Kieran Hebden hat sein Techno-Ich befreit. Auf ”Everything Ecstatic“ wühlt er seine bisherigen Fans mit aufgekratzten 303-Spielereien auf.
Text: Christoph Brunner aus De:Bug 93

Nicht Peter Gabriel
Four Tet

Dein neues Album klingt ganz anders als erwartet. Hast du dich einem heimlichen 303 Movement angeschlossen?

Ich wollte einfach nicht weitermachen wie bisher. Diese Schiene Folktronika hat mich genervt, das war für mich Stillstand.

Und dann hast du dich zwei Monate eingeschlossen und deine Drumpatterns so lange weichgeklopft, bis die Sounds rotorenartig durch den Raum gesaust sind?

Das mit den zwei Monaten stimmt. Aber eigentlich fing es mit den Liveperformances an. Ich begann, einen härteren Stil an den Tag zu legen. Ein Freund von mir hat so eine neue Drummachine, die kann alle alten Drummachines simulieren. Die hat einfach diesen “Rock-Solid Rythm“, das ist purer Techno. Ich wollte sie aus diesem Kontext herausnehmen und neu einbinden, außerhalb des Technouniversums, vielleicht auch als Helikopterimitation (lacht).

Viele Eletronika-Künstler haben vor kurzem Projekte mit Rappern gemacht, Leute wie The Notwist, Mouse on Mars oder Funkstörung. Du hast ja auch schon mit Jay Dee zusammengearbeitet. Was hat dich dazu bewogen, ein Album ohne Vocals zu machen.

Bei Vocals ist es doch so, dass sie mindestens 50 Prozent der Aufmerksamkeit des Hörers vereinnahmen. Die Leute achten nur auf den Text oder die Stimme. Ich wollte, dass meine Musik wieder vollkommen im Vordergrund steht und nicht als Hintergrundgedudel wahrgenommen wird. Erst dann erschließt sich einem die Weitläufigkeit und Tiefe.
Bei Grime zum Beispiel stehen die MCs ganz klar im Vordergrund. Keiner schert sich darum, wer eigentlich das ganze Soundgerüst um den Gesang bastelt. Allerdings werden da sowieso nur alten Elementen ein paar neue Kleider angezogen.

Wo steckt für dich die Evolution bei gegenwärtiger Musik?

Momentan ist meine favorisierte Clubnight die ”University of Dub“-Veranstaltung. Sie findet in einem Fitness-Centre in Brixton statt. Dort batteln sich drei Soundsysteme die ganze Nacht lang. Der Bass ist so heftig, dass du permanent glaubst, gleich explodiert mein Magen. Aber das Geilste ist die Musik. Eigentlich nichts von dem, was die Jungs da spielen, kennt man. Alles selbst produziert. Ich liebe es einfach, wenn man merkt, wie live das alles ist und wie unsauber der Sound klingt. Die Leute haben viel zu viel Angst vor unsauberen und rohen Sounds. Bei meinen Liveperformances ist es mir scheißegal, ob ich jetzt richtig im Takt bin oder nicht.

Samples sind ebenso wie Remixe oder Collagen ein wichtiger Bestandteil von Popkultur. Hältst du es für legitim, sich das Material vergangener Künstler anzueignen?

Ich glaube, gute Kunst klaut sich immer etwas aus der Vergangenheit. Das ist der Trick. Man darf nicht zu viel Respekt vor der Vergangenheit haben. Wenn du etwas einbringst, heißt das ja nicht gleich, dass du es entwürdigst. Ein gutes Sample ist etwas völlig anderes als eine bloße Kopie. Du nimmst das Sample ja, weil es dir gefällt und du den Künstler magst. Also scheiß auf diese Heiligtum-Nummer, solange es dich voranbringt und du es nicht entwürdigst.

Deine Samples waren schon immer sehr international. Liegt das an deinem familiären Background?

Das liegt eher an London. Hier ist die Fülle an Musik so groß, man muss nur zugreifen. Samplen ist wie ein Reflex. Ich mag die Referenzen zu verschiedenen Stilen, aber es hat nichts von Fusion, wie es bei Worldmusic der Fall ist. Ich benutze die Samples, weil ihr Sound Sinn macht in meinem Leben, nicht weil ich meine Gefühle oder Erfahrungen darin ausdrücken möchte. Ich bin ja nicht Peter Gabriel.

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Elektronische Lebensaspekte.