Das Modell des Clubs als alternative soziale Praxis? Inwiefern das noch stimmt und wie sich die Modelle der Clubkulturen voneinander unterscheiden, probierten Alexis Waltz und Aljoscha Weskott im Frankfurter Nachtleben zwischen Experiment und Schranz, dem Frankfurter Brettertechno zum Abgehen.
Text: Alexis Waltz, Aljoscha Weskott | alexis/ aljoscha@classlibrary.net aus De:Bug 48

Musik als soziale Praxis
Eine Reisereportage aus Frankfurter Clubs

Der Main brennt
Ein Bild als Portal zu neuen Sounddimensionen: Die Fotografie eines Chicago-House-Clubs hängt im Büro des Playhouse, Klang & Robert Johnson-Universums. Im post-industriellen Niemandsland Offenbachs will man die Referenz auf Amerika nicht aufgeben. Amerika zählt! Denn wo kann man schon einen unvergleichlichen “Cocktail schwuler House-Musik übergezogen bekommen”, fragt Label- und Clubbetreiber Ata mit Blick auf seinen letzten Besuch im New Yorker Club Shelter.
Ein kongeniales Zusammenspiel von Bass und Wärme in der Musik kitzelt nicht nur die Essenz des Akustischen heraus, es performt gleichsam die soziale Praxis des Clubgeschehens. Das ist wohl die Quintessenz des Moments, den Jeff Mills für Techno beschworen hat. Etwas Neues und Unwiederholbares entsteht. Die Sehnsucht nach dem eigenen Club ist von da aus nur ein logischer Schritt.

Ata: Nach vielen Jahren eigener Cluberfahrung hatte ich die Sehnsucht, mal einen so zu machen, wie ich ihn mir erträume. Diese Idee gab es jedesmal, wenn ich in einem Club stand und nicht wirklich akzeptieren konnte, wie es da lief. Wie der Sound war, wie die Bar betrieben wurde. Denn ein guter Club hängt an vielen kleinen Dingen.

De:Bug: Was hat dir am Frankfurter Nachtleben nicht mehr gefallen?

Ata: Im Frankfurter Nachtleben gab es das Omen, dann gab es das Omen und noch mal das Omen. Sonst war da noch das Dorian Gray, Das hätte vor fünfzehn Jahren zumachen müssen, dann wäre es eine Legende geworden. Aber so wurde der Gaul geritten, bis er tot umfällt. Einen Club für House, Deep House oder eine elektronische Spielwiese gab es nicht wirklich. Sven Väth hat im Omen immer eher Techno gespielt, sehr straight. Wir wurden älter, dort wurde das Publikum immer jünger, die Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden wurde größer. Sven Väth hat uns andererseits natürlich sehr geprägt, bis heute noch. Er ist meine Nummer 1 als DJ und auch als Mensch. Doch bei unseren Labels Playhouse und Klang hatten wir viele DJs und Acts, die nie in Frankfurt zum Zuge kamen.

De:bug: Die Entscheidung, das Robert Johnson zu machen, war also ganz fundamental – um einen Sound hörbar zu machen, der sonst keinen Raum hatte? Wäre nicht eine Lounge interessanter gewesen?

Ata: Das wäre toll gewesen, aber das gibt es hier halt nicht. Es ist eines der Probleme, dass die Gemütlichkeit hier vernachlässigt wird. Man steht permanent im Sound, kann sich nicht zurückziehen, und das finde ich nicht witzig. Nur im Sommer haben wir einen Balkon. Eigentlich sollte es schon multifunktionaler sein.

All Around Robert Johnson
Das Robert Johnson appelliert an eine House-Politik, die anders als das Technomodell nicht auf absolute Intensivierung angelegt ist. Es handelt von der “Durchsetzung einer Republik der erfüllten Begierden für einen Abend”. Jeder Körper ist anschlussfähig: Deephouse ist keine Frage von Jugend, von geschmacklicher und finanzieller Fähigkeit, sich mit zeitgenössischer Garderobe auszustatten. Oder von Workout. Es herrscht totaler Optimismus in Hinblick auf die soziale Übersetzbarkeit der verschiedenen Begehren. Drogen sind nicht Bedingung, um teilzunehmen. Von einer leichten Beschwipstheit zur völligen mentalen Auflösung kann alles in diese Integrationsmaschine geworfen werden. Differenz wird nicht mehr wie in der klassischen Disco durch die Ein- und Ausschlüsse einer harten Tür erzeugt, sondern durch eine experimentelle Intensitätsproduktion. Und die ist für Differenzgewinnler, die sich nur über außermusikalische feine Unterschiede definieren, weitgehend inkompatibel. Im Sound soll eine Dogmatik von Floorfunktionalismen wie beispielsweise bei Techno immer wieder aufgelöst werden, um als experimentell stigmatisierte Tracks an die tanzenden Körper anzuschließen. Die Qualität des DJs misst sich darin, wie sehr er in der Lage ist, sein Publikum an einen anderen Ort zu verführen. Wenn man denkt, jetzt wäre der Moment für ein Vocal perfekt, wird die Erfüllung noch mindestens zwei Stunden herausgeschoben.
Das Robert Johnson ist Reaktion auf den Umstand, dass House sich im deutschen Nachtleben kompatibel einpassen ließ. Unter diesem Affirmationsdruck der vollen Tanzfläche konnte die Musik kaum ihre Übertretungen entfalten, wie das manische Insistieren auf einer kleinen Versponnenheit oder auf den ganzen Ausdruck der männlichen Stimme. Von der Obsession für einen winzigen Sound bis zur Phantasie, ganz großes Subjekt zu sein, geht alles.

What’s in a name?

Das Spiel mit leeren Signifikanten floriert im Clubleben ungebrochen. Robert Johnson ist eines davon. Stammheim ein anderes, ein zeitloses Symbol der BRD. Klar ist, dass dort immer noch viele sitzen. Und nicht in dem gleichnamigen Club in Kassel. Oft wird eine zynische Distanz geübt oder umgekehrt die Wiederholung begehrt, um schließlich über eine diffuse Ambivalenz zu sinnieren.

Welche Verbindungslinien zieht Ihr zu der historischen Bluesfigur Robert Johnson?

“Dazu kann ich nur eins sagen: die neue Playhouse-Compilation heißt ‘Famous When Dead’, und so ist es halt auch leider. Es gibt viele Leute, die jahrelang für eine ganz bestimmte Sache kämpfen oder arbeiten und denen nicht zugehört wird. Ich glaube, dass wir diese Arbeit schon seit Jahren machen. Wir sind auch froh, in dieser Position zu sein und nicht im Rampenlicht, wie alle anderen. Am Ende werden wir sehen, was dabei herauskommt. Auch Robert Johnson wurde nur von seinesgleichen anerkannt. Dieses Bild passt unglaublich gut zu diesem Club hier. Die kurze Geschichte, die wir zunächst von ihm kannten, hat gestimmt. Bei einem Essen mit Tobias Rehberger kam uns blitzartig die Idee zu diesem Namen.
Der Name gräbt sich ein. Er ist ein Geheimnis. Dieser Mann war voller Exzesse, vollgepumpt mit Drogen. Im Grunde machen wir das auch, genau das, 60, 70, 80 Jahre später und es wird wahrscheinlich tödlich enden. Wir versuchen, mit dem Robert etwas Einmaliges zu etablieren. Es ist sehr wichtig, wie Musik hier gehört wird. Viele kommen mit dem Raum auch nicht zurecht oder fragen, ob dass eine Galerie sei. Und ich sage dann: Vielleicht. Letztlich wurde der Raum für spezielle Musik konzipiert.”

Wie verhält sich denn das Robert Johnson gegenüber der Frankfurter Clublandschaft? Was passiert da momentan?

“Die Clubkultur in Frankfurt ist gerade am Explodieren. Wir haben Space Place, Ostparkstrasse 25, King Kamehameha Club, soho, Kiss Kiss Club, 91 East, Unity. Es ist jetzt gerade wieder ein neuer Club aufgemacht worden, der sieht aus wie vor zehn Jahren. Und die Discokugel ist immer noch da. Ich hab nichts gegen Discokugeln. Nur sind einfach alle auf Retro, Retro, Retro! Die anderen, neuen Clubs sind Gummistiefeldiscos. Da läuft Eurodance und House. Dicke Bassdrum, dünne Bassdrum, Schrei, Snaresdrums, Discoloops bis zum Abwinken. Und das ist natürlich nicht unser Ding, wir bleiben auf unserer Schiene. Wir sind immer eine Enklave gewesen, wir waren immer Spezialisten. Wir haben uns das nicht auf die Fahne geschrieben, aber das kommt so rüber, weil wir den Erfolg, den Schranz hat, nie hatten. Den wollen wir auch nicht. Um Erfolg zu erzielen, musst du auf ein bestimmtes Niveau absacken und die Qualität spielt eine große Rolle für uns. Dafür stehen auch diese Räumlichkeiten hier, um Deephouse, wie wir ihn verstehen, hier so zu präsentieren. Und es funktioniert, auch wenn ein gewisser Grad an musikalischer Funktionalität im Robert Johnson erforderlich ist. Man muss ein bisschen gerade auslaufen, leider. Das kommt auch auf den DJ, den Instructor an, der einen an dem Abend navigiert. Der muss die Leute draufheben, das kann halt nicht jeder. Wenn man natürlich mit schwierigen Sachen anfängt, ist das für viele Leute nicht das Wahre, man muss sie erst auf ein Level bringen, dann kannst du sie verführen, auf eine andere Ebene bringen. John Tejada z. B. hatte erst nicht die richtigen Platten mitgebracht, beim nächsten Mal sagte er zu mir: ‘This time, I’m prepared.'”

Nächste Station: Konstabler Wache

Und wieder zurück zur Hauptwache. Dort offenbart sich der ultimative Exzess-Tempel. In einer früheren Fußgängerunterführung gelegen, ist das “U 60311” ein Walfischbauch aus Beton, ein in das Erdreich gegossener Hohlraum, um Schall perfekt zu organisieren. Als hätte man nach dem Ende des Masterclubs Omen die Effizienz von Schranz, Frankfurts rulendem Technomodell, noch einmal architektonisch steigern wollen. Und dieser Betonkörper wirkt, als wolle er die Körper der Tänzer gleich mitkonzeptionieren und auf Schranz eintunen. Die Dramaturgie von Hall und Minimalness, durch die sich die Tracks & Sets von Chris Liebing oder Pascal F.E.O.S. organisieren, pusht die Präsenz zur Hyperpräsenz. Für eine PA physischen Druck zu produzieren, heißt hier Gedärme zu zerfetzen. We mean it. Dieser Nachdruck ist nicht nur eine Frage von situativer Genauigkeit, sondern guter, auch wirtschaftlicher, Organisation.
Das U 60311ist ein düsterer Ort. Von einem Pavillon steigt man auf verschiedene unterirdische Ebenen hinab: vom Mainlevel geht’s einige Betontreppen tiefer zu den Klos, die Lounge “Ubar” führt ein wenig gen Erdoberfläche. Das U60 ist kein “Begeisterungsclub”, wie es das Omen war. Für viele Ältere hat der Übergang vom Omen zum U 60311 nicht funktioniert, (für viele Berliner der Übergang vom E-Werk zum Ostgut auch nicht). Gegenüber dem Omen hat sich einiges geändert: Die Tanzfläche ist nicht mehr zentral auf die gefeierte und verehrte DJ-Figur ausgelegt, sie hat sich in ein Ensemble von Tanzzonen aufgelöst. Den Impuls zum Tanzen gibt nicht mehr die Konfrontation mit dem DJ, so kann man sich in stärkeren und schwächeren Intensitätszonen aufhalten.
Das automatisierte Auf- und Abtauchen in den ehemaligen U-Bahn-Schacht U 60311 unterspült die Ordnung des Banknotenverwaltungsstättenpanoramas. Es ist ein deregulierter Schranz-Tempel, in dem außer Atem mit den Überwachungskameras Luft geholt wird: Doch nicht um sich in eine Heideggerianische Seinsvergessenheit zu schranzen, sondern um auf den irdischen Businessströmen eine andere Schönheit zu erlangen. Die semantische Verschiebung von (Baller)Techno zu Schranz generiert eine eigentliche Poesie des Lokalen, die von einer schroffen, aber leidenschaftlichen Liebe noch während des Zusammenbrechens erzählt. Es ist keine Durchhalteparole, sondern das alltagspoetische Material aller.
“He, alles klar?! Ein bisschen Eis?”
“Ja, danke, es geht schon wieder.”
“He, SCHRANZ, Alter!”
“Ja, man, SCHRANZ!”

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Elektronische Lebensaspekte.