Melancholisch in Texas
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 109


Der sympathische Hundefreund Hinson hat eins der besten Alben des Jahres aufgenommen. Irgendwo zwischen einem jungen Tom Waits und dem späten Johnny Cash lässt Hinson die Sonne untergehen. Kompromisse waren gestern.

Vom Jammertal zum Platz an der Sonne und wieder zurück – eine dunkle Version von Gospel, die Micah Paul Hinson, der junge Songwriter aus Abilene/Texas, stimmgewaltig zelebriert. Der Überschwang eines Buddies brach ihm vor einem Jahr fast die Wirbelsäule, weswegen das neue, nunmehr dritte Album unter dem Einfluss heftiger Schmerzen und lindernder Medikation zustande kam. Und mit Hilfe einer Begleitband, “The Opera Circuit”, die gemeinsam mit dem Rekonvaleszenten ergreifende Songs ans Licht holte. Jesses, wie das losgeht, mit den texanischen Grillen, der Gitarre, der Bluesharp und dem gebeutelten Bass in der Stimme … die Band gibt alles, und wir sind dabei.

Wie bist du so als Bandleader?

Das Schöne an Musik ist der Raum für persönliche Freiheit. Wenn ich wollte, dass alle Mitspieler so klingen wie ich, würde ich alles alleine machen. Ich sage ihnen immer, sie sollen spielen, was sie am besten können, und einfach sie selber sein. Als wir uns trafen, um für den europäischen Teil meiner Tour zu proben, stellte ich fest, dass ich die Stringparts, die Eric Bachmann (Archers Of Loaf, Barry Black, Crooked Fingers) geschrieben hat, in Amerika vergessen hatte, deswegen ging es in diesem Fall auch gar nicht anders …

Und magst du Opern?

Bin kein großer Fan, aber nur, weil ich keine Ahnung davon habe. Ich hab mir irgendwann mal Carmen gekauft, auf Vinyl für einen Dollar, aber nur weil Charles Bukowski darüber geschrieben hat.

Siehst du dich als Teil des derzeitigen Folk Revivals?

Ich denke schon. Zwar habe ich mich nie hingesetzt und gedacht, “Ich will ein Folkmusiker sein”. Akustikgitarren waren mir immer ein Greuel, ruhige Musik auch, aber eines Tages habe ich damit angefangen. Trotzdem, keine Ahnung, was “Folk” ist, oder wer – Bright Eyes? Devendra Banhart? Die sind es wohl beide nicht, eigentlich trägt niemand diese Fackel. Im Moment ist das einfach nur eine populäre Schublade, die bald verschwinden wird, dann sehen wir weiter. Vielleicht müssen wir ja bald Rap-Platten machen, oder repetitive Beats unter die Songs legen … Christ, save us all.

Welcher Song hat sich am meisten verändert, seit du auf Tour bist?

“Drift off to sleep” – auf dem Album klingt er süß und leise, auf der Bühne hat er sich in ein wildes, ziemlich marodes Surfmonster verwandelt.

Ist deine Musik ein Statement gegen Technik-Overkill?

Dio mio, da bin mir nicht sicher. Jedenfalls glaube ich nicht an Produzenten oder Tontechniker. Ich finde es auch bescheuert, Riesensummen in die Produktion eines Albums zu stecken. “The Gospel Of Progress”, meine erste Platte, hat 2000 $ gekostet, während Freunde von mir 100.000 $ auf der Rechnung hatten. Vielleicht muss ich meine Einstellung irgendwann ändern, aber am liebsten mache ich Platten zu Hause oder wo immer ich mich aufhalte, nur nicht in einem überteuerten Studio. Musik ist für das Leben, die Liebe und den Hass, und nicht für Kohle, Ruhm und Drogen.

Warum ist Abilene, deine Heimatstadt, immer noch der perfekte Ort für dich und deine Musik?

Einfach deswegen, weil nichts los ist – wenig Verkehr, keine ruppigen Leute. Man kommt überall schnell und einfach hin. Es gibt nette Spelunken, in einer davon hängt der Opera Circuit ab. Der Kopf wird mit allem beschäftigt, nur nicht mit dem, was man will. Trotzdem, ein schöner Ort, um Musik zu machen. Ich bin dort aufgewachsen, meine Freunde leben da, deswegen hat Abilene, obwohl es ein Drecksloch ist, einen Platz in meinem Herzen. Im Moment bin ich ja auch selten da, fahre in der Weltgeschichte rum, ein seltsames Leben. Aber man muss sich einfach opfern für die Götter der Musik.

Ist es schwierig, einen glücklichen Lovesong zu schreiben?

Schwierig, aber nicht unmöglich. Viele meiner Lovesongs – eigentlich sind ja fast alle welche – haben eine Spur von Freude, zumindest ein Fünkchen Licht. Liebe ist eine tolle Sache, im Guten wie im Schlechten: Sie kann dich auf Flügeln tragen, aber auch ins Meer dreschen.

Vielleicht eine komische Frage, aber wie geht es deinem Hund? Musiker mit Haustier stehen unter Einfluss, würdest du zustimmen?

Danke der Nachfrage, aber mein Hund ist weg und ich habe ein schlechtes Gewissen. Vor langer Zeit habe ich ihn zusammen mit meiner damaligen Freundin gekauft – ein kleiner Hund mit einem Herz aus Gold. Als meine Musik in England plötzlich so abging, wurde es schwierig. Es gab zu Hause immer Stunk mit dem alten Köter meiner Freunde, meine Mum rief mich dann in Manchester an und gestand mir, dass sie ihn weggegeben haben. Es macht mich immer noch sehr traurig, dass ich ihn sitzen gelassen habe. Wenigstens ist er auf einer meiner Plattenhüllen verewigt.

Wie geht es nach deiner Tour weiter?

Mit neuen Songs, ich will keine lange Pause bis zum nächsten Album. Parallel dazu arbeite ich mit meiner Band The Late Cord an einer neuen Platte für 4AD und mache Musik für einen Dokumentarfilm über einen italienischen Mann, der zwölf Jahre in einer verlassenen Schule in New York gehaust hat. Außerdem kommt bald eine Single auf Spanisch raus. Work, work, work, das ist mein Leben.

“When you sleep, what do you see”? Eine Frage aus einem Song, ich stelle sie dem Interpreten.

Da gibt es diesen einen Traum, der immer wiederkommt: Ich stehe in einer Kirche, um zu heiraten, mit Richard Hawley als Hochzeitsband. Ich habe ihn noch nicht fertig geträumt, und deswegen auch nicht gesehen, wen ich am Ende heirate. Oft schlafe ich nicht lange genug, um zu träumen – die ganze Bewegung in meinem Leben macht mich einfach schwindelig.

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Elektronische Lebensaspekte.