Und wieder Sex, Drogen & Videoclips
Text: Jan Wehn aus De:Bug 154

Der Kanadier The Weeknd und der Amerikaner Frank Ocean sind momentan so etwas wie die Repräsentationsspitze des neuen, jungen, emanzipierten Soul aus Nordamerika. Zwischen DIY, VIP-Schizophrenie, Rapidshare-Eigenvertrieb, kokanistischem Hedonismus und selbstbewusster Inszenierung/ De-Inszenierung haben sie sich nicht nur bei Tumblr-Hipstern, Fashionistas und Soundevangelisten zum neuen heißen Scheiß gemausert. Auch alte R‘n‘B-Koryphäen putzen schon erwartungsvoll ihre Klinken.

Eigentlich sollte Frank Ocean heute im Studio sein. Oder zumindest schlafen. Kann er aber nicht. Er rafft sich auf, öffnet den Schrank und kramt seinen besten Anzug hervor. Den hat er schon bei der Prom-Night getragen. Er schlüpft hinein, zurrt die schmale Krawatte zurecht. Auch das Einstecktüchlein sitzt. Ein letzter Blick in den Spiegel, dann greift sich Frank den großen schwarzen Koffer, der neben der Wohnungstür steht und verlässt das Haus. Unten auf der Straße öffnet er den Kofferraum seines Lincoln Town Cars. Er blickt sich nicht um, denn er weiß um das blutige Rinnsal, welches schon das ganze Treppenhaus und den Bürgersteig versaut hat. Die rechte Hand umklammert den Griff des Koffers, der gleichmäßig pulsiert. Bumm, bumm, bumm.

Frank verstaut ihn schnell im Kofferraum und steigt in den Wagen. Er lässt das Auto an und fährt den Boulevard entlang – aus der Stadt heraus. Das Blut tropft jetzt schon aus dem Kofferraum, aber als die Polizei ihn anhält, kann sie nichts finden. Frank fährt und fährt und fährt. Dann, in einer dieser kurvigen Passagen, etwa fünf Meilen hinter der Stadt, bricht sein Wagen durch die Leitplanke und stürzt ins Meer. Frank sitzt einfach nur da, wartet ab und sinkt langsam auf den Grund – und mit ihm gehen sie alle unter: die gebrochenen Herzen im Kofferraum. Dann löst er den Gurt und schwimmt davon.

Es sind diese und andere starke Geschichten, die das Songwriting des neuen R’n’B ausmachen – gepaart mit musikalischen Querverweisen aus entschärften Dubstep-Bässen und dumm-dreisten Sample-Spielereien entwickelte sich diese Blog-Blaupause in den letzten Monaten zu einer neuen, gar revolutionären Spielart des R’n’B. Frank Ocean, der Barde, der das obige Herzschmerz-Anekdötchen verfasst hat, fungiert dabei ebenso als Aushängeschild wie das ominös-anonyme Projekt The Weeknd, hinter dem der Kanadier Adel Tesfaye vermutet wird.

Inzestfalle Contemporary-R’n’B
Die Geschichte des R’n’B aus dem Jahr 2011 beginnt eigentlich vor knapp zehn Jahren: Texte, so schmierig wie das nach Kokos riechende Massageöl auf dem Nachttisch. Und selbstreferentielle Musik, welche als vor sich hinplätschender Soundtrack für schmutzigen Sex auf Satinbettlaken herhalten musste – der R’n’B- Referenzrahmen war von jeher recht eng gesteckt. Vergessen der goldene Glanz der Motown-Ära und STAX-Stars. Ein fast inzestuöser Duktus erlaubte praktisch nur das Rekurrieren auf Sounds und Muster aus den eigenen Reihen.

Umso spannender ist es zu hören und zu sehen, dass ein paar Twenty-Somethings in bester Selbermachmanier das gesamte Genre einmal gehörig durchmischen und mit offengeistiger Musik und eklektischen Ansätzen ähnlich revolutionieren, wie es in den vergangenen drei Jahren schon mit dem HipHop geschehen ist – ob der Hipster-Rap Marke Kid Cudi nun ein ernstzunehmender Entwurf mit Perspektive ist, oder nicht. Ein Terminus für den Post-Contemporary-R’n’B jedenfalls war schnell gefunden: PBR & B. Ein recht bemühter und nur halbwegs witziger Neologismus aus dem schal schmeckenden, äußerst günstigen und deshalb als vermeintlichem Hipster-Bier gehandelten Pabst-Blue-Ribbon-Gesöff, kurz: PBR, und, nun ja, dem Blues. Musik, die sich mit ihren Chillwave-Anleihen und Fauxlaroid-Artwork bestens für den Jutebeutel eignen sollte. Tatsächlich ist diese Terminologie für den Neuentwurf des Soul genauso unnütz wie die noch tumbere Wortneuschöpfung R’In’D. Denn letzten Endes handelt es sich beim neuen R’n’B immer noch um den eigentlichen Rhythm & Blues – er wird eben nur durch den ungestümen Eklektizismus der iPod-Kultur erweitert und mit bis dato undenkbaren Einflüssen verschnitten.

“Wolves can sing, too!“
Frank Ocean ist 23 Jahre alt und sieht aus wie eine Mischung aus Kanye West und Jamie Foxx – genau so klingt auch seine Musik, in der Samplebeats auf emotionalen Singsang treffen. Eigentlich heißt er Christopher Breaux, aber weil ihm sein Künstlername recht gut gefällt, hat er kurzerhand eine Namensänderung durchgeboxt, die ihn zu Christopher Francis Ocean umtaufte. Seit diesem Jahr gehört er zum Odd Future Wolf Gang Kill Them All-Kollektiv (siehe De:Bug 153). Dort zeichnet er sich jetzt für die Hooks verantwortlich und ist auf dem besten Weg, ein Star zu werden. Bis zum Ritterschlag durch Tyler, The Creator dümpelte der Bursche aber noch im Fame-Fahrwasser der ganz Großen herum: hier ein paar Linernotes einsingen, da ein paar Bridges zusammenschreiben. Bei all dem Co-Working fiel irgendwann auch einiges an Eigenmaterial ab. Anfang Juni 2011 leakte ein gut 200 MB schwerer Zip-Ordner mit dem Namen “The Lonny Breaux Collection“ ins Netz. Darauf zu hören: 63 R’n’B-Rohversionen der okayen Sorte – das Frühwerk von Frank Ocean unter seinem ehemaligen Künstlernamen Lonny Breaux. Im März folgte dann die über den OFWGKTA-Tumblr veröffentlichte EP ”nostalgia, ULTRA“, die auf schöne Weise die Entwicklung und Image-Korrektur demonstrierte, die Frank im Laufe des letzten Jahres an sich selbst vorgenommen hat.

“nostalgia, ULTRA“ ist eine collagenhafte Standortbestimmung des OFWGKTA- Mitglieds, die schon beim Titel beginnt und sich im Artwork fortsetzt: Das Cover ziert ein orangefarbener Oldtimer, der fahrerlos mit dem Heck in einem Waldstück abgestellt wurde. Genau so wie diese melancholische Komposition auf dem Titel anmutet, klingen auch die zehn Tracks, die immer wieder von recht sinnfreien Kassettenspul-Skits, die nach alten Videospieleklassikern benannt sind, unterbrochen werden. Franks Repertoire beinhaltet natürlich das Material der klassischen Art. Auf “We All Try“ mimt er den Gitarrero-Hustler, “Novacane“ ist Sex pur und “Lovecrimes“ bringt dann noch schnell den John-Legend-Dreh mit soliden Dreiklangkenntnissen rein. Das ist die eine Seite der EP.
Die andere ist jene, die vor Innovation, Mut und Ideenreichtum nur so strotzt. Zum einen wäre da das schon erwähnte “Swim Good“, das, mit einer solch starken Bildsprache und dermaßen vor Eiern triefendem Groove-Gerät an Beat gesegnet, der heimliche Hit von “nostalgia, ULTRA“ ist. Dazu kommt eine erstklassige Coverversion der Kanye West/Mr. Hudson-Schmonzette “There Will Be Tears“ und großartige Adaptionen von Coldplay-Fragmenten oder “Hotel California“-Schnipselchen. Wenn Frank dann noch Outdoor-Geschlechtsverkehr über ein recycletes MGMT-Sample proklamiert, entpuppt sich die Geschichte für manchen wohl endgültig als käsiger Puzzle-Pop im Hipster-Dress. Keine Panik, klingt aber mitnichten so. Vielmehr trieft das Werk nur so vor popkulturellen Querverweisen, augenzwinkernden Zitaten und ganz bewusster Offensichtssampelei.

OVOXO
Auch Adel Tesfayes arriviertem Amalgam aus polysemem Pop im grobkörnigen Schwarz-Weiß-Modus geht eine gewisse Entwicklung voraus. Die bestritt der junge Kanadier mitnichten allein – und beweist auch, dass die ewigen Spekulationen darüber, ob The Weeknd aus mehreren Mitgliedern besteht, gar nicht so abwegig sind. 2008 begann alles mit einer Rap-Crew namens Bulleez’n’Nerdz, die aus den Kumpels Abel, Lamar und Hyghly bestand. Auch wenn Abel auf Songs wie “Me And My Saxophone“ eher wie eine gute Kopie von Neo-Soul-Barde Aloe Blacc wirkte, zeigte sich, wie gut es schon damals um die Sangeskünste des Burschen, der sich zu dem Zeitpunkt noch The Noise nannte, bestellt war. Parallel zur Musik gründeten Lamar und Hyghly ein Fotografen-Duo, das auf den Namen Shessolovely (SSL) hörte. Gemeinsam agierte das Teenager-Trio fortan als kreatives Konglomerat auf visueller und musikalischer Ebene und adaptierte gekonnt die dieser Tage vorherrschenden DIY-Dogmen des crossmedialen Künstlertums. Die Idee dabei war, immer sehr rough und raw zu bleiben: dreckig, explizit und, aber hallo, schwarz-weiß. 

Ende 2009 löste sich Bulleez’n’Nerdz auf. Aus The Noise wurde The Weeknd. Die ersten Tracks – “Loft Music“, “What You Need“ und “The Morning“ – erschienen im Internet und drangen bis an das Ohr des kanadischen Rap-Shootingstar Drake, der ordentlich Welle für seinen Landsmann machte und ihn nach einem Post in seinem Blog über Nacht zum nächsten großen Ding machte. Genau wie die ungeschönten Texte die Hörer vor den Kopf stießen, tat es der explizite Look, den The Weeknd zur EP-Veröffentlichung lancierte. Ganz im Stil des SSL-Konzepts wurde alles konsequent in schwarz-weiß gehalten. Verwackelt, unscharf, dann wieder ganz nah dran – aber stets so geheimnisvoll, dass man nie um die Identität des Projekts wußte. Das Cover etwa entstammt genauso dem SSL-Portfolio wie die Moods, nach welchen man später das Video zu “What You Need“ drehte. Gerüchte, es handele sich hierbei um ein inoffizielles, vielleicht sogar von Nick Cannon gedrehtes Video, wurden von findigen Bloggern durch Gegenüberstellung einiger Stills enttarnt. Mitunter nahmen die Spekulationen über die Hintergründe des The-Weeknd-Movements ähnlich absurde Ausmaße an wie bei dem ominösen Elektronika-Projekt “iamamiwhoami“. Überhaupt mutet “House Of Ballons“ im Gegensatz zu Frank Oceans’ “nostalgia, ULTRA“ um einiges mystifizierter und artifizieller an.

Ein Fakt, der sich auch im Sound niederschlägt. Der junge Mann mit dem reaktivierten high-top-fade auf dem Kopf bricht die Tabus und verkrusteten Strukturen des Soul mit dem Produzentenduo Doc McKinney und Illangelo gekonnt auf: “House Of Ballons“ ist puristischer und pointierter Minimalismus, der durch orgiastischen Wobblebass und die Tragik eines Aaliyah-Samples gleichermaßen aufgebrochen und zur ganz großen Geste wird. Abel Tesfaye ist ein gerade mal 20-Jähriger, der ganz unverblümt davon berichtet, wie er seine Nase gerade eben noch in die auf dem Glastisch platzierten Linien aus feinstem bolivianischen Nasenwhiskey gehangen hat, um kurz danach völlig zugedröhnt mit abgemagerten Model-Mädchen zu schlafen. Jeder der Songs ist flimmernde und flirrende R’n’Bass-Musik, die sich vornehmlich um Drogen, Frauen und die damit verbundenen Afterhour-Sperenzchen und den Schädel am nächsten Morgen dreht. Genauso der neuste Streich “Rolling Stone“, der als Teaser zur bald geplanten “Thursday“-Veröffentlichung fungiert und mit verzerrter Gitarrenwichserei einleitet, um sich dann zum betörenden Aufreißer-Tune im Akustik-Modus zu verwandeln. Freilich gab es im R’n’B seit jeher metaphernreiche Beischlafofferten, die trotz reichlich Grapewine um den heißen Brei herumredeten. In der Weeknd’schen Deutlichkeit hat sich der R’n’B bis dato aber selten präsentiert.

Die Unfähigkeit des Zurechtfindens im V.I.P.-Bereich
Was neben explizitem Lyricism und innovativem Soundpool vor allem neu ist, ist die Reflexion, mit der die Kunst betrieben wird. Die Vorlage für derart selbstreflektiertes und emotionales Lyricism lieferte der The-Weeknd-Gönner Drake. Wer den neuen Soul inklusive seiner Intimität, Ehrlichkeit und Deutlichkeit verstehen will, der muss die Vita und den Backkatalog des Rappers studieren, der in den letzten beiden Jahren einen ähnlichen Werdegang wie Frank Ocean und The Weeknd hingelegt hat. Der Jungschauspieler entschied sich irgendwann fürs Rappen und Lil Wayne wurde auf ihn aufmerksam. Einige Mixtapes später war Drake plötzlich bei Universal unter Vertrag und das nächste Star am HipHop-Himmel. Vollkommen zurecht wohlgemerkt – denn neben einem gottgleichen Flow waren es vor allem Charme und Charisma, was Aubrey Graham zu einer so interessanten Figur werden ließ. Stets smart und sexy, zuvorkommend, höflich, ein wenig schelmisch, mit den Dudes gleichermaßen unterwegs wie mit den leichten Mädchen und immer ein bisschen verwirrt ob des Trubels um seine Person.

Champagner und Selbstzweifel 
Jeder von Drakes Songs lebt von der HipHop-Grundierung, auf die er immer wieder Crooning-Tüpfelchen so wie Auto-Tune-Nuancen aufträgt und dadurch den Missing Link zwischen dem Machismo-behafteten Sprechgesang und mitunter arg verweichlichten Soul-Säuseleien verkörpert. Ein auf Liedform zurechtgestutzes Zugeständnis an die Unfähigkeit des Zurechtfindens im V.I.P.-Bereich gleichermaßen. Schon Drakes Mixtape “So Far Gone“ aus dem Jahr 2009 ließ den Champagner britzeln und zeigte dennoch immer wieder die Schattenseiten des Ruhmes auf. Zwar drehte er dort wie jetzt auch Frank Ocean Indiekapellen wie Peter, Bjorn & John oder zuletzt Jai Paul durch den Wolf, besonders gut zur Geltung kommen seine introvertierte Prä-Highlife-Depressionen aber auf Beats, die bis auf das Nötigste reduziert werden und derart betäubt klingen, wie man sich morgens um 4 Uhr im Club nach einem Gramm zuviel fühlen dürfte. Die Drumsets werden dermaßen durch den Filter gejagt und runtergezogen, dass nur noch ein dumpfes Rumpeln zu vernehmen ist, welches den Takt mühsam zusammenhält. Und auch die brummenden Synthieflächen dümpeln verhalten im Hintergrund herum. So hat Drake genug Platz, um seine Selbstzweifel und -beweihräucherungen ins Mikrofon zu seufzen. Um den Rap reduziert, klingt The Weeknd recht ähnlich. Es ist kaum verwunderlich, dass die XO Crew und das Young-Money-Camp von Drake immer enger zusammenrücken. Als Anfang Juni ein paar alte Demos von Abel im Netz auftauchten, befand sich darunter auch ein Song, der eigentlich für Drake gedacht war. Der wiederum scheint die OVOXO-Hashtags und den artifiziellen Ansatz der Weeknd-Posse immer mehr verinnerlicht zu haben – gemeinsame Songs in Zukunft sind also nicht ausgeschlossen.

Generell ist es dieser schmale Grat zwischen Egomanie und emotionaler Verwirrtheit über das, was da gerade passiert. Hier die dicksten Eier, die heißesten Frauen und die verrücktesten Drogen, da die einsamen Momente im Backstage, in denen man seinen Status verflucht und fragt, ob das alles jetzt gerade so richtig ist. Es wäre zumindest interessant zu erfahren, warum Künstler wie Drake oder The Weeknd dem VIP-Glanzstatus schon als unbekannte Jungspunde und bisher kaum erfolgreiche Musiker bereits so eine Schattenseite zusprechen, bevor sie ihn eigentlich erlebt haben. Zumindest sind es Gedankengänge, welche die Songs von Frank Ocean und The Weeknd zu sympathischen Songs schleifen – noch dazu, weil die Musik bis dato ohne kommerziellen Hintergrund im Netz veröffentlicht wird und somit einer frei zugänglichen Kunstkritik am Highlife-Hype und Backstagepasskultur gleichkommt, wenngleich dieser Status mitunter eben auch glorifiziert wird. Vielleicht ist es einfach nur der Versuch einer Standortbestimmung, welcher gleichzeitig Ambivalenz und Überforderung mit dem Sujet des angehenden Superstars ausdrückt, Natürlich haben The Weeknd und Frank Ocean das Rad mit ihrem Sound nicht neu erfunden; aber mit welcher Selbstverständlichkeit der Schmalz jedweder 2-CD-Black Music-Compilation hier links liegen gelassen und dafür mit zartem Klangschmelz und raffiniert-offengeistigen Querverweisen und Synkretismus in Sachen Sound garniert wird, ist mindestens so großes Kino wie der Hype, der gerade um ihren R’n’Bass und Post-Soul gemacht wird.

Dank an Julian Essink.

http://www.the-weeknd.com
http://www.frankocean.tumblr.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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