Zwischen Kerzen und Engeln
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 109


Der Schotte Yorkston kann die Großstadt nicht leiden. Seine Musik würde er trotzdem nie als Folk bezeichnen, dazu nimmt er das Erbe viel zu ernst.

Wenn man mit James Yorkston spricht, denkt man unweigerlich, dass man mitten in seinem Kopf sitzt. Yorkston redet so, wie seine Platte klingt. Zurückhaltend und doch überzeugt, bescheiden und doch nicht schüchtern genug, um seine Sicht der Dinge nicht klar zu machen. Vor allem aber: Es ist nicht nur seine Sicht der Dinge, die “The Year Of The Leopard”, sein aktuelles Album, zu dem macht, was es ist. Vielmehr sind es die Eindrücke des Hörers und dessen spezielle Umgebung, die die Songs erst richtig erblühen lassen. Am Anfang aber steht Yorkston, der sich das alles ausgedacht hat, und dieser Rahmen ist der Ausgangspunkt für eines der wundervollsten Alben dieses Jahres. Und dieser Rahmen geht ungefähr so: Schottland ist nicht England, England ist nicht London und: “Ich glaube nicht, dass meine Musik Folk ist.”

Langeweile in Schottland
Fife … ein verlassenes Nest in Schottland. Hier ist Yorkston aufgewachsen. Mit wenig Menschen, ein paar Kumpels, die alle Musik machten, und einer Punk-Band. “Natürlich habe ich Folk im Blut, Schotten sind sehr stolz auf ihre traditionellen Songs, aber als Jugendlicher interessiert dich das nicht, es ist die klassische Geschichte. Du hörst John Peel und spielst in einer Punk-Band.” Das, so sagt er, habe er viel zu lange gemacht. Rebellion ja, Punk aber hatte sich für ihn schnell überlebt, nur um des Sängers willen blieb er in der Band. “Er hatte immer große Pläne.” Für zwei Jahre studierte er dann an der Universität von Belfast Musik, entfloh dem Punk und der ländlichen Einöde. “Nach der Uni wollte ich etwas Ernsthaftes machen. Mein Ziel war, in dieser Zeit Songs aufzunehmen, um mir selber zu beweisen, dass ich auch andere Musik machen kann. Danach sollte alles vorbei sein. Ich schickte ein Tape an John Peel, er spielte es, Plattenfirmen riefen an, schließlich Domino. Nun verdiene ich mit Musik mein Geld.” Wie es sich für Studenten gehört, fuhr er Weihnachten nach Hause und jammte mit seinen alten Freunden. Die nannten sich mittlerweile “Fence Collective” und vergraulten mit ihrer Mischung aus Folk und ihren eigenen Songs bei Konzerten in der örtlichen Kirche die Touristen. Heute ist dieses Kollektiv seine Band.

Gepunktete Hemden und Joanna Newsom
Yorkston sagt, es hätte gerade angefangen zu regnen in Edinburgh, seiner derzeitigen Heimat. Bald will er wieder zurück nach Fife ziehen, für die Stadt sei er nicht gemacht. “London bringt mich um, Edinburgh ist ok.” In London reden alle über Folk. Yorkston profitiert davon, aber diese neuen Künstler … die machten nun wirklich keinen Folk, er selbst inklusive. “Ich bin Schotte. Folk sind für mich die Traditionals. Joanna Newsom? Die macht einfach Musik, genau wie ich.”

Während es in Schottland regnet, liegen Yorkstons drei Alben vor mir. Nummer eins produziert von Simon Raymonde von den Cocteau Twins (“Ich traf ihn in einem Café und mochte sein schwarzes Hemd mit den roten Punkten. Er hat das immer noch.”), Nummer zwei von Kieran Hebden (“Ich mag Four Tet.”) und schließlich Nummer drei, “The Year Of The Leopard”, produziert von Paul Webb von Talk Talk, sein bestes Album bislang, mit großen Songs und Lyrics, die einem so nahe gehen, dass man sie einfach auswendig lernen will. “Die Demos waren fertig und ich wollte selbst produzieren. Das fand die Plattenfirma nicht gut und eines Tages bekam ich eine SMS von Domino, ich solle mir unbedingt das Album von Beth Gibbons kaufen. Das tat ich und fand es großartig. Also produzierten wir mit Paul Webb.”

Es ist eine dieser Anything-Goes-Platten. Yorkstons Songs fallen auf Akustikgitarren, Streicher, Orgeln, sogar sanfte Elektronika-Sounds. “Auf dem zweiten Album hatten wir uns klare Grenzen gesteckt. Sehr traditionell instrumentiert, keine Ausbrüche, alles sollte sehr klassisch klingen. Ich weiß, dass das blöd klingt, aber das einzige Limit, das ich mir für die neue Platte setze, war, dass es keine Limits geben sollte. Die Songs sollten so gut wie möglich umgesetzt werden, egal mit welchen Mitteln. Ist es mir geglückt? Ich hoffe …”

Dann erzählt Yorkston doch noch über Folk, von lokalen Größen, die es nie auf Platte geschafft haben, in den entlegenen Landstrichen aber Legenden sind. “Ich hoffe, das dieser Folk-Hype dazu führt, dass die alten Platten wieder entdeckt werden, dass sich die jungen Leute auf die Suche machen nach dem Ursprung dessen, was in den Zeitungen gerade gefeiert wird. Darum geht es doch. Nicht der Hype zählt, sondern das musikalische Erbe.”

Egal ob Folk oder nicht … “The Year Of The Leopard” ist unerreicht gutes Songwriting, nah am Herzen aufgenommen, so warm, als wären alle Mikrofone Kerzen und Engel die besseren Musiker. Mittendrin sitzt Yorkston und lächelt.

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Elektronische Lebensaspekte.