Kirchenmusik für App-Jünger
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 163

Lange bevor Eric Wahlforss mit seinem Startup Soundcloud losmarschierte, hatten ihn Chor- und Kirchenmusik tief erfüllt. Sein Projekt “Ecclesia” sampelt sakrale Sounds, verbrüdert sie mit Elektronik und Animationen und kommt als App statt Album-CD daher.

Kirche und elektronische Musik? Aber ja doch: Wie ließe sich House ohne den Preacherman und Gospel, Blues ohne Spirituals denken? Das Sakrale klingt für den Westeuropäer jenseits des Atlantiks immer veritabler, deeper, aber vor allem auch poppiger. Forss aka Eric Wahlforss allerdings hat die hiesige Kirchenmusik für sich als Ausgangspunkt seiner vor Akkuratesse strotzenden Produktionen entdeckt. Das ist kein Exotismus, sondern vielmehr eine biografische Aufarbeitung seiner musikalischen Sozialisation. War Forss‘ erstes Album “Soulhack” auf Sonar Kollektiv vor neun Jahren eine vor Funk-, Soul- und R‘n‘B-Samples explodierende Tour de Force, nahm er einen Großteil seines neuen Albums “Ecclesia” in Kirchen auf. Orgeln, Chöre, Streicher, unknackigere Soundquellen gibt es kaum, eine Herausforderung wie zugleich eine Fortführung der eigenen Produzentengeschichte. “Die Produktionsweise der Alben kann man gut miteinander vergleichen, eigentlich sind sie sogar identisch. Ich habe lange Zeit damit verbracht, die Samples akribisch zusammen zu basteln. Nur das Ergebnis klingt beim ersten Hören vielleicht anders”, erklärt Eric. “Und eigentlich war Chor- und Kirchenmusik von Beginn an ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Eine meiner ersten Erinnerungen ist, wie meine Mutter als Organistin mit ihrem Chor in einer mittelalterlichen Kirche außerhalb Stockholms probte. Ich konnte damals gerade mal über die Kirchenbank gucken und empfand diese seltsame Spannung zwischen Langeweile und Aufgeregtheit. Auf der einen Seite wollte ich draußen spielen gehen, auf der anderen Seite haben mich diese Klänge tief erfüllt.” Fast waren diese Erinnerungen vergessen, bis zeitgenössische skandinavische Chormusik Eric wieder voll ergriff: “Ich finde es noch immer beeindruckend, in eine große Kirche zu gehen, diese Kraft einer Orgel zu spüren. Gerade das Requiem von Duruflé zeigte mir, wie man Chöre, Streicher und Orgel meisterhaft in Harmonie zusammenbringen kann. Seitdem war es meine persönliche Herausforderung. Wie kann man diese Elemente mit moderner elektronischer Musik fusionieren?”

Es sind aber nicht nur die Soundquellen, die für heutige Verhältnisse eigenartig erscheinen. Eric Wahlforss ist Mitbegründer von Soundcloud. Vor vier Jahren entstanden, ist es heute eines der wichtigsten Musik-Startups überhaupt. Natürlich möchte Eric nicht darauf reduziert werden, immerhin war er vor vier Jahren auch der Producer, der irgendein komisches Startup gründete, heute ist er für viele der erfolgreiche Firmenchef, der auf einmal ein Album herausbringt. Aber Album? Auf das klassische Konzept der Platte mit Label, CDs und den ganzen Quatsch setzt der Schwede natürlich nicht. Stattdessen werden von Zeit zu Zeit Teile des Albums im Internet releast, bis am Ende das ganze Werk verfügbar sein wird. Kernpunkt ist dabei die gleichnamige App. Minimal, im satten Schwarz und mit feinen Animationen ausgestattet, bringt es den Konsum einer Platte auf eine multi-, oder vielleicht auch intermediale Ebene. “Ich glaube, dass Apps die Palette der visuellen Ausdrucksmöglichkeiten von Musikern und Künstlern erweitern können. Sie erlauben eine intime audiovisuelle Erfahrung, in die man eintauchen kann. Apps dürften in Zukunft für Musiker ein weiteres wichtiges finanzielles Standbein werden.” Ecclesia ist düster, sperrig und von großen Räumen erfüllt. Schimmerte Soulhack noch in warmen patinierten Orangetönen, strahlt das neue Album in klarem Schwarz. Düster, sakral, in einigen Momenten burialesk und bei weitem nicht einfach zu goutieren. “Ich wollte schon immer etwas Größeres als ein Album machen, das Visuelle mit Sounds verbinden, eine Art Gesamtkunstwerk.” Dass zum Album auch eine Medieninstallation gebaut wurde, die noch im Laufe des Jahres auf diversen Festivals wie dem Sónar gastieren wird, scheint kohärent, hat aber auch pragmatische Gründe: “Ich verstehe, wenn Leute sich nach Live-Konzerten sehnen. Aber ich habe eine Firma zu leiten und deshalb leider zu wenig Zeit. Auf der anderen Seite möchte ich jedem den einsamen, nichtstuenden Typen hinterm Laptop ersparen.” Ecclesia ist mutig und unkonventionell in vielen Belangen. Dass genau dieser Mut aber auch belohnt werden kann, hat die Vita von Eric bereits bewiesen. Unser Wort in Gottes Ohr.

http://www.forssmusic.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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