Hüftkreisen mit drei Gitarren
Text: Markus von Schwerin aus De:Bug 109


Sam Genders und Mike Lindsay nisten sich ein in brasilianischer Rhythmik und Londoner Elektronika. Aber im Vordergrund steht immer ihr Gitarren-Picking. Die Exil-Brasilianerin Cibelle trägt Entscheidendes bei.

Wie bringt man sein Publikum mit drei Akustikgitarren zum Hüftkreisen?
Die Londoner Formation Tunng macht vor, wie sich ein verzögert einsetzender 4-to-the-floor-Beat nahtlos in lässig gezupfte Gitarrenläufe eingliedern lässt. Doch auch ohne Bassdrum und Clicks & Cuts verlöre das Fingerpicking der Tunng-Gründer Sam Genders und Mike Lindsay nicht an rhythmischer Spannung. Sorgt doch Perkussionist Martin Smith mit allen denkbaren Geräuscherzeugern – von brasilianischen Regenröhren bis hin zu Küchenutensilien – noch für wuselige Atmosphäre. Gepaart mit sanft (und meist unisono) vorgetragenen Texten über gar nicht so liebliche Begebenheiten und clever eingesetzte Sprach-Samples ist der zum Sextett gewachsenen Band eine faszinierende Folk-Rezeptur geglückt.

Ein hohes Maß dieser Faszination geht von der Fingerfertigkeit der Instrumentalisten aus, deren Zupfmuster so manch Folktronic-Act live kapitulieren ließe. “Dass Sam und ich seit unserem achten Lebensjahr Gitarre spielen, ist natürlich kein Nachteil“, meint dazu Mike Lindsay, der bei Tunng auch für die Produktion zuständig ist. “Aber offen gestanden habe ich erst vor sieben Jahren damit begonnen, solche Folk-Kapazitäten wie John Fahey, Davy Graham oder John Renbourn zu entdecken. Davor war ich großer Aphex-Twin-Fan und hatte sogar eine Trash-Metal-Phase, in der ich täglich Slayer hörte. Davon ist vermutlich nicht mehr viel zu merken, wenngleich einige Slayer-Lyrics durchaus bei Tunng Verwendung finden könnten.“

Die morbidere Seite der Tunng-Texte sei allerdings mehr dem Kollegen Sam Genders zuzuschreiben. “Wir kennen uns ja noch gar nicht so lange. Sam war vor Tunng solo als Singer/Songwriter unterwegs und hörte bei einem gemeinsamen Freund Stücke, die ich als Dirt Box veröffentlicht hatte. Darauf fragte er mich, ob ich nicht ein Demo von ihm produzieren wolle. Die Intensität unserer Zusammenarbeit übertraf dann all meine Erwartungen und begeistert mich seitdem immer wieder aufs Neue: Da spiele ich ihm ein Instrumental vor und eine halbe Stunde später hat er dazu eine Geschichte über eine blutsaugende Greisin verfasst!“

Die im besänftigenden Tonfall vorgetragenen Crime Storys wie “Jenny Again“ (in dem sich ein bereits ermordeter Erzähler der Gewissheit erfreut, dass der Sieg seines Nebenbuhlers trotz vorhandener Alibis von Raskolnikow’schen Gewissensqualen überschattet sein wird) machen keinen geringen Reiz von Tunng aus. Lindsays Qualität, akustische Musik mit vielschichtigen Texturen elektronischer und akustischer Natur zu verbinden, kommt aber nicht nur bei Tunng, sondern auch auf dem zweiten Album der brasilianischen Sängerin Cibelle zur Geltung, die vor vier Jahren von Sao Paulo nach London in die unmittelbare Nachbarschaft Lindsays zog.

Tropicalismo statt Folk
“Mike ist der Freund einer meiner besten Freundinnen (die bildende Künstlerin Vanessa da Silva, die für die meisten Tunng-Cover verantwortlich zeichnet), doch es brauchte Jahre, bevor wir zusammenarbeiteten“, berichtet die Achtundzwanzigjährige. “Doch als ich bei Vanessa mal zufällig einige Dirt-Box-Stücke hörte, hat das meinen Ehrgeiz enorm angekurbelt, diesen lang gehegten Vorsatz endlich in die Tat umzusetzen!“ Nach der ersten Gemeinschaftsarbeit “Lembra“ galt es für Mike Lindsay aber erst mal, das Tunng-Debüt “Mother’s Daughter“ fertig zu stellen, dessen Ergebnis Cibelle in der Wahl ihres Co-Produzenten noch einmal bestärkte: “Viele der Rhythmen, die er darauf verwendete, waren mir als Brasilianerin sehr vertraut. Von da an wusste ich, dass Mike nicht nur interessante Sounds kreiert, sondern auch den Groove hat. Ich kenne nicht allzu viele Europäer, die so rhythmisch Vertracktes programmieren können.“

Und so kommen auf Cibelles “The Shine Of Dried Electric Leaves“ – im Gegensatz zum eher Nu-Jazz-lastigen Debüt von 2003 – ebenfalls jede Menge Tierstimmen, quietschende Türen und schwer zu verortende Perkussionselemente zum Einsatz. “Wir mögen es einfach, in unserer Musik organische Dinge zum Klingen zu bringen, die man auf dem Boden finden kann, also Muscheln, Steine, Holzklötzchen und dergleichen. Doch ich glaube nicht, dass wir das machen, weil wir das in unserer Kindheit nicht genügend ausgelebt hätten“, meint Lindsay lachend und nimmt Bezug zur vermeintlichen Naivität, die Tunng in ihrer Heimat gerne zugeschrieben wird.

Von dem kindlichen Entdeckungsdrang zieht Cibelle eine Verbindung zur Idee der brasilianischen Tropicalisten um Gilberto Gil, Maria Bethania oder Caetano Veloso, dem aufmüpfigen Zweig der Bossa Nova in den 60ern. “Da ging es vor allem darum, sich keinem Genre zugehörig zu fühlen, sondern musikalisch alles auszuprobieren, wonach einem zumute ist. Ich will so wenig wie möglich im Vorherein ausschließen, denn bei allem, was ich absorbiere, weiß ich, dass letztlich nur die Dinge richtig zur Geltung kommen werden, mit denen ich eins bin.“ Und Devendra Banhart, der mit Cibelle eine famose Duettversion von Caetano Velosos Exil-Aufmunterungsstück “London, London“ eingesungen hat, soll sich ebenfalls mehr mit den Tropicalisten als mit dem Folk-Begriff identifizieren. Auch auf dem jüngsten Tunng-Album “Comments Of The Inner Chorus“ sind die Songs, die über die angloamerikanische (Electro-) Folkpop-Tradition hinausgehen (denn einiges erinnert dann doch an “Scarborough Fair“, Yazoo’s “Only You“ oder die selige Beta Band), die interessantesten.

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Elektronische Lebensaspekte.