spielen und rückblickend war das sehr cool, weil ich mir alle Melodien und Ideen selber ausdenken musste, die ich sonst wohl gesampelt hätte. So habe ich alles über Strukturen und Melodien gelernt, nur auf Basis meiner eigenen Ohren. Was meine Familie betrifft: Ich hatte definitiv nicht das Gefühl, zu ihrer Welt zu gehören, und sie haben mir auch nie dieses Gefühl gegeben. Da kamen Sätze wie: Mann, deine Drums klingen wie’n getretener Mülleimer (lacht), aber ich dachte mir: Wieso nicht?”

Schneiden, Raven, Hängen
Vom Filmschnitt zum Sequencer-Programm ist es nicht weit. Ellison stieg auf den Rechner um und allmählich wurde der Shit tight. Bevor FlyLo und seine Freunde eine Heimat in der Clubnacht mit dem sexy (HipHop–informierten) Namen “Low End Theory” fanden, lief der Shit nämlich auf der Straße. Ja, die Karriere von Flying Lotus begann als Parkplatzraver. “In meiner Erinnerung startete diese Szene, als wir vor Konzerten und Clubs abhingen. Wir sind gar nicht reingegangen, sondern haben mit der Boom Box unsere eigene Party gemacht. Jeder hat seine neuesten Tracks mitgebracht oder was er gerade feierte. Das war wie Hausaufgaben machen und gleichzeitig die beste Inspiration. Bis schließlich Leute kamen, denen das gefiel.”

Wie es weiterging, ist schnell erzählt: Um “Low End Theory” und Brainfeeder sammelten sich die nonkonformistischen Motten – zum Beispiel Samiyam, Nosaj Thing, Gaslamp Killer, der (etwas reflexhaft mitgehypte) Gonjasufi, der gute alte Daedelus: Ellison leerte geräuschvoll seine Festplattenarchive und alle gingen steil auf die L.A.-EPs, auf seinen Radiohead-Remix, auf sein Sonar-Set, auch die Videos waren nicht von Pappe. Und nun endlich “Cosmagramma”, ein Album, das ihm im letzten Jahr den Verstand gerettet hat.

Doch es war nicht nur das Jahr seiner größten Erfolge, sondern auch das des überraschenden Todes seiner Mutter. Die Musik bezeichnet er in Hinblick auf die positive wie auf die negative Gemütsbelastung ohne zu Zögern als Zuflucht, und diese kreative Bewältigungsarbeit ist dem Album in jeder seiner 45 Minuten anzuhören. Es behauptet erfolgreich eine hermetische Welt, die gleichzeitig durch völlige Offenheit glänzt. Es ist gleichzeitig extrem pointiert wie offenkundig vom Zufall mitgesteuert, wie ein rätselhafter, avantgardistischer Film, der der Kamera so viel von seiner Sogwirkung verdankt wie der Arbeit im Schneideraum, und der bewusst auf allen Konventionen herumtrampelt und seinem Referenzrahmen weder entkommen kann noch will. Man erkennt die noch unscharfe Handschrift eines jungen Genies, aber eben auch, dass hier noch mit Wasser gekocht wird.

Schwungvoll abheben
Auf vielen Ebenen ist die Musik von Flying Lotus nichts Besonderes. Jeder zweite Netlabel-veröffentlichende, beatshoppende Heimstudioheini wurschtelt so ein bisschen mit der Software herum, auf der Ellison wachträumt. Die Beatästhetik verdankt Madlib und J.Dilla nicht nur ihre Gestalt, sondern auch die breite Akzeptanz, auf die sie mittlerweile stößt. Wer bei Amon Tobin und Scott Herren aufgepasst hat, den schocken auch diese Arrangements nicht mehr. Das Artwork seiner Warp-LPs und -EPs schließt an die ausfransende C.I. von Warp an und dass der Großraum Los Angeles durchaus fordernden Elektrodub, experimentelle Postrap-Beats und obskure sonische Glaubensgemeinschaften hervorbringt, wussten wir dank Stones Throw, Dublab, Plug Research, Carlos Nino oder auch Georgia-Anne Muldrow und ihren im Vergleich zu FlyLo ungleich radikaleren MPC-Jazz. Der Lotus konnte auch deswegen so schwungvoll abheben, weil er sich dabei auf ein bestehendes Netzwerk stützen konnte.

Ehrliche Tracks braucht der Mann
Und nun steht er im Berghain und hat ein Riesengrinsen im Gesicht. Offenbar gab es endlich was zu rauchen. Wissend, wie man die Friseusen auf den Floor kriegt, masht er Balkan-Bläser und “A Milli” in seine vor Ort geschnippelten Beatfraktale. Generell gilt für den Abend, was Sasha Frere-Jones einst im New Yorker beobachtete: “At no point did Ellison feel compelled to make sense. At no point did the crowd stop dancing.” Was also ist genau dran an diesem Typen, der tatsächlich für jeden Break, jeden kranken Basslauf, jeden asymmetrisch honkenden Synthie, jede quer reinstolpernde Percussion gefeiert wird, und zwar sowohl von den Dubstep-Vögeln, als auch von den jungen Typen in “J.Dilla Changed My Life”-Shirts, den Touristengruppen, den Pressevertetern, Indie-Poppern, Bloggern und andern Adabeis, und sogar den paar Stammgästen, die sich nicht in die minimale Vertrautheit der Panoramabar geflüchtet haben?

Wahrscheinlich ist an ihm dran, das er sie wirklich alle zusammenbringt. Indem er weder Dubstep (findet er gut, aber in der Sackgasse), noch Techno, nicht Rap (kein Rap auf seinem Album!), nicht Jazz, nicht Wonky und nicht US Funky sein will und trotzdem allen zeigt, wie der Hase bremst. Wenn er es sein soll, der die Türen der Festivals, Playlists, iPods und Technotempel aufstößt für echt komische, kosmische Musik … warum nicht. Seine Sicht der Dinge an diesem Nachmittag jedenfalls war entwaffnend: “Irgendwie wollen meine Fans, dass ich genau das mache, was ich machen will. Ich fühle mich gesegnet durch den Umstand, dass die Leute wirklich wollen, dass ich ihnen mein Universum zeige. Dass ich ganz ich selbst bin und dabei den Leuten einen Weg in ihre eigene Vorstellung öffne. Das ist alles, worüber ich beim Musikmachen nachdenke: Bin ich ehrlich? Ist das ehrlich? Wenn es das nicht ist, fang ich wieder von vorne an. Und wenn ein Mann genug ehrliche Tracks zusammen hat, und raus geht und sie aufführt, dann wird sich zeigen, wohin die Reise geht.”

“Cosmogramma” ist auf Warp/Rough Trade erschienen.
http://www.warp.net

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