Sonar Kollektiv fällt vom Ast
Text: Jan Joswig aus De:Bug 109


Rare Groove hatte schon immer ein Bein im Folk, man denke nur an Minnie Riperton. Kein Wunder, dass das Sonar Kollektiv mit seinen Projekten Secret Love und Thief mit beiden Beinen in den Folk springt.

Was lange reift, fällt manchmal genau im richtigen Moment vom Ast. Drei Jahre sitzen die Sonar-Kollektiv-Produzenten Extended Spirit und Sänger und Gitarrist Sascha Gottschalk schon an ihrem Folk-inspirierten Projekt “Thief“. Wenn im nächsten Frühjahr das Album erscheint, dann genau nach dem Weihnachtsfest, zu dem sich auch der Letzte eine Akustikgitarre statt Fruity Loops gewünscht hat. Die Hype-Themen der Saison sind Körperlichkeit (vom Bear Movement bis Hollywood-Porn) und Folk. Coco Rosie fügen beides zusammen. Aber mit der verschrobenen Exzentrik des Antifolk hat Thief nichts zu tun. Das Sonar Kollektiv sucht weiterhin die verbindliche Eleganz im jazzigen Groove, nur eben mit Thief im akustischen Setting.
Um den Rahmen für Thief zu skizzieren, zeigen Alex Barck von Extended Spirit und René “Resoul“ Röder vom Berliner Rare-Groove-Liebhaberladen “Soultrade“ mit der Compilation-Reihe “Secret Love“ seit drei Ausgaben, für welches Folk-Segment sie sich verantwortlich fühlen.

Alex Barck: René war der Freund einer Klassenkameradin von mir. Er hatte damals zu Ostzeiten schon eine beträchtliche Plattensammlung. Er hat mir Sachen vorgespielt, das war Sample-orientiert, Jazz und Soul. René hat HipHop gehört, ich eher The Smiths und Morrissey.

René: Wir waren 15, 16. Ich habe 86 eine HipHop-Crew gegründet, die “Downtown Lyrics“. Wir haben das erste Stereo-MCs-Konzert im Osten supportet. Aus der Folgegruppe sind Extended Spirit entstanden, das Jazzanova-Team, so hängt das zusammen.

Alex: Es ging immer um alte Musik. Aber Folk an sich war kein Begriff.

René: Mir sagte das als Begriff auch nichts. Es gab nur interessante Musik. Wir haben Ende der 80er angefangen, nach Sample-Quellen zu suchen, nach obskuren. Begonnen haben wir mit Acid Jazz. Da waren Sachen dabei, die in die Folk-Richtung gingen, Barbara & Ernie zum Beispiel.

Debug: Das waren aber immer Groove-ausgerichtete Sachen, nichts, was man Liedermacher nennen könnte?

René: Das kam erst Mitte der 90er, als wir Jürgen Knobloch von Jazzanova trafen. Er hat Tapes gemacht. Da habe ich das erste Mal Sachen gehört, die nichts mit Groove zu tun hatten, fast Freejazz-artig. Es waren zum Teil deutsche Jazzsachen. Oder auch Dancers Inferno oder “Placebo“ von Marc Moulin …

Alex: … der später Telex gemacht hat. Sein Jazzrock vorher war in Rare-Groove-Kreisen sehr geschätzt. Du konntest es spielen und die Leute dachten, es wäre die neue DJ Shadow, weil die Beats brutal weit vorne waren.

René: Es klang wie TripHop. Über Jürgen bin ich auch auf akustischere Sachen wie Ellen McIlwaine gestoßen. War ein bisschen schräg …

Alex: Mich hat damals Brasil-Musik in diese Richtung gebracht. Alle haben die obvious Bossa-Dinger aufgelegt, ich habe richtige folkige Brasiltunes gesucht, ich bin eher ein weichgespülter Hörer. Lo Borges, Milton Nascimento. Jürgen war schon damals der Ober-Brasil-Checker, ich habe mir immer seine Platten mitgenommen und überspielt. So entsteht über die Zeit ein Feeling für die entsprechende Musik, die wir jetzt folky nennen.

Debug: War es wegen des HipHop-Hintergrundes wichtig, dass die Sachen aus einem afroamerikanischen Hintergrund kamen?

René: Nie, niemals. Wir haben auch gerade nach Sachen aus dem Ostblock gesucht, die spätere Theo Schumann Combo. Klaus Lenz. Wir haben alle den Gerd-Michaelis-Chor geliebt …

Debug: Interessiert euch überhaupt der ungroovige Folk wie Joanna Newsom oder Devendra Benhart?

Alex: Bedingt. Wir machen einen Schritt weg von der Verantwortung. Wir befolgen keine akribisch archivarischen Regeln. Wir stellen eher eine Lieblingskassette zusammen. Ursprünglich wollten wir eine Compilation mit alten Sachen machen. Das gestaltete sich sehr schwierig. Die Typen haben damals ihre Rechte für den nächsten Schuss – was weiß ich – verkauft. Es ist sehr unübersichtlich, wo die Rechte bei alten Folk-Sachen liegen. Da sind wir aber dran, nächstes Jahr wird’s die Compilation geben.
Bei der ersten Secret Love gibt es deshalb viele neue Sachen, die alt klingen, 4 Heros “Les Fleurs“ zum Beispiel. Wir wollten den alten Folk-Vibe einfangen.

Debug: Mit welchen Adjektiven würdet ihr euer Folk-Segment beschreiben?

Alex: Auf jeden Fall ist es melodiös, hat immer Song-Struktur, klassisches Songwriting, bricht nie zu sehr in komische Gefilde aus.

Debug: Also kein Coco-Rosie-Stück …

Alex: Von denen gibt es sogar ein paar … Es fliegen auch immer viele Sachen bei uns rum. ”Piece for Piece“ von Dalschaert zum Beispiel ist eine klassische Demo-Zusendung. Ich höre rein und denke: Das ist es. Oder Pola, das sind Bekannte von unseren Nachbarn, die eigentlich Theatermusik machen. Das Schöne an Secret Love ist, dass es so ungezwungen daherkommt. Das Schlimme ist, dass man dem wieder einen Namen geben muss … Ich wusste, dass Leute sagen würden: He, das ist doch nicht Folk.

Debug: Könnt ihr eine typische, eindeutige Folk-Platte nennen?

René: John Martyns “Solid Air“.

Alex: Andere würden das schon wieder “Downer-Rock“ nennen. Ich würde sagen: Nick Drake. Obwohl, das ist vielleicht zu durcharrangiert, fast Pop.

Debug: Ihr seid UK-ausgerichtet?

René: Hm, Christine Harwood, auch englisch … Best Of Friends, das sind Brasilianer, produziert von Deodato.

Debug: Und die wichtige Phase beginnt in den 60ern. Ihr geht nicht weiter zurück, keine Field Recordings?

Alex: Nicht bis zu Folkways, nein. Das Gute an Folk ist, es ist übergreifend. Man kann es jedem vorspielen. Obwohl es was Schlimmes hat, wenn ich sage, dass es meine Mutter auch gut finden könnte. Aber wir wollen, dass ganz normale Leute sagen: Ah, das ist aber schön.

Debug: Ist Folk für euch an bestimmte Instrumentierung gebunden, schließt Elektrifizierung Folk aus?

Alex: Überhaupt nicht. Es ist das Songwriting und ein Vibe. Auch ein komplett elektronisches Stück kann einen folky berühren. Ich finde es fast interessanter, wenn Leute Folk mit elektronischen Instrumenten machen. Das habe ich versucht, auf der zweiten Secret Love zu zeigen. Es geht nicht um die Klischeeinstrumente Gitarre, Strings, Besen.

René: Tunng kriegen das richtig gut hin.

Debug: Wie erklärt ihr euch das aktuelle Interesse an allem, was Folk genannt wird?

Alex: Es gibt ein größeres Interesse an handgemachter Musik. Dieser ganze DJ-Elektronik-Sequenzer-Overhype war auch ganz schön dolle die letzten Jahre. Es geht ja alles in Wellen. Das hängt davon ab, wie alt man ist. Wir sind in Elternhäusern großgeworden, da standen Elvis, Beatles …

Debug: Andreas Vollenweider stand da.

Alex: Oh – obwohl, auch schön, ich habe da auch zwei Platten.

René: In England gibt es gerade ein Re-Edit von einem Vollenweider-Brasilstück. Das legt im Moment jeder auf. Auf der A-Seite ist “The Beach“ von Chris Rea, auf der B-Seite “Brasil Girl“ (oder so) von Vollenweider. Da gibt es keine Grenzen.

Alex: … also wegen der Wellen: Wir sind ein Stück weit einen gemeinsamen Weg gegangen, wurden mit Oldschool-HipHop sozialisiert, dann The Smiths, Housemartins, über Happy Mondays in die Clubmusik reingeschwabbt. Leute einer Generation sind gleichen Umweltverhältnissen ausgesetzt. Wer sich Anfang der 90er Paul van Dyk in der Turbine angehört hat, das ganze Clubprogramm mitgenommen hat, der ist geprägt. Koze hat vor kurzem gesagt: “Komisch, ich lege Techno auf, und alle Tänzer sind über dreißig.“ Oder meine Frau, sie ist Lehrerin, wurde von ihren Schülern am letzten Tag gefragt: “He, Frau Barck, was hören Sie denn für Musik? Lassen Sie uns raten: Techno oder Klassik.“ Da tritt eine neue Generation an, die nur R&B und Rock hört.

Debug: Wenn man als Techno-Thirty-Something nicht-elektronische Musik hören will, kommt man bestimmt nicht zu einem breitbeinigen Rock-Gestus zurück.

Alex: Nein. Das geht nicht. Zum Secret-Love-Ding gehört eine Club-Sensibilisierung, die stattgefunden haben muss. Selbst diese Warmduscher-Stücke werden mit einem Club-Ohr wahrgenommen.

Debug: An das Thief-Projekt geht ihr mit dem gleichen Ohr ran?

Alex: Thief ist Extended Spirit plus ein ganz alter Freund von mir, mit dem ich seit der zweiten Klasse zur Schule ging, Sascha Gottschalk. Wir haben uns nach Mauerfall in Berlin wieder getroffen. Auf der ersten Sonar-Kollektiv-Compilation war ein Track von ihm drauf, damals hieß seine Band noch “Moon“, es war ein Shadow-artiger Tune. Stefan Leisering programmiert alles mit Plastikinstrumenten vor, die Beats sind immer programmiert. Alles, was aus dem Synthie schlecht klingt, Horns, Bass, Strings, Gitarre, wird im Studio von Musikern ersetzt. Die kommen rein, spielen ihre Parts, werden bezahlt und gehen wieder.

Debug: Der Zusammenspielaspekt als Band interessiert euch also nicht?

Alex: Doch, die Drei-Mann-Band um Sascha spielt live, aber bei der Produktion haben sie nichts zu tun. Sie spielen die rockigere Trio-Version. Sascha kommt mit dem originalen Song als Demo ins Studio. Er ist Rocker, wir sind die Jazz-Fuzzis, also suchen wir nach der Schnittstelle, die für beide Seiten Sinn macht: Nick Drake, Beach Boys, Radiohead … Die alten Sachen sind für unser Feeling wichtiger als die neuen, die wir auf Secret Love versammeln. Das Thief-Album wird ein Jazzanova-Album mit ganz neuem Feeling, veredelt durch Saschas Stimme und Songwriting.

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Elektronische Lebensaspekte.