Der Luxemburger und Carl Craig zur Zukunft des Klaviers
Text: Tim Caspar Boehme aus De:Bug 148

Elektronisches und Akustisches verheiraten: Auf seinem dritten Soloalbum für InFiné demonstriert der Pianist und Komponist Francesco Tristano, wie sich für ihn die Zukunft des Klaviers anhört. Aufgenommen wurde in Carl Craigs Detroiter Studio.

Das Klavier für sein neues Album hatte er sich schon zwei Jahre im Voraus ausgesucht. Francesco Tristano wusste von Anfang an, dass er bei seinen Aufnahmen mit Carl Craig unbedingt einen amerikanischen Steinway-Flügel nehmen wollte, jenes Modell also, an dem der Pianist schon als Student der Juillard School in New York geübt hatte. Allerdings ist Tristano, vor 29 Jahren in Luxemburg als Francesco Tristano Schlimé geboren, kein reiner Nostalgiker. Seine Wahl traf er ganz bewusst: “Der Steinway D hat einfach einen fetten Sound, der hat so eine Power, eine Obertonreichhaltigkeit, die ich wahnsinnig finde. Wir haben versucht, das auf die Mikros zu bekommen und haben für jeden Track sowohl eine neue Mikrofonie als auch ein neues Setup benutzt, teilweise zwischen vier und fünfzehn Mikrofone pro Stück verwendet.”

Was sich nach Soundfetischismus anhört, zählt für Tristano ganz entscheidend zu seinem Verständnis von Klaviermusik. Ihm geht es nicht nur um bestimmte Noten, die er auf seinem Instrument spielt, sondern um sehr spezifische Klänge, um die Möglichkeiten dessen, was sich aus dem Instrument herausholen lässt: “Ich nähere mich dem Klavier wie ein Produzent, der versucht, bestimmte Sounds zu erwischen und teilweise dazu zu erfinden. Wenn man nur die Klaviatur spielt, ist da eigentlich nicht so viel möglich. Aber wenn man ins Klavier geht, in die Saiten, an das Metall und das Holz vom Resonanzkörper und da rumspielt, da sind so viele verrückte Sounds möglich, das kann man sein ganzes Leben lang erkunden.”

Serienmäßig eingebauter Groove
Tristano ist unter den heutigen Pianisten eine große Ausnahmeerscheinung. Während seiner Ausbildung spezialisierte er sich auf Barockmusik, mit 18 veröffentlichte er seine erste Einspielung der “Goldberg-Variationen” von J. S. Bach, aber auch Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Luciano Berio und György Ligeti gehören zu seinem Repertoire. Daneben gilt seine große Liebe der Clubmusik. Auf seinem ersten Album für InFiné, “Not For Piano”, überraschte er mit Klavierarrangements von Techno-Klassikern, sein Projekt Aufgang mit dem Pianisten Rami Khalifé und dem Schlagzeuger Aymeric Westrich changiert zwischen Techno-Rhythmen und Neuer Musik. Alles Dinge, die in eine bestimmte Richtung deuten. Doch mit “Idiosynkrasia”, diesem irrwitzigen Vexierspiel zwischen Elektrisch und Akustisch, dieser Neuen Musik mit serienmäßig eingebautem Groove, hätte man so trotzdem nicht gerechnet.

Dabei ist die Sache für Tristano ganz selbstverständlich: “Es ist eine sehr organische Art und Weise, Musik zu machen, und teilweise auch sehr live-orientiert. Mit Sequencing, ja, für Basslinie oder Rhythmus, aber es gibt auch viele Live-Aufnahmen. Beim Klavier allerdings gibt es keinen einzigen Loop, alles ist live. Auch wenn wir einen Bass verdoppeln wie im Titeltrack, spiele ich den Bass die ganze Zeit durch. Ich suche nach etwas anderem als einer perfekten Synchronität oder Quantisierung. Das Schöne ist, wenn es eine Reibung zwischen den Maschinen gibt, die total gerade und im Viervierteltakt sind. Wenn da etwas nicht so perfekt ist, entsteht etwas Natürliches und Organisches. Ich versuche nicht, klassische Musik mit Technobeats zu mischen. Ich habe mich von klein auf mit den unterschiedlichsten Musikrichtungen beschäftigt und zu Hause wirklich alles gehört, Wagner, Kraftwerk oder Tangerine Dream und Vivaldi. Für mich besteht nicht die Notwendigkeit, diese Dinge zu fusionieren. Meine Musik mache ich zunächst für mich, deswegen heißt das Album auch ’Idiosynkrasia’”.

Carls Moment
Obwohl von Carl Craig produziert, mit dem Tristano schon seit Jahren an diversen Projekten zusammengearbeitet hat, ist das Album im Wesentlichen Tristanos eigene Schöpfung. “Die Sounds sind alle von mir programmiert, gespielt oder arrangiert. Nur das letzte Stück “Hello – Inner Space Dub” ist eine wirkliche Kollaboration, wo wir Klaviersounds in Carls Modularsynthesizer geschickt haben. Es sind 40 oder 50 Module, die er gepatcht und den Sound in Echtzeit verfremdet hat. Das ist Carls Moment auf der Platte. Für den Rest war er ausführender Produzent, er hat alles organisiert und arrangiert, damit alles gut klappt. Wenn ich Geräte nicht einstellen konnte oder es ein Problem gab, war er immer da. Auch wenn ich allein sein wollte, war er total verständnisvoll und hat mich einfach machen lassen. Er hat nie versucht, seinen Willen durchzusetzen.”

Abgesehen davon, dass Carl Craig die Aufnahmen betreute, hat er in seinem Planet-E-Studio auch sein komplettes Arsenal an alten Analog-Synthesizern bereit gestellt: “Da sind die Moogs und Prophets, Junos und Jupiters. Ich fand es gut, diesen Vintage-Sound zu haben.” Das Album ist jedoch nicht einfach eine Kombination aus Klavier- und Synthesizerklängen. Bei der Produktion wurden die Grenzen in beide Richtungen verschoben: “Es gibt auf ‘Idiosynkrasia’ absolut kein reines Klavier, alles ist verfremdet und bearbeitet. Ich bin sehr interessiert an dieser Zwischenwelt, in der Elektronik und Akustik in einer Art No Man’s Land ineinander fließen. Man glaubt, da ist ein schöner Klaviersound, aber dann hört man hin und merkt, hoppla, da ist etwas komisch. Dann gibt es wiederum Klavier-Sounds, die sind gar kein Klavier. Oder Kombinationen von Mikrofonen, die teilweise durch Effektboxen gehen, so dass das Klavier nicht mehr isoliert ist. Bei meiner Band Aufgang ist es meistens genau andersherum: Klavier, Drumset, Elektronik. Bei mir ist es ein hybrider Sound. Mir war es wichtig, diese Grenze zwischen dem akustischen und dem elektronischen Element so weit wie möglich zu verwischen, so dass die Grenze fast nicht mehr hörbar ist.”

Mit dem Flügel in die Disco
Die Möglichkeiten, den hybriden Sound von “Idiosynkrasia” auf die Bühne zu bringen, haben Tristano und Craig im Sommer auf Ibiza im Space getestet. “Es war das erste Mal, dass ein Flügel im Space stand, absolut abenteuerlich, das Klavier überhaupt da reinzubekommen. Es war sowieso ein hektischer Abend: Nachmittags hatte ich noch ein Konzert in Belgien, um zwei Uhr morgens landete ich in Ibiza und eine Stunde später standen wir auf der Bühne. Ich hatte auch einen Moog Voyager. Carl hat Ableton verwendet und die Maschine von Native Instruments, er hat also live Rhythmen programmiert und Sequenzen per iPad von der Booth aus gesteuert. Ich habe Klavier gespielt und mit dem Moog zum Teil die Bässe verdoppelt. Mit dem Klavier hat es da aber keinen Sinn, zwei Stunden durchzuspielen, der Sound ist auf so einer großen Anlage limitiert. Ich habe dann immer kurze Einspieler gebracht, wenn Carl eine Pause machte. Es war eine tolle Stimmung. Und die Leute, die flippen schon aus, wenn sie nur den Flügel sehen, diese große schwarze Kiste. Die haben teilweise noch nie so etwas gesehen.”

Wie Tristano immer wieder betont, denkt er nicht in verschiedenen Musikgenres, auch wenn er im Klassikbetrieb durchaus bereit ist, Konzerte mit “traditionellem” Repertoire zu spielen. Bei seinem Auftritt im Berliner Konzerthaus Ende Oktober hingegen spielte er eine Mischung aus Barock, 20. Jahrhundert und eigenen Stücken von seinem neuen Album, allerdings ohne die elektronischen Parts und präpariertem Klavier. Doch Tristanos Ansatz, das Klavier in erster Linie unter Klangaspekten zu betrachten, funktioniert sogar mit rein akustischen Mitteln. “Es gibt in der klassischen Musik noch immer diese Tendenz, dass man nicht in Sound denkt, sondern in Noten. Was das angeht, habe ich bei den Aufnahme-Sessions für ‘Idiosynkrasia’ viel gelernt. Dass die Musik Sound ist und nicht nur die Summe der Noten. Es geht natürlich auch um die Noten, wenn man sie transkribieren und determinieren will. Das ist manchmal möglich, aber manchmal geht es nicht. Wenn man einen verrückten Synthesizersound mit drei Oszillatoren und Cutoff hat, kann man diesen Sound nicht transkribieren, den kann man nicht nachahmen, man muss ihn produzieren. Es ist ein Sound, keine Note. Ich glaube, dass ich auch in dieser Terminologie ein bisschen zwischen beiden Welten segle. Dass ich Kompositionen zwar im Kopf notenmäßig denke, sie aber schlussendlich durch Sound realisiere. Da ist die Notation absolut limitiert. Man kann nicht sagen: Das muss jetzt komprimiert klingen. Das ist ein Unterschied zwischen den klassischen Musikern, die in Noten denken, und den Techno-Produzenten, die in Sound denken.”

Oszillator und Saite
Der Sound des Klaviers ist für Tristano zudem in permanenter Entwicklung. Er betrachtet es dann auch nicht als Relikt des 19. Jahrhunderts, sondern als “Instrument der Zukunft”: “Das Klavier war ein hochtechnologisches Instrument. Jetzt sehen wir es vielleicht als etwas Altmodisches, es sagt uns nichts über Elektronik oder über Schaltkreise. Aber das Klavier hat eine Entwicklung, die sich über mehrere Jahrhunderte spannt. Am Anfang war es etwas sehr Rudimentäres und wurde dann ständig verfeinert. Selbst im 20. Jahrhundert gab es ein paar Updates in der Mechanik, in den Pedalen, kleine Verbesserungen, aber immerhin. Es ist ein Instrument, das ständig besser wird. Ich glaube, es ist auch der Vorfahre des Synthesizers. Obwohl Oszillator und Saite absolut unversöhnbar sind. Es sind zwei total unterschiedliche Sound-Genesen. Aber es ist das Orchesterinstrument. Man kann Partituren spielen, Percussion, Flöten- und Geigenpartituren. Das kann man am Synthie auch. Und das Klavier im Sinne von Keyboard wurde dann zum Standard. Da ist es für mich nur logisch, das Klavier im 21. Jahrhundert in dieser Form weiterzudenken. Das heißt in einer Art Kammermusik zwischen dem akustischen Klavier und den elektronischen Synthesizern. Der nächste Schritt ist dann, wenn man das Klavier aufnimmt und die Klänge in Echtzeit elektronisch verfremdet. Das ist für mich Klavier 2.0.”

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