Und wieder emuliert Native Instruments einen der legendären Synthies aus den 80ern originaler und praktischer als zu Mantronix-Zeiten. Nur derUmhängegurt fehlt naturgemäß, aber leider.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 55

Legendäre Juckelbude emuliert
Native Instruments FM7

FM7 emuliert den legendären DX7 von Yamaha (inklusive sämtliche Ableger wie DX11, 21, 27, 100, usw.), dessen cleane Rhodes Glocken und anderen Presets (die damals vor allem als extrem naturidentische Emulationen wahrgenommen wurden) den Popsound der Achtziger prägten.

Übersicht
Wie bei Native Instruments üblich, kann der FM7 in VST eingebunden, aber auch als Stand Alone verwendet werden. Die Schnittstellen: Macseitig unterstützt FM7 VST 2.0, Asio, Direct Connect, MAS, FreeMidi und den SoundManager, auf der PC-Seite VST 2.0, Asio, DXi, MME und DirectSound. Dass die DX Serie vor allem mit den Preset Sounds des DX 7 bekannt wurde, liegt unter anderem auch daran, dass die FM Synthese für viele User zu komplex war, um ihre Möglichkeiten, die weit über das Emulieren von allseits Bekanntem hinausgehen, voll auszuschöpfen. Das lag auch an der mitunter extrem kryptischen Bedienung des DX7 und seiner Geschwister. Dem abzuhelfen wurden im Laufe der Jahre etliche Software Editoren geschrieben, deren Features größtenteils im FM7 eingebunden wurden. So gibt es eine Art Übersetzung der wichtigsten Parameter in der Easy Edit Page, mit der auch diejenigen, die keine Lust oder Zeit haben, sich mit dem Thema FM näher zu beschäftigen, schnell und einfach mit bekannten Parametern wie ADSR oder Brightness Sounds manipulieren können.
Aber der Reihe nach:
Die Oberfläche entspricht zunächst einem Original der DX Serie. In der Navigationsleiste befinden sich die einzelnen Pages für die sechs Operatoren, die beim FM7 mit A bis F bezeichnet sind und je 32 Wellenformen bieten. Dazu kommen noch drei weitere Operatoren mit den mysteriösen Bezeichnungen X, Z und In. Operator X ist eine Art erweiterte Distortion Unit, ein Feature, das die DX Originale nicht hatten: hier kann in einer Kombination aus Rauschgenerator und Saturator eine zusätzliche Verzerrung erzeugt werden. Operator Z ist schlicht und ergreifend eine Multimodefiltereinheit, will sagen, zwei Filter lassen sich variieren und sind stufenlos zwischen seriell und parallel schaltbar. Ein weiteres, grundlegend neues Feature ist der Operator IN, mit dem sich externe Signale an verschiedenen Stellen in das Signal integrieren lassen. Dabei kann der FM7 nicht nur als Effektgerät dienen, externe Signale können auch in die Modulation eingebunden werden, was die Möglichkeiten der Klangformung enorm erweitert. In der Lib-Sektion lassen sich die Presets laden und speichern, darüber hinaus besteht die Möglichkeit, SysEx Sound Daten von DX Synthesizern zu laden, was dem FM7 die wohl größtmögliche Soundbibliothek eröffnet, ist das Netz doch gepflastert mit Seiten, auf denen man sich diese herunterladen kann. Dazu kann eine Randomize Funktion separat wahlweise sechs verschiedene Parameterbereiche oder alle Parameter per Zufall ändern. Die Easy Sektion übersetzt die wichtigsten klangformenden Werte in ein Set von einfach zu verstehenden Reglern: Timbre (Brightness, Harmonic, Detune, Envelope Amount, Veloxcity Sensitivity), Timbre Envelope (mit Attack, Decay, Sustain und Release), LFO (Rate, Vibrato, Timbre, Tremolo), Output (Volume, Stereobreite, Velocity Sensitivity) und Amplitude Envelope (auch hier wie bei Timbre Envelope ADSR). In der Master Sektion kann die Stimmenanzahl (und die der Unison Voices mit Detune) eingestellt, sowie das Delay, die Lautstärken von Input und Output, Tiefpass und Hipass sowie Tuning und Modulation definiert werden. Die Modulationsmöglichkeiten des FM7 offenbaren sich in der Modulationsmatrix, die schier unendlichen Modulationswahnsinn bereitstellt: alle neun Operatoren können völlig frei verschaltet werden, was nicht nur in zwei Richtungen geht, sondern auch mit ein und demselben Operator als Feedback Schaltung. Die Übersicht geht durch die wohldurchdachte grafische Oberfläche dabei nie verloren, ein echtes Killer Feature!

Performance, Bedienung und Sound
Die Performance ist sehr gut, selbst komplexe Schaltungen mit vielen Stimmen (die in der realen Hardware DX/FM-Welt bis heute nicht vorhanden sind) werden mit verhältnismäßig wenig CPU Power erreicht; aufgrund der aufwendigen Algorithmen empfiehlt sich macseitig aber auf jeden Fall ein G4. Die Bedienung ist, hat man sich mit der grundlegenden Funktionsweise der DX Serie auch nur peripher beschäftigt, sehr logisch und übersichtlich. Für alle anderen bietet sich ja auch noch die Easy Page an, mit der sich die grundlegenden klangformenden Parameter schnell und einfach steuern lassen. Der Sound ist perfekt, sieht mal mal davon ab, dass die Antaliasing Features der DX Familie (die eigentlich Bugs waren) noch nicht integriert sind, wobei sich die Frage stellt, wer digitale Nebengeräusche eigentlich braucht. FM7 ist wohl auch der Softwaresynthesizer mit der größten Klangbibliothek, sind doch sämtliche DX SysEx Daten, die es zuhauf im Netz gibt, nutzbar. Insgesamt ist Native Instruments mit dem FM7 wieder einmal ein Meilenstein in der Softwaresynthese gelungen, der schon in der ersten Version (nein, das ist leider nicht normal) prima funktioniert und auf einigermaßen zeitgemäßen Systemen auch keine überhöhten Ansprüche stellt. Dickes Lob!

*****

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.