Locker, cool, universell
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 109


Folk heißt in Frankreich Chanson. Der entwickelte sich aus dem Akkordeongequetsche in den Hafenkneipen. Von dort setzte auch Disco zum Siegeszug an, als Matrosen aus Übersee Plattenspieler mitbrachten und damit zum Tanz aufspielten. Der “Air”-Busenfreund Sebastien Tellier verbindet diese beiden pittoresken Stränge mit der Zigarette in der Nase.

Franzosen haben im Gegensatz zu uns Deutschen ja eine eigene Musikkultur, die man auch ernst nehmen kann. Wir bekommen auf den “Le Pop“-Samplern einen Eindruck davon. Dominique A, Mathieu Boogaerts und Camille sind nur einige von vielen Singer-Songwritern, die die eigene Musiktradition aus schlauem Chanson im Stile Gainsbourgs aufnehmen und weiterführen. Sie bleiben allerdings meist im Rückblick begriffen und schlagen nicht allzu sehr über die Strenge.

Und dann gibt es noch die andere Stilvariante. Aus dem, was man in den 90ern French House nannte, sind so verschiedene Bands wie Air, Daft Punk und Phoenix hervorgegangen. Statt bettwarmem Herzschmerz auf der Parkbank in Montmartre wird hier viel Wert auf Produktion gelegt. Es werden weniger Worte gemacht und der Beat ins Zentrum gestellt. Eigentlich geht es genauso um Liebe und Zartheit, nur wird das in einem Gewand transportiert, das entschieden schicker wummst.

Vielleicht ist das alles auch doch nicht so einfach. Sebastien Tellier macht aber genau diesen Bruch klar. Der Multiinstrumentalist ist zwar sein eigener Songwriter, aber überhaupt kein Chansonnier. Er verneigt sich vor den großen französischen Musikern, nimmt sich jedoch kein bisschen ernst. Eigentlich ist Tellier genau die Mischung aus Robert Wyatt, dem Sänger von Soft Machine zu der Zeit seines Albums “Rock Bottom“, und Pharrell Williams.

Sebastien Tellier kennt man vielleicht am dringendsten durch das Lied “Fantino“. Dies bildet zusammen mit den Beiträgen von Kevin Shields das prägende Moment im Soundtrack zu Sofia Coppolas Film “Lost in Translation“.

Es klingt sehr nach Air. Die gleiche Sommerleichtigkeit in samtweiche Schwermut geschnöselt. Das Gefühl, sich selbst zu genau zu kennen, so dass es beim Blick in den Spiegel schmerzt. Aber nicht so stechend, sondern eher warm, langsam und nachhängend. Eigentlich tut es gar nicht richtig weh. Man fühlt sich mit der Zeit recht wohl damit. Und gleichzeitig ist man gerne auch verloren und ganz weit weg von allem.
So hört sich das an. Und solche Lieder, bei denen man nicht weiß, ob sie von Glück handeln oder von Traurigkeit, bleiben Telliers Ding, auch auf seinem neuen Album mit dem schüchternen Namen “Universe“.

Das Album ist eine Art Compilation. Eine Zusammenstellung von dem Album “Sessions“, das nur in Frankreich released wurde, neu bearbeiteten Songs, zwei wunderbaren Versionen von “La Ritournelle“, dem Tellier-Stück überhaupt, und einigen, die er für den französischen Film “Narcot“ gemacht hat.

Filmmusik liegt Tellier. Er mag es, für einen bestimmten, schon vorher festgelegten Ort zu produzieren. Viele Stücke sind ohne Gesang. Und doch tapsen sie nie in die Soundtrack-Falle, wo die Lieder nur schnipselweise funktionieren, praktisch für die Filmszene gemacht und der Pianolauf, auf gefühlte zwölf Minuten gestreckt, bestürzend langweilig ist.

Denkt man an den sehr bärtigen, sehr langhaarigen und sehr verschmitzt lächelnden Tellier, der Kette raucht und auch sonst das Klischee des französischen Romantikers auf die charmanteste Art bestätigt, kommt man nicht so schnell auf Quentin Dupieux aka Mr Oizo. Doch auch für dessen ersten Film, der den genialen Titel “Non Film” trägt, hat er die Musik geschrieben, ebenso für den zweiten, nächstes Jahr erscheinenden Langfilm “Steak”, in dem Tellier auch seine erste Filmrolle spielt.

Von dem Film erwartet man natürlich eine gewisse Albernheit. Wenn man ein Konzert von Tellier besucht, weiß man, dass genau da seine Stärken und also auch die Schnittstelle zu Oizo liegt.

French Quatsch
Franzosen mögen ja so Fragen, in denen sie ihre eigene Welt beschreiben können. Wie sieht das da aus, wo alles selbst eingerichtet ist. Und ist ja auch interessant. Wie lebst du eigentlich, du Musiker? “Zwei Dinge sind wichtig für mich, um die kreist eigentlich alles andere: meine Musik. Und meine Freundin. Wenn ich keine Musik mache, möchte ich mit meiner Freundin zusammen sein, das ist meine liebste Aufgabe.“

Man muss ja auch gar nicht über so schwierige Dinge sprechen. Wer will denn immer über Konzepte, Stile, Abgrenzungsgrade und Produktionstechniken fabulieren?

“Ich lebe wohl so etwas wie ein romantisches Leben. Ein schönes Appartement in Paris, ich komponiere Musik, manchmal für Filme. Das ist recht einfach. Und macht auch großen Spaß. Ich toure durch die Welt, um meine Musik vorzuspielen. Für mich ist das perfekt.“

Aber wie ist das nun mit der französischen Musik?

Also, das ist sehr schwierig. Ich mag im Grunde französische Popmusik nicht sehr gerne. Sie scheint mir zu klischeehaft und alt. Klar, du hast den Serge Gainsbourg, der war genial. Gut. Aber der war einfach zu gut, um ihm nachzueifern. Und das machen einfach viel zu viele.

Nun gibt es auch noch diese andere Variante …

Französische Popmusik bedeutet die Verbindung aus früher britischer Musik, wie den Beatles, und Musik aus dem Amerika der 70er, BeeGees, Disco, Tralala. Der Sound aus den USA ist sehr warm und vermischt sich mit dem sentimentalen, kopflastigen Stil, wie bei den Beatles, und wird etwas traurig und nostalgisch. Da haben wir den French Touch. Wenn du dir Francois De Roubaix anhörst, das fasst das sehr gut zusammen, wundervolle Musik. In den 60ern begann man mit elektronischen Synthesizern rumzuspielen, das spielt da noch herein.

Jupiter 4
In der Mitte von Universe gibt es mit “Le Long De La Rivière Tendre“ ein grandioses und regelrecht exemplarisches Lied. Sehr lockerer Basslauf. Muss man sich vorstellen: Autofahrt, cooles Licht, cooler Typ, Ziegi am Zichten, heiße Biene auf dem Beifahrersitz. Sie sagen nicht viel, macht aber gehörig Sinn alles und so ein beruhigendes Gefühl. Dann kommt aber dieser total schräge, mit dem Synthesizer Jupiter 4 eingespielte Loop. Erinnert an die bombastischen, kranken Kiss-Gitarren-Zitate von Daft Punk, webt sich ein, zerstört eigentlich alles, der Song ist jedoch nach wenigen Sekunden ohne nicht mehr vorstellbar. Dem flockigen Bild von vorher wird der pinke Farbfilter drübergehängt und Roger Rabbit, der alte vergessene Hase in Baggys, kommt aus dem Aschenbecher geklettert, den Witz schon auf den Lippen.

Hört man Universe, könnte man zuerst darauf kommen, es sei völlig unironischer, sehr gut gemachter, schön und klassisch klingender Pop. Dann geht man auf das Konzert und erlebt einen Witze erzählenden Piano-Clown, der das erste Lied des Abends immer mit Zigarette in der Nase spielt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.