Schönheit, Schmerz, Elektrobass
Text: Anton Waldt aus De:Bug 109


Die Liedermacher-Gitarre des Sowjet-Undergrounds und deutscher Techno-Wahnsinn wärmen sich in der mentalen Obdachlosigkeit an großen Liedern: Theaterregisseur Alexej Schipenko und Toktoks Fabian Feyerabendt sind Contemporary Household.

Schipenko und Feyerabendt drehen am ganz großen Rad: Die Songs auf ihrem selbstbenannten Debutalbum als Contemporary-Household zeugen vom unfassbaren Glück und vom üblen Schmutz dieser Welt. Unterstützt durch den Ostberliner-Ethno-Mix aus Nachwende-Elektro-Keller und Sowjet-Parallelgesellschaft wird hier ordentlich Pathos erzeugt, gebrochen und wieder weggeswingt. Fette Synth-Bässe und federnde Drummachines spielen mit der akustischen Gitarre und Schipenkos Stimme, die den englischen Versen alleine durch den gepflegten russischen Akzent eine leicht ungelenke Sperrigkeit verleihen. Einige Stücke tönen in der Gradlinigkeit klassischer Popsongs, manchmal dubbt der Hallraum aber auch ein bisschen ins Delirium, vereinzelt kommen einzelne Spuren ziemlich auf Abwege: Dann sind die vermeintlichen Geigenspuren wirklich Geigenspuren, auf denen ein abgestürzter Konzertmeister der Berliner Philharmoniker zupft und jammert. Klingt ausgedacht, ist es aber nicht: Dimitri Tombassov war ein echtes Sowjet-Wunderkind, das mit 12 seine ersten Solokonzerte gab. Mitte der 90er spielte Tombassov die erste philharmonische Geige, aber irgendwann hatte er das banale Geschwätz im klassischen Betrieb so satt, dass es Geld und Ruhm nicht mehr wert waren.

Jeder brummt
Der Contemporary-Household-Sound kommt aus Fabian Feyerabendts Wohnzimmerstudio, die typische Mischung aus LoFi und High-End, die abgehangenen Setups für elektronische Musik zu eigen ist: Geige, Gesang und Gitarre klingen rau, manchmal hört man deutlich das Nachscheppern einzelner Saiten oder Atemgeräusche des Violinisten. Andererseits sind die traditionellen Sound-Quellen sauber seziert im künstlichen Hallraum platziert, wodurch die konsistenten Stimmungen des zeitgemäßen Haushaltes entstehen. “Wir leben in einer dreckigen Welt mit dreckigen Zutaten, in der jeder brummt”, erklärt Schipenko, “deshalb machen wir Musik im Wohnzimmer, traditionelle Musik, wir sind Penner.” Dass Schipenko Anfang der 90er nach Berlin kam, um für Castorf an der Volksbühne zu inszenieren, und sein Roman “Das Leben Arsenijs” bei Suhrkamp erschien, ist dabei nur vordergründig ein Widerspruch: Teenager-Alarm war zu Breschnews Zeit kein Spaziergang und die lähmenden 80er waren in der UdSSR Andropows besonders zäh, insbesondere für Punks mit Faible für aufmüpfige Gitarrenkost. Als Schipenko 30 ist, fällt der eiserne Vorhang, die Gitarre und das Land haben vorerst ausgedient, erst 15 Jahre später fängt er wieder an Lieder zu schreiben: weil er sich verliebt. Aber auch in den gefühlshochtourigen Songs aus Berlin spiegelt sich unwillkürlich die absurde Tragik der sinnlosen letzten Sowjet-Jahre. In Feyerabendts Mischpult kollidiert die Geschichte schließlich mit der Erfahrung von Ostberlin als Abenteuerspielplatz westdeutscher Taugenichtse, der fröhlichen Umfunktionierung der sozialistischen Ruinen zur Techno-Landschaft. Die Verbindung der diametralen Ostberliner Befindlichkeiten im zeitgemäßen Haushalt erscheint so gar nicht mehr zufällig, sondern folgerichtig und überfällig.

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Elektronische Lebensaspekte.