Derbe können sie sein, die Hamburger Drum and Bass Jungs von Formrecording. Lieber horchen sie aber den Sounds der verschiedenen Länder nach und retten das Arrangement vor Formatbeschränkungen. Die Engländer lieben sie dafür.
Text: heike lüken aus De:Bug 56

Formgebung
MTC Yaw, Rollin B & Formrecording

Man kann spekulieren, was hinter einem prägnanten Labelnamen bei der Namensgebung gestanden hat: Ging es um die Diskussion von Inhalt und Form? Form als Format für Musik? Eine Abkürzung für Future Organization Regarding Music? Und warum heißt es nur Formrecording ohne s? Sollte es etwa nur eine geben?
1998 kreuzen sich die Wege von Yaw Afram und Roland Bogdahn aka MTC Yaw und Rollin B. in Hamburg. Die beiden lernen sich über das Auflegen kennen, was vor allem MTC Yaw schon seit Jahren betreibt, und beschließen mit der Zeit, gemeinsam zu produzieren. Zwei Jahre später entsteht nach vielen Sessions die Idee zum eigenen Label: Formrecording soll vor allem Plattform für die Arbeit der beiden sein. Mit der ersten Veröffentlichung ernteten sie viel Aufmerksamkeit, vor allem auch auf der Mutterinsel des Drum and Bass. “Vicious” ist von vielen DJs und Danceflooristen gespielt und gehört worden. Mickey Finn kam auf den ersten Erfolg hin auf die beiden zu und verlinkte sie mit dem englischen Vertrieb Nu Urban Music. Ein guter Start, besonders wohl für eine deutsche Produktion. Aber – gerade – nicht nur die Tanzfläche wollen MTC Yaw und Rollin B. bedienen. Amen als Geheimrezept zum Sell Out soll nicht zum ewigen Einsatz kommen und auch wenn der Labelstart bewusst smashig gehalten wurde, geht es bei Formrecording viel mehr um deepen Sound, wie die beiden betonen. Und so kam der zweite Form-Release “Cube” unter dem Projektnamen Consequence in Zusammenarbeit mit Seriously Tight schon wesentlich experimentierfreudiger daher. Yaw und Rollin B. wollen Tracks produzieren, die durch ihre Feinheiten bestechen und bei denen man immer wieder etwas Neues entdecken kann. Und die weniger auf den Raves als viel mehr im Club funktionieren, denn von ersteren distanzieren sie sich mehr und mehr. Die beiden bringen ihre verschiedenen Einflüsse – Yaws Wurzeln liegen im HipHop, Rolands eher im New Wave – und Interessen als Team in Einklang.
Mit dem Jahr 2002 gibt es einen neuen Release auf Form. Die “Boogietroit-EP” soll in 4 Tracks das Spektrum des Labels erweitern. Zeit für einen ersten Zwischenbericht.

Inhalt und Form
DeBug: Was war denn die Initialzündung zum eigenen Label?
Rollin B.: Wir haben uns in die Sache eher rein gesteigert. Wir wollten nicht groß rauskommen und in mir hat auch nie das Verlangen gesteckt, jemanden überzeugen zu müssen. Die Tracks sollten mir gut gefallen und ich hatte immer Lust auf ein eigenes Label. Die Leute, die in Deutschland schon eine Basis haben, haben bestimmte Meinungen. In den Pool wollte ich nicht rein. Wir haben unsere Sessions gemacht, es lief gut und dann kam ganz einfach die Idee, ein eigenes Label zu machen.
DeBug: Wie arbeitet ihr? Gibt es bestimmte Aufgaben?
Rollin B.: Manchmal fängt Yaw einen Track an und ich ergänze dann etwas. Man lässt den anderen heran und es entsteht eine gute Kollaboration. Andererseits ist es auch gut, dem anderen nur einen Tip zu geben und ihm erstmal nur zuzuhören. Manchmal hört man dann ganz andere Sachen. Vier Ohren hören immer mehr als zwei. Wenn man sich auf den Partner verlassen kann, weil die Geschmacksrichtung übereinstimmt oder auch ein bisschen abweicht, dann hat man immer einen guten Einfluss. Zu viele Leute bei einer Produktion sind aber nicht gut, dann wird der Track meist zu voll, weil jeder versucht hat, sich selbst zu verwirklichen. Wenn es also mehr aus einem Mind kommt, dann hört man auch Gradlinigkeit. Ich finde, das sollte ein Track verfolgen. Er sollte in sich straight bleiben.
DeBug: Wie war das Produzieren für die Boogietroit-EP? Was waren eure Ideen?
Rollin B. : Der Titeltrack ‘Boogietroit’ ist eine Zusammenarbeit mit Seriously Tight und Yaw als Consequence. Der Boogy-Vibe und Swing hat uns beeinflusst und ich hatte Lust, einen abstrakteren Beat zu machen. Wir haben verschiedene Beatmuster ausprobiert und das passte auf diesen Blues-Style. Und das ‘…troit’ im Namen kommt von Detroit, weil da der technoidere Einfluss herkommt. Ich liebe eben Detroitsachen. Und das Ganze klingt dann etwas jazziger und hat einen Swingbeat. Die EP setzt sich aus vier ganz verschiedenen Tracks zusammen. ‘Exactor’ habe ich mit Seriously Tight zusammen gemacht und der Track ist etwas wütender.
MTC Yaw: Ich bin ja leider etwas von diesen Raves vorbelastet, weil ich da eben groß geworden bin. ‘Vicious’ passte in das Bild rein. Ich glaube, es war mir damals auch wichtig, dass der erste Release so ein Dancefloor-Kracher wird. Es hat funktioniert. Ein Amen Ding. Dadurch erwarten die Leute jetzt so einen Sound wie bei ‘Vicious’. Mittlerweile ist es in Ordnung, auf diesen Raves aufzulegen, aber das musikalische Niveau ist dort einfach sehr niedrig. Man entwickelt sich weiter. Gerade durch die Produktionen mit Roland komme ich von diesem Ding weg und will andere Sachen machen. Als ich mich an den Track ‘Motation Tween’ für die EP gesetzt habe, wusste ich, ich kann jetzt wieder so ein derbes Ding machen. Aber das ist gar nicht das, was ich momentan will.
Rollin B. : Wenn wir zusammen produzieren, lachen wir viel. Das ist keine verkopfte Sache. Aber es gibt immer ein ernstes Arbeiten und am Ende des Tages tritt man zurück, hört sich alles an und sieht sich erstaunt an, was da entstanden ist. Je mehr solcher Momente es gibt, desto motivierter ist man. Ich mache vor allem Sound-Design. Mich haben immer Sounds begeistert. Mein Lieblingssound ist das Schwert von Darth Vader. Man kann mit Sounds herum experimentieren und eine ganze Welt schaffen. Mich interessieren auch die Sounds verschiedener Länder. Warum klingen die Drums in bestimmten Ländern genau so, wie sie klingen? Ich liebe es zu sehen, woher die Sachen kommen, und dem wollte ich beispielsweise bei ‘Corn’ auf der EP nachgehen. Verschiedene Einflüsse bereichern die Musik und bringen sie voran. Und ich liebe Intros. Oft merke ich, dass ich ein Intro mache und danach gar keine Lust mehr auf das sture Drum and Bass-Format habe. Drum and Bass muss einfach ein bestimmtes Arrangement haben, es ist Clubsound, der mixable sein muss. Zur Zeit nervt mich dieses Format fast. Daher überlege ich gerade, wie man das Arrangement trotzdem bündig machen kann.

Rätsel gelüftet. Es gibt nicht nur eine Form und es wird auch in Zukunft welche geben. Neben dem Inhalt wird auch auf die Verpackung viel Wert gelegt, wie Flyer, Website und Plattencover beweisen. So heißt die Tour zur EP “Join us form it”. Manchen Einladungen kann man ruhig mal nachgehen.

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Elektronische Lebensaspekte.