Frei auf engem Raum
Text: Philip Ketzel aus De:Bug 109


Früher war sie die Stimme des TripHop-Projektes Lamb, das Kruder & Dorfmeister zu ihrem besten Remix animiert hat. Doch die Zeiten mit Partner Andrew Barlow sind längst vorbei. Jetzt sucht Lou Rhodes nach der Einfachheit im akustischen Lied und im ländlichen Leben.

Das Leben braucht Natur, denn die Welt ist am Arsch. Louise Rhodes hat ihre Kindheit zwischen Bandproben und Folkclubs nicht vergessen und kehrt nun zu ihren Hippiewurzeln zurück. Sie war die Stimme von “Lamb”, dem TripHop und Drum and Bass Projekt mit Produzent Andrew Barlow, das nach vier Alben letzes Jahr auf Eis gelegt wurde. Auf ihrem Solodebut “Beloved One” hat sie sich von der Elektronik abgewendet. Reduziert auf ihre Stimme und Gitarren, verarbeitet sie ein Leben zwischen der alternativen Kommune “Ridge Farm”, einer Mutter, die in Folk-Kreisen schon lange ein Begriff ist, und der Erkenntnis, nicht länger allein sein zu wollen.

Wenn man die Entwicklung der Lamb-Alben mit “Beloved One” vergleicht, so könnte man glauben, dass dein musikalischer Einfluss bei Lamb aufgrund der prägnanter werdenden typischen Songstrukturen zum Ende hin immer stärker geworden ist.

Das ist lustig. Schon eine Menge Leute haben das gesagt, aber eigentlich war ich diejenige, die ziehmlich oft gesagt hat: “Nein, das ist viel zu glatt.” Es gab halt Momente, als Andy meinte, los, lass mal was machen, das man auch im Radio spielen könnte. Außerdem ist es einfach zu behaupten, ich repräsentiere die eine und er die andere Seite … das ist selten so. Gut, da gab es schon dieses Hin und Her, was aber eher durch unseren musikalischen Hintergrund und unsere Persönlichkeit bestimmt wurde. Wir waren wie Bruder und Schwester im Streit um die Kontrolle. Andy mochte lustigerweise Songs überhaupt nicht, als wir Lamb gründeten. Erst wollte er gar nicht mit einer Sängerin zusammenarbeiten, sah aber darin dann die Möglichkeit, seine Musik zugänglicher zu machen. Also war das Schwierigste, meine Songs oder Vocals wie ein anderes Instrument zu benutzen und sich davon inspirieren zu lassen. Mit dem Voranschreiten der Alben hörte er aber vermehrt Nick Drake und Songs generell, so dass seine erste Bemerkung zu “Beloved One” war:
“Ich würde die Vocals noch ein bisschen lauter machen.” Jetzt arbeitet er sogar an einem neuen Projekt und schreibt die Lieder dafür.

War Lamb dann ein notwendiger Schritt für dich, um deinen eigenen Sound im Folk finden?

Man durchlebt eben verschiedene Phasen im Leben. Der Drang, Lamb gründen zu wollen, war dadurch bedingt, in Manchester zu leben und Piratenradios zu hören. Es war der Beginn der Breakbeat-Ära. Ich hab zu Zeiten des Acid House in der Hacienda gefeiert, die Piratenradios haben diese richtig experimentelle Breakbeatmusik gespielt und das war einfach etwas, mit dem ich experimentieren wollte. Ich mochte die Idee, verschiedene Stile zu mischen und meine richtigen Lieder mit wirklich zerhackten Beats zu kombinieren. Dieser Konflikt war sehr spannend für mich und deshalb ging ich auch auf Andy zu. Damals wollte ich noch kein Akustik-Album schreiben. Und jetzt, zehn Jahre später, erkenne ich, dass ich mir Einfachheit wünsche und die Maschinen aus dem Weg haben will. Ich sehnte mich einfach danach, mein eigenes Ding zu machen. Ich musste aus der Situation, in der ich mich befand, raus. Meine Beziehung zum Vater meiner Kinder brach zusammen und ich musste einfach raus.

Und der Zivilisation den Rücken zu kehren oder zurück zur Natur schien dafür das Beste zu sein?

Ja, danach hab ich mich schon lange gesehnt. Ich mochte es, im Sommer auf den Festivals im Wohnmobil zu leben, und als ich dann zurück in die Stadt kam, bemerkte ich plötzlich, wie beengend es da ist. Jetzt brauche ich das Ländliche, um das Gefühl zu haben, richtig atmen zu können. Versteh mich nicht falsch. Ich mag es schon sehr, in die Stadt zu kommen und all ihre Möglichkeiten zu nutzen, aber ich halte das nur für eine gewisse Zeit aus und dann muss ich mich wieder erden.

Was ist denn so besonders an der Ridge Farm, dass du dich dort besser wahrnehmen kannst?

Es war die Offenheit. Ich kam mit meinen zwei Kindern dort an und wir waren sofort ein Teil der Gemeinschaft. Dadurch bekam ich den benötigten Freiraum und gleichzeitig die Unterstüzung von anderen Menschen. Ich konnte ich selbst sein und mich dadurch wieder finden.
Ich fand heraus, wie wichtig es ist, eng mit anderen zusammenzuleben, auch wenn es mir mal nicht passte. Diese Herausforderung war sehr wichtig und wird mit der Zeit immer wichtiger. Ich hätte niemals gedacht, dass meine Selbstfindung eine Weiterentwicklung bezüglich so vieler Aspekte forderte.

Es entdecken ja gerade viele Musiker die akustische Musik für sich wieder. Ist das gegenüber Elektronika interessanter und innovativer geworden?

Ein guter Song ist ein guter Song, egal in welchem Kontext und mit welcher Begleitung. Songs zu schreiben, die herausstechen und Leute bewegen können, daran glaube ich. Es gibt keine “bessere Methode”, nur die, die sich richtig anfühlt. Mein Kopf ist beim Musizieren nicht so stark involviert wie die Gefühle, deshalb ist es auch sinnlos zu sagen, was man als nächstes oder in fünf Jahren machen will. Momentan ist es halt akustische Musik, die sich für mich richtig anfühlt, weil sie organisch, wahr und sehr natürlich ist. Außerdem kann ich hier in Berlin einfach nur mit zwei Gitarren auftauchen und eine Show machen, ohne den ganzen Technologiekram, und einfach nur Lieder singen.

Das Folk-Revival wird begleitet von einer neuen Welle des alternativen Lifestyles bzw. der Rückkehr zur Natur, ist das nur ein Trend wie in den 60ern oder eine tiefreichende Bewegung?

Dieses Mal ist es ernst, eine Notwendigkeit, denn die Welt ist am Arsch und es wird eher schlimmer. Zu Hause schaue ich nie Fernsehen und wenn mal, dann im Hotel, dann gibt es nur irgendwelche Shows, wo du anrufen und 10.000 € gewinnen kannst. Das soll Unterhaltung sein? Diese ganze Massenkultur wird immer verrückter, Reality TV, Big Brother, all diese Casting-Shows, man wird berühmt für seine Titten und ein- oder zweimal im Fernsehn gewesen zu sein. Diese Art der alternativen Kultur ist einfach eine starke Antwort darauf. Es ist wie: “Gebt mir was Echtes, Herrgottnochmal.” Wir müssen eben etwas tun, bevor es uns umbringt. Und heutzutage auf dem Land zu leben, bedeutet nicht, das aufgeben zu müssen, was man tut, und das ist sehr wichtig. Wir steuern auf eine globale Krise zu und ein Leben in der Gemeinschaft wird mehr und mehr ein Existenz-Model.

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Elektronische Lebensaspekte.