Der Südschwede Stefan Thor liebt die stille Autorität zurückhaltender Tracks. Wie gut das mit Pop harmonieren kann, zeigt sein zweites Album.
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 96

DER LEIM DER ILLUSION

Die große Click’n’Cut-Welle ist schon lange über uns hinweggerauscht. Bei Mitek dagegen wird munter weitergeschnipselt und mit Pop geflirtet. Immer wieder sorgen die Ergebnisse für Begeisterung. Nun verpasst “Eyepennies”, das neue Album von Stefan Thor a.k.a. Folie, dem kühlen Stil einen neuen Höhenflug. Es geht ungefähr da weiter, wo “Misspass”, Folies Debüt, zuende war: melodische Nischen, die inmitten mikroskopischer Schmirgelbeats klare Popmomente im Kopf entstehen lassen. Drei Jahre später kommt Folie mit “Eyepennies” zu einem noch viel runderen Ergebnis: Hier wirkt nichts disparat, auch wenn der Grad der Abstraktion in bestem Sinne nerdig ist. Die Platte entwickelt einen unwiderstehlichen Schub und kulminiert in Stücken, die sich wie Kletten an die Ohrmuscheln hängen. Andere springen einen erst beim zweiten Hören an – dann aber richtig. Immer wieder lugt Dub zwischen den kühnen Fransen hervor, doch das Prädikat der fehlenden Schublade will Stefan Thor auf jeden Fall behalten: “Ich benutze Sounds, die ich mag – Dub, Pop, was auch immer – und versuche, Folie zwischen allen Klassifizierungen hindurchzusteuern.” Nichts soll von der Musik ablenken, weder die Benennung der Stücke (“interne Jokes”) noch die idyllische Landschaft Südschwedens, wo Folie zu Hause ist: “Ich mache keine Musik über irgendetwas. Wollte ich ein Statement machen, würde ich ein Buch schreiben.”

Folie hat mehr mit Dub zu tun, als du zugeben willst.
Stefan Thor: Stimmt. Ich mache ja auch immer diese typische Kopfbewegung, wenn ich meine Stücke anhöre. Manchmal muss ich Sounds rauslöschen, damit es nicht zu dubbig wird. Es wäre supereinfach, jeden Folie-Song in puren Dub zu verwandeln.

Wie würdest du die Dramaturgie von “Eyepennies” beschreiben?
Stefan Thor: Ich mag es, wenn die Hörer mit mir auf eine kleine Reise gehen. Deshalb soll nicht jedes Stück fähnchenschwenkend um Aufmerksamkeit buhlen. Oft sind es ja gerade die zurückhaltenden Tracks, die haften bleiben.

Wie produzierst du?
Stefan Thor: Meist fängt es mit einem interessanten Sound oder einer Bassline an und entwickelt sich dann weiter. Folie-Tracks produzieren fällt mir leicht, vielleicht weil ich keine Regeln festlege, wie sie am Ende klingen sollen. Ich habe 200 Stücke, die aus irgendwelchen Gründen nicht fertig geworden sind. Entweder es funktioniert sofort, oder ich langweile mich.

Ist “Eyepennies” eine Sammlung abstrakter Gemälde?
Stefan Thor: Folie hat auf jeden Fall mehr mit Kunst als mit dem Club zu tun. Ich arbeite gerne mit Kontrasten – Höhen, Tiefen, Schwarz und Weiß –, aber auch mit seltsamen, verdrehten Elementen. Je mehr sweete Sounds ich in einem Song habe, desto größer ist mein Bedürfnis, ihnen etwas Störendes entgegenzusetzen. Das Schöne ist, dass es dem Verstand gelingen kann, sich den Leim vorzustellen, der beides zusammenhält.

Das neue Album wirkt weniger harsch als “Misspass”. Gibt es einen Grund dafür?
Stefan Thor: Eigentlich sollte “Eyepennies” direkt an das erste Album anschließen, aber dann bin ich Vater geworden, das hat mein Leben und meine Musik total verändert. Es hört sich vielleicht lustig an, aber ich möchte, dass es meiner kleinen Tochter Freude macht, diese Platte zu hören.

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Unser Starschnitt des Monats (neue Reihe), diesmal, der erste, aus Schweden: Schweden täuschen nur vor groß und blond zu sein, haben keine offenen Beine, wollen einen aber ins All locken. Zumindest erliegt man dieser touristischen Alternativvorstellung, wenn man Stefan Thor aka Folie lauscht, Unkategorisierbarkeit kann so entrückend sein.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 62

jung oder unbekannt, aber super

Schweden im All (nein, kein Softporno)
Folie

Es gibt nicht viele Platten, deretwegen man die Erde verlassen möchte, vielleicht haben ja alle Aliens offene Beine, ihh, aber Horrovisionen von platzenden Augäpfeln und goafarbenen Galaxien hin oder her, Misspass von Folie kann das. Man möchte seine Klamotten auf einen Stuhl zusammenlegen, als wärs das letzte Mal, legt fein gefaltet alle Vorstellungen von Melodie, Rhythmus, Sounds, was auch immer dazu, wirft einen letzten schrägen Blick drauf, so als hätte man schon vergessen, was es war, und hinein in den Raumanzug und hinaus …
Äh, Moment. Noch mal schnell Email checken. Ich bin nämlich ein lausiger Email-Schreiber, aber Junkie. Wollte er mir nicht ein Bild von sich schicken? Man will doch schließlich wissen, wessenwegen man den Boden unter den Füßen verliert. Nur weil er Stefan Thor heißt, muss das ja nicht gleich ein Grund sein, ihm alles zu glauben (blond, blaue Augen, ach echt?), Schwede ist er aber bestimmt. Nein, kein Bild. Und ein Freund von Andreas Tilliander, sonst wäre dieses anorexische Teddypolygon nicht auf dem Cover seiner CD auf Mitek. Man regelt in Stockholm die Welt nämlich gerne, wie woanders auch, unter Freunden. Mitek ist übrigens das beste Label Schwedens. Wegen Andreas. Und Schweden ist mindestens so weit weg wie das All, offene Beine gibt’s da aber nicht, da würde man im Winter immer an den Laternenpfählen kleben bleiben. Keine offenen Bäume, keine offenen Berge, nein, da ist alles schön dicht.
Folie, das hört man schon am Namen, ist nicht geisteskrank. Er wäre es gerne, aber den Job muss die Musik übernehmen. Diagnose: Unheilbar, aber lassen wir’s erst mal so. Mit der kann man‘s ja machen. Nur wie kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, sonst wollte ich nicht ins All.

Struktur, wenn auch unheilbar

Stefan möchte unkategorisierbare Musik machen. Klar, dass das nicht nach nichts klingt, denn sonst wäre es ordentlich kategorisierbarer Krach. Also muss Struktur her, und die besteht bei ihm aus Sounds. Moment mal, liegen die nicht neben den anderen abgetragenen Weltwirtschaftskrisenklamotten irgendwo weggefaltet. Doch, alles noch da. Es sind also keine Sounds, unkategorisierbare Dings also, denn die sind eher modelliert, so als hätte man sie oft und lange in die Hand genommen, viel dran rumgeknufft, in die richtigen Dimensionen gedrückt, hier noch einen Zipfel dran und fertig ist das verdammte dreidimensionale, über alles hinausragende Ding, das eigentlich in einem ordentlichen Stereoparameter so plastisch aneckend gar nicht vorkommen darf. Aber es ist noch viel mehr als dieses dreidimensionale Ding, denn Mr. Thor will dazu tanzen. (Jetzt kommt der schwierige Part).

Erstens nämlich gehört Stefan Thor zu den Leuten, die jeden zweiten Satz mit einem Smiley beenden, ist also entweder zu gut gelaunt oder kann programmieren. Zweitens weiß er genau, wie man Granularsynthese mit einer Bassline und einer Andeutung von Clicker-Swing versetzen muss, damit aus einem Wabern ein Groove wird, der einem auch noch die Ohren wegrasiert, wenn erst mal die Butterfahrt durch Filterberge in einen Sturzflug übergeht. Drittens würden wir, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, behaupten, dass er als Kleinkind so lange mit jeder neuen Joyrex-EP gefüttert wurde (Folie ist 1 1/2 Jahre alt und der ganze Rest ist definitiv wahr), dass er zwar nie im Leben grade gehen können wird, dafür aber vermutlich durch Wände wabern kann. Und neben all den anderen Gründen, die einem das Zeitgerüst aus den Ohren knabbern, während man versucht, sich die Musik vorzustellen wie eine Tüte voller Chips, die einem irgendeinen merkwürdigen magnetischen Tanz vorführt, nur damit man keins von diesen Knusperdingern erwischt, bekenne ich, dass ich so lange nicht ins All gehe, bis sein neues minimalistisch-technoides (wollten wir da nicht unkategorisierbar?) Projekt “Tosig” (jetzt wird’s dringend mit dem Wörterbuch) da ist. Und was war eigentlich mit “Minimalistic Sweden” von Thor, Tilliander und zwei Schweden, äh, Producern, sollte die nicht im Juni kommen?
Kein Wunder, dass man auf der Welt nicht miteinander klar kommt, wenn man nicht mal ein ordentliches schwedisches Wörterbuch im Netz findet und die Releasepläne der wichtigsten Platten so unverantwortlich rausgezögert werden. Was soll ich meinen Freunden sagen, was dieses Jahr meine Lieblingsplatte war? Ach so, stimmt. Misspass von Folie.

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