In Philadelphia ist für experimentelle Sounds, die nicht aus dem Radio kommen könnten, kaum Platz. Das Label foundsound bekämpft diese Gleichgültigkeit mit dem Klicken von Kugelschreibern.
Text: Thomas Hoeverkamp aus De:Bug 94

FOUNDSOUNDS & UNFOUNDSOUNDS // Das Label als Samplepack

Das kleine Label foundsound in Philadelphia produziert organische Minimaltracks. Die Beats bestehen aus zugeschlagenen Türen, dem Klicken eines Kugelschreibers oder mitgeschnittenen Gesprächsfetzen. Damit stehen sie in Philadelphia ziemlich allein. Verantwortlich sind als Künstler und Labelbetreiber für die ”found sounds“ Sean O’Neal (a.k.a. Someone Else), Sylvain Takerkart (aka Cyhl, aka Fusiphorm) und Kate Iwanowicz (aka Miskate). Für Remixe stehen Jeff Milligan, Magda und Matthew Dear auf der Liste. Zum guten Ton gehört für die drei ein angeschlossenes Netlabel: unfoundsound.

Wie sieht die Minimal Technoszene in Philadelphia aus?

Sean: Philadelphia war immer schon eine HipHop- und Soul-Stadt. House funktioniert ein bisschen, aber für Techno sieht es mau aus. Veranstaltungen mit Minimal Techno laufen selten gut. Und wenn ich gut meine, spreche ich von gerade mal 200 Gästen. Selbst zu Parties mit DJs wie Matthew Dear kommen oft nicht mehr als 100 Leute. Im Nachleben geht es in Philadelphia darum, Freunde zu treffen, sich zu betrinken und jemanden flachzulegen. Musik ist da zweitrangig. Die Leute wollen Songs hören, die sie aus dem kommerziellen Radio kennen.

Das klingt nicht nach einem Umfeld, das Leute wie Josh Wink oder Jay Haze inspirieren konnte.

Sean: Es gab eine große Rave-Szene, die aber durch neue restriktive Gesetze komplett gestorben ist. Das Nachtleben leidet unter extremer Kommerzialisierung. Für Tuningspork oder uns war es die letzten Jahre schwierig, anspruchsvolle Events auf die Beine zu stellen.

Gilt das auch für den Rest der USA?

Sean: Minneapolis ist momentan das Zentrum für elektronische Musik in den Staaten. Sei es Techno, Noise, Minimal oder eine obskure Underground-Strömung. Dort gibt es genug Leute, die sich für Musik interessieren. Es gibt auch ein paar gute Events in New York. Verglichen mit Berlin, Paris oder Zürich ist New York aber ein Witz. Die Leute sind in ihrem nostalgischen Hipstertum gefangen, wie in Philly.

Seht ihr euch als ein Teil der lokalen Szene oder fühlt ihr euch der weltweiten minimalen Clubmusik verbunden?

Sean: Die lokale Szene bei uns ist so klein, dass man sie kaum als solche verstehen kann. Wenn wir die Stadt verließen, gäbe es keine mehr. Ich fühle mich aber eng mit der Minimalszene in Europa verbunden, seit ich mehr in Übersee spiele. In Deutschland kennen mittlerweile mehr Leute meine Musik als zu Hause. Verglichen mit Europa, ist Amerika ein schrecklicher Ort, um live zu spielen, und noch schlimmer für DJs. Die Leute interessieren sich nicht für neue Musik. Unser Präsident ist auch nur peinlich, was ich immer wieder betonen möchte.

Ist das Benutzen der ”found sounds“ für euch eine politische Aussage, habt ihr ein Manifest wie Matthew Herbert?

Sean: Die Verwendung von ”found sounds“ ist für uns nichts Politisches. Am Ende wissen die Leute eh nicht genau, ob sie jetzt das Klicken eines Kugelschreibers hören oder eine Snaredrum von der 909. Matthew Herbert war eine Inspiration für diese Herangehensweise, aber nicht die einzige. Ich bin eher von Spike Jones (nicht dem Regisseur!) inspiriert worden. Spike Jones war ein Entertainer, der in den 40er und 50er Jahren im US-Fernsehen aufgetreten ist. Er lief durch das Studio und begann auf allem herumzuklopfen, was ihm in die Quere kam. Die Anwesenden haben dann mitgemacht, und so entstand ein großes skurriles Orchester.

Ist es schwer Künstler zu finden, die diese Herangehensweise mit euch teilen?

Sean: Ja, es ist sogar sehr schwer. Die meisten Leute arbeiten mit einer traditionellen Produktionsweise. Sie benutzen Synthesizer und Drummachines. Wir haben uns aber bei foundsound auf diese Philosophie festgelegt.
Chyl: Wir haben zwar viele sehr gute Demos bekommen. Die meisten haben aber nicht in das enge Korsett von foundsound gepasst.

War das ein Grund, warum ihr das Netlabel unfoundsound gegründet habt?

Sean: Auch. Die Künstler haben auf dem Netlabel mehr Freiheiten. Sie müssen sich eigentlich an keine Vorgaben halten, solange es noch Minimal Techno ist.

Das Netlabel als Spielplatz für eure Künstler?

Chyl: Nein, unfoundsound macht foundsound in verschiedenen Bereichen komplett. Es ist ein tolles Promotiontool, um unbekannte Künstler ohne ein finanzielles Risiko zu pushen. Wenn wir den gleichen Künstler später auf Platte veröffentlichen, ist er nicht mehr ganz so unbekannt. Netlabels haben eine viel größere Reichweite als Plattenlabels. Die Wirkung ist mittlerweile nicht zu unterschätzen. Manchmal ist es sogar so, dass die Leute, die ich treffe, mehr über unfoundsound als foundsound gehört haben.

Was macht ihr, um die Wirkung zu forcieren?

Chyl: Wir treiben die Möglichkeiten für Netlabels selber voran. Indem wir zum Beispiel als eins der ersten Labels FLAC Files zum Download anbieten. Bei diesem Verfahren wird die Tonqualität verlustfrei komprimiert. Es ist mit dem CD-Standard vergleichbar.

Ist die Zukunft für euch digital?

Chyl: Wir lieben beide Labels. Aber die Musikindustrie befindet sich immer noch auf dem Sprung zur Revolution. Als Netlabel ist man ganz vorne mit dabei.

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Elektronische Lebensaspekte.